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  4. Ende der kostenlosen Corona-Schnelltests? Karl Lauterbach spart am falschen Ende

Corona-SchnelltestsGratis-Tests sind gut, mit Kontrolle aber besser!

Geht es nach Gesundheitsminister Karl Lauterbach, soll der kostenlose Bürgertest der Vergangenheit angehören. Das ist falsch. Nur weil der Staat sich ausplündern ließ, dürfen die Bürger nicht unter den Konsequenzen leiden. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Vinzenz Neumaier 22.06.2022 - 15:07 Uhr

Damit könnte bald Schluss sein: kostenlose Bürgertests.

Foto: dpa

Eine Stichprobe aus der Pandemie: Ein 20-Jähriger meldet im August 2021 ein Corona-Testzentrum in Freiburg an, kassiert 5,7 Millionen Euro. Das angebliche Testzentrum existierte nie. Eine Firma aus Bochum rechnete in ganz Deutschland hunderttausende Tests ab. Wirklich gemacht hat man wohl keinen einzigen. Egal ob Berlin oder Köln, überall gleicht sich die Masche. Bundesweit gehen Ermittler von einem Schaden von mehr als einer Milliarde Euro aus, den windige Geschäftemacher in wenigen Monaten mit kostenlosen Bürgertests verursacht haben sollen.

Unter diesen Umständen scheint der Vorstoß von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angemessen, die kostenlosen Coronatests abzuschaffen. Die Inzidenz ist noch niedrig, Omikron ist vergleichsweise mild und viele Deutsche sind geimpft. Doch Lauterbach irrt. Kostenlose Tests für alle Bürger waren und sind richtig, um die Coronapandemie zu besiegen. Nur das stümperhafte Verhalten vieler Behörden ließ Kriminellen freie Hand, sich am Leid der Bevölkerung zu bereichern. Dafür soll nun der verantwortungsbewusste Bürger blechen, für seine Tests bezahlen? Eben jener, der sich und seine Mitmenschen schützen will?

Lauterbach spart am falschen Ende! Im Winter 2021 konnte beinahe jeder in den Kiosken und Eckkneipen dieser Nation ein Testzentrum eröffnen und sich eine goldene Nase mit Rachenabstrichen verdienen. Die Qualität der Tests war dementsprechend oft mies. Und für massenhaften Abrechnungsbetrug brauchte man nicht einmal Grundkenntnisse in Buchhaltung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen zahlten jede noch so dubiose Rechnung aus. Kontrollen? Gab es fast nicht. Kein Wunder, dass Betrüger hier das ganz große Geschäft witterten.

Corona-Variante BA.5
Die zunehmenden Corona-Infektionszahlen haben laut Experten mehrere Gründe:Zum einen ist da der Omikron-Subtyp BA.5, der in Deutschland stetig zulegt. „Die Untervariante BA.5 ist noch ansteckungsfähiger als alle Varianten zuvor, kann sich also auch unter den für das Virus widrigen Bedingungen im Sommer verbreiten“, erklärt Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Zudem könne BA.5 nach derzeitigem Kenntnisstand dem Immunsystem entwischen, selbst wenn es schon Kontakt zu Omikron-Varianten hatte, mahnt er. Auch vollständig Geimpfte seien nicht vor einer Infektion gefeit.Auf der anderen Seite steht ein verändertes Verhalten der Menschen. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen verweist vor dem Hintergrund gefallener Corona-Beschränkungen auf höhere Mobilität und mehr Kontakte – und das bei deutlich geringerem Schutzverhalten wie Maskentragen. Auch die nun bei vielen länger zurückliegende Impfung spiele eine Rolle: „Die Immunität hat im Schnitt abgenommen“, so Zeeb.
Auch wenn die Zahlen Wachsamkeit erfordern, einen Grund zur Panik sehen die Fachleute nicht. Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf spricht momentan von einem „moderaten“ Anstieg der Infektionszahlen. Dennoch gelte es, besonders vulnerable Menschen weiterhin konsequent zu schützen.Zeeb sagt, es werde zwar absehbar mehr Infektionen geben, da aber BA.5 nach aktuellem Kenntnisstand klinisch ähnlich verlaufe wie vorherige Omikron-Varianten, dürfte es meist bei milden Verläufen bleiben. In der Summe könne es wieder etwas mehr Hospitalisierungen und auch Todesfälle geben, wenn die Infektionszahlen deutlich ansteigen, denkt er – eine Überlastung des Gesundheitswesens steht aus seiner Sicht aber nicht bevor.Auch Kluge befindet mit Blick auf Normal- und Intensivstationen, wegen der wohl eher milden Verläufe durch Omikron-Sublinien sei eine deutliche Belastung des Gesundheitssystems durch sie im Sommer eher unwahrscheinlich. Dennoch bedeute eine hohe Anzahl von positiven Patientinnen und Patienten auch für Normalstationen eine deutliche Mehrbelastung – insbesondere für die Pflegenden. Watzl verweist auch auf mögliche Ausfälle bei Firmen durch viele leichte Infektionen.
Mit Blick auf das individuelle Verhalten appellieren die Experten jetzt wieder an die Selbstverantwortung. In den kommenden Wochen erwartet Zeeb ein Auf und Ab der Infektionszahlen, ab Herbst und Winter aber dann auch wieder einen Anstieg der Infektionen. So müsse klar sein, „dass Corona unter uns ist, es gibt da keine Sicherheit“, betont Zeeb. Da umfassende Regulierungen weitgehend wegfielen, müsse nun jede und jeder selbst in Situationen mit vielen Menschen, insbesondere in Innenräumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Schutz mit Masken denken und auch den Impfschutz aktuell halten. Ulrichs befindet: „Ein bisschen mehr Vorsicht wäre hilfreich.“

Die Lösung dieses Problems: Weniger Teststellen und stärkere Kontrollen durch die Ämter. Das würde den massenhaften Betrug viel besser eindämmen, als Lauterbachs Vorschlag die kostenlosen Tests abzuschaffen. Positiver Nebeneffekt durch mehr Überwachung: Die Qualität der Tests wird so ebenfalls deutlich steigen, weil unseriöse Anbieter aus dem Markt gedrängt werden.

Lauterbach verfolgt indes eine andere Strategie. In Zukunft sollen sich nur noch bestimmte Risikogruppen und Menschen mit Symptomen gratis testen lassen können. Die bessere Alternative: Städte und Kommunen dürfen nur noch wenige große Testzentren zulassen und sollten diese sodann an seriöse Anbieter wie das Rote Kreuz oder die Johanniter vergeben. Das spart Steuergeld und stärkt die Qualität. Der Winter kommt bestimmt. Jede Infektion, die durch einen Bürgertest erkannt wird, schützt die Bevölkerung. Aber: Ausplündern lassen darf sich der deutsche Staat nicht noch einmal.

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