Werner Knallhart: Lichtschalter im Hotelzimmer: Klickklackklickklackklick – und es wird! Nicht! Dunkel!

Auf Reisen merken wir erst, wie dumm der Homo economicus ist. Am Licht! Denn die Beleuchtungs-Infrastruktur auf Reisen ist meist auf Jahrzehnte angelegt. Hatte da ein Lampen-Entscheider im Planungs- und Entwicklungsprozess etwa in den 1980er-Jahren einen schlechten Tag, leiden wir darunter mitunter noch bis heute.
Mal konkret: Wenn Sie in einem ICE in Hannover an der Tür stehen, weil Sie aussteigen wollen, und der Zug hält an, fängt der grüne Türöffner-Knopf an zu leuchten. Heißt: Türfreigabe. Wenn Sie da jetzt nicht drauf drücken, sind Sie selber schuld und Sie fahren weiter bis Bielefeld.
Es gibt aber eine ICE-Generation, da können Sie bis Hamm oder Wuppertal an der Tür warten und – den Zeigefinger erwartungsfroh erhoben – auf die grüne Taste starren. Die wird niemals aufleuchten. An keinem Bahnhof unseres schönen Landes. Obwohl der Knopf einen transparenten Ring hat, der einen unterstellen lässt, dahinter verbergen sich Lämpchen.
Und so stehen wohl jeden Tag dutzende Menschen an ICE-Türen in deutschen Bahnhöfen und warten mit halb erhobenen Zeigefingern, bis ein Vielfahrer von hinten brüllt: „DRÜCKEN!“
Ähnlich aufgewühlt werden jeden Tag Millionen Menschen weltweit um zusammengerechnet Abermillionen Minuten ihres wohlverdienten Schlafes gebracht. In ihren Hotelzimmern. Wegen des Beleuchtungskonzepts. Oder besser: wegen des Lichschalterverkabelungskonzepts. Das kein Konzept ist.
Kurz: Obwohl es doch einfach nur dunkel werden soll, klickert man sich vom Tagwerk müde in Unterhose an den Schaltern in den hellen Wahnsinn. Barfuß die Keime vom hochflorigen Teppich mit den Zehen aufnehmend (Kuschelteppichboden in Hotelzimmern: eine Kolumne für sich, fällt mir gerade auf).
Sie stimmen mir doch hoffentlich zu: Egal ob im Premium-Business-Hotel in Berlin oder im Familien-Ferien-Ressort auf Teneriffa, Licht ausmachen ist ein eigener Tagesordnungspunkt.
Da liegt man schon im Bett, legt das Handy beiseite und denkt sich: Ok, pennen jetzt, da geht es los: Über dem Nachttisch prangen drei Schalter.
Wir drücken den ersten: Zunächst scheint sich nichts zu tun. