Start-ups in der Kreislaufwirtschaft: „Eine Art Ebay für industrielle Abfälle“
Um solche Müllhalden aus Elektroschrott, wie hier in Ghanas Hauptstadt Accra, zu verhindern, müsste mehr in Geschäftsmodelle investiert werden, die sich mit Recycling und Kreislaufwirtschaft befassen.
Foto: dpaWirtschaftsWoche: Herr Gerhardt, Sie kommen aus Wuppertal, diesen Ort verbinden viele nicht unbedingt mit einer pulsierenden Start-up-Region. Warum soll gerade hier ein Zentrum der Kreislaufwirtschaft entstehen?
Carsten Gerhardt: Wir verorten das Circular Valley nicht nur in Wuppertal oder dem bergischen Land, sondern im gesamten Rhein-Ruhr-Raum, dem größten Ballungsraum Europas. Hier leben etwa 14 Millionen Menschen. Hier sitzen Unternehmen wie Covestro, Henkel, Evonik, Lanxess, Bayer, ThyssenKrupp sowie etliche große Mittelständler und Hidden Champions. Außerdem haben sich in dieser Metropolregion viele führende Unternehmen aus der Recyclingindustrie und eine einzigartige Forschungslandschaft angesiedelt, darunter sind etliche Max-Planck- und Fraunhofer-Institute.
Statt über Recyclinglösungen wird gerade aber mehr darüber diskutiert, wann das Flüssigerdgas aus Katar kommt, oder täuscht der Eindruck?
Auch wenn die Energiekrise uns das zwischenzeitlich vergessen lässt: Künftig werden wir immer mehr Vorgaben sehen, was die Recyclingfähigkeit von Produkten angeht. Da spreche ich jetzt nicht nur über das Verbot der Plastiktüte an der Supermarktkasse. Spätestens seit dem Green Deal der EU ist klar, dass nachhaltige Produkte zur Norm werden. Trotzdem kommen immer häufiger kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe zum Einsatz, die sich noch nicht recyceln lassen, etwa in den Rotorblättern von Windenergieanlagen oder den Tragflächen von Flugzeugen. Das stellt uns vor immer größer werdende Probleme.
Laut der Unternehmensberatung EY werden nur 8,6 Prozent des weltweiten Materialflusses wiederverwertet. Es ist immer noch günstiger, Rohstoffe zu gewinnen oder zu importieren, statt sie zu recyceln. Bremst das Ihr Vorhaben nicht aus?
Nein, im Gegenteil. Schließlich kann das Schließen von bisher linearen Stoffkreisläufen die Abhängigkeit von den globalen Rohstoffmärkten reduzieren. Die gestörten Lieferketten, die Rallye an den Rohstoffmärkten und die Energiekrise zeigen, wie wichtig Versorgungssicherheit ist. Dafür braucht es aber den Veränderungswillen der Wirtschaft und eine Politik, die den regulatorischen Ordnungsrahmen vorgibt.
„Wir verorten das Circular Valley nicht nur in Wuppertal oder dem bergischen Land, sondern im gesamten Rhein-Ruhr-Raum, dem größten Ballungsraum Europas“, sagt Projekt-Gründer Carsten Gerhardt.
Foto: PRWie wollen Sie verhindern, dass Unternehmen in der Rhein-Ruhr-Region die Forschung und Entwicklung von Recyclinglösungen in dieser Krise nicht wieder zurückstellen?
Die Krise zeigt doch, dass es nie wichtiger war, ressourcenschonend zu arbeiten. Ich sehe auch nicht, dass sich der Import und das Recycling von Rohstoffen ausschließen. Die meisten Unternehmen fahren zweigleisig, das finde ich auch nicht problematisch. Allerdings bringt es wenig, wenn jedes Unternehmen einen Mitarbeiter abstellt, um Kreislauflösungen zu entwickeln. Hier braucht es mehr Vernetzung und genau da setzen wir mit unserem Angebot an.
Wie weit ist Ihr Vorhaben des Circular Valleys denn vorangeschritten?
Wir haben die Initiative vor zwei Jahren gegründet, seitdem haben drei Kohorten an Start-ups unser dreimonatiges Accelerator-Programm durchlaufen – insgesamt waren es 60. Der nächste Durchlauf startet im Dezember, dann werden wieder 15 bis 20 internationale Start-ups beginnen, hier ihre Technologien und ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Die Auswahlphase dafür läuft gerade. Wenn man das Circular Valley mit einem Flug vergleicht, würde ich sagen, sind wir gut gestartet, aber die Flughöhe haben wir noch nicht erreicht.
Was sind das für Start-ups, die Ihr Programm absolvieren?
Wir haben als Vorgabe nur gesetzt, dass es zum Aktionsplan der EU für die Kreislaufwirtschaft passen muss, der auch Teil des Green Deals ist. Es muss also entweder um das Recycling von Textilien, Industriegütern oder Baustoffen gehen. Wir hatten Unternehmerinnen aus Kenia hier, die aus dem Zellstoff von Ananasfasern Hygieneartikel für Frauen herstellen. Hier war ein thailändisches Start-up, das eine Leasing-Plattform für Matratzen entwickelt hat und ein Unternehmen aus Kanada, das sich mit dem Recycling von Windradflügeln auseinandersetzt. Alle bekommen für die drei Monate ein Gehalt, Patentschutz für ihre Produkte, Hilfe bei der Entwicklung des Geschäftsmodells und, was die Region auszeichnet: Wir vermitteln Kontakte zur Wissenschaft und zur Wirtschaft.
