Hitzewelle: Die bittere Wahrheit muss jetzt dringend zu neuen Regeln führen!

20.07.2022, Berlin: Zwei Joggerinnen laufen am Morgen hinter dem Wasserstrahl eines Rasensprengers im Berliner Tiergarten. Foto: Christoph Soeder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Foto: dpaWer einmal mit Klara Geywitz (SPD) gesprochen hat, kennt ihre Detailverliebtheit. Gerne versenkt sich die Bauministerin im fachlichen Klein-Klein von Richtlinien, Fördertöpfen und Formalien. Am Dienstag war das plötzlich ganz anders. Da nahm Geywitz in Potsdam bei siedenden Temperaturen auf einmal den großen Kampf gegen die Hitze auf – sie stellte ein neues Förderprogramm in Höhe von 176 Millionen Euro für den Schutz vor dem Klima bis 2025 vor. Die Auswirkungen der Hitze in Städten und Kommunen seien zu massiv, sagt Geywitz: Es gelte jetzt, grüne Freiräume zu schützen.
Gut! Die aktuelle Hitzeperiode ist kein singuläres Ereignis, sondern längst ein Teil unserer Welt, mit dem wir umgehen müssen. Immer öfter werden Temperaturen in absurde Höhen steigen, sie werden Menschenleben kosten und Gesellschaft wie Industrie lähmen. So wie 2003, als wegen massiver Hitze Tausende, vor allem ältere Menschen starben. So wie 2018, als die Industrie am Rhein heftigen Schaden nahm, weil der Fluss zu wenig Wasser führte. Geywitz scheint verstanden zu haben, dass Klimaschutz und Schutz vor der Erderwärmung sich nicht länger ausschließen dürfen.
Zu oft diente in der Vergangenheit die Forderung nach Anpassung als Ausrede gegen moderne Klimapolitik. Etwa in der Landwirtschaft. Auf der anderen Seite wischten allerdings auch Klimapolitikerinnen und -politiker viel zu oft legitime Argumente genau deshalb kategorisch vom Tisch. In der Klimadebatte entstand so ein fiktiver Widerspruch zwischen zwei eigentlich miteinander verbundenen Themen. Und dieser Widerspruch behindert bis heute sinnvollen Fortschritt. Das muss besonders jenen zynisch erscheinen, die mittlerweile am meisten unter der Hitze leiden.
Das fatale Ergebnis: Beim Schutz vor dem Klima ist in Deutschland einfach zu wenig passiert. Die Straßen und Mauern in Großstädten heizen noch immer zu stark auf. Bei Sanierung, Nachversiegelung und Neuplanung steht zwar Klimaschutz wie Energieverbrauch und Dämmung auf der Agenda. Zu wenig aber geht es um Hitzeschutz, Frischluftschneisen, sinnvolle Begrünung und Bewässerung. Auf den Autobahnen platzt währenddessen noch immer der alte temperaturanfällige Asphalt auf, obwohl längst klar sein sollte, dass dieser in besonders betroffenen Regionen zu heiß wird.
Die bittere Wahrheit muss jetzt dringend zu neuen Regeln für das Zusammenleben führen: Extremwetter gehören zum Alltag. Den Schutz vor dem Klima gilt es deshalb als Teil gelebten Klimaschutzes zu verstehen.
Bis Oktober können sich Städte und Gemeinden übrigens um Förderung bei Klara Geywitz bewerben. Es bleibt zu hoffen, dass sie die bereitgestellten Gelder voll ausschöpfen werden.
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