Wie finanziert sich Circular Valley?
Wir werden von Wirtschaftsministerium NRW gefördert, das den größten Anteil übernimmt. Außerdem unterstützen uns Stifter, Sponsoren und Förderer. Das sind unter anderem Unternehmen aus der Region.
Sind denn schon Kooperationen zwischen Start-ups und Unternehmen entstanden?
Ja, nach Abschluss des Accelerator-Programms hat sich der Metallbandveredler Huehoco, ein lokales Familienunternehmen aus Wuppertal, ziemlich schnell mit fünf Prozent an einem deutschen Start-up, den Carbonauten, beteiligt. Ein anderes Start-up fischt Plastik aus asiatischen Gewässern. Der Zangenhersteller Knipex kompensiert jetzt seinen Plastikeinsatz und lässt so viel von dem Start-up aus den Gewässern fischen, wie er selbst wieder neu in Umlauf bringt.
Inwiefern profitieren die lokalen Unternehmen von solchen Kooperationen?
Zu sehen, wie Start-ups aus anderen Ländern mit Problemen umgehen, bietet einen gewissen Aha-Effekt. Das beschleunigt vielleicht auch den ein oder anderen Prozess, der sich intern nicht so schnell hätte anstoßen lassen.
Sie haben mit dem Wiederverwerten von Verbundstoffen ein Problem der Recyclingbranche bereits angesprochen. Ein anderes ist die Sortierung. Gibt es Start-ups, die hier an Lösungen arbeiten?
Ja, es gibt welche, die an chemischen Verfahren wie der Solvolyse arbeiten. Damit lassen sich solche Verbundstoffe wieder auflösen und die einzelnen Stoffe dann auch weiterverarbeiten. Die Sortierung ist vor allem ein Problem, das bei uns Konsumenten zuhause auftritt. Wir bekommen eigentlich alles sehr fein säuberlich getrennt geliefert, aber danach landet vieles noch immer in einer Tonne. Da müsste das Anliefern von Produkten und Abholen kombiniert werden, etwa durch Lieferdienste. Allein würde sich so ein Geschäftsmodell nicht tragen. Ab Dezember kommt ein Start-up aus dem Libanon zu uns, was eine KI-gestützte Sortierung vorantreibt, auch hier bewegt sich also etwas.
Was erwarten Sie, wie sich der Start-up-Sektor in der Kreislaufwirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird?
Ich erwarte, dass es künftig noch mehr Start-ups in dem Sektor geben wird, die sich der Sammlung und Sortierung widmen. Aus meiner Perspektive ist es weniger entscheidend, einzelne Materialien zu substituieren. Plastik ist zum Beispiel nicht per se schlecht, es darf nur nicht in die Meere gelangen. Wir brauchen also bessere Pfandsysteme, um eine missbräuchliche Verwendung einzudämmen, und hier werden einige Start-ups bestimmt noch neue Ideen entwickeln.
Im Moment arbeiten viele Unternehmen an eigenen Recyclinglösungen, dabei bräuchte es eigentlich eine sektorübergreifende Zusammenarbeit. Wie soll da eine Kreislaufwirtschaft langfristig gelingen?
Genau diese industrielle Symbiose möchten wir unterstützen. Ein neues Start-up will beispielsweise eine Art Ebay für industrielle Abfälle entwickeln, schließlich fallen in der Industrie immer Nebenströme an, die nicht verwertet werden. Die Idee gab es schon häufiger, ist aber immer wieder verworfen worden. Jetzt geht es darum, die Probleme genau zu identifizieren und zu schauen, was es in einem Wettbewerbsumfeld braucht, um zwischen Unternehmen Kooperationen zu initiieren. Da stellt sich auch die Frage, wie die Wertschöpfung in der Kreislaufwirtschaft am Ende aufgeteilt wird und welche Verteilungsmechanismen hier greifen sollen. Aber bei dem Thema stehen wir noch am Anfang.
Und bleiben die Start-ups danach in der Rhein-Ruhr-Region?
Es gibt eine Handvoll Start-ups, die aktiv nach Ansiedlungsmöglichkeiten in Wuppertal, beziehungsweise in der Rhein-Ruhr-Region, suchen. Andere adressieren Probleme in ihren Heimatländern, die es hier nicht gibt. Nehmen Sie das Beispiel Ghana: In der Hauptstadt Accra liegt eine der größten Elektroschrottmüllkippen Afrikas. Da hilft es wenig, wenn ein ghanaisches Start-up, das sich dem Problem widmet, dann hier in Wuppertal bleibt. Bei unserem Vorbild, dem Silicon Valley, ist es ja ähnlich. Da werden vor Ort Lösungen entwickelt, die dann weltweit zum Einsatz kommen.
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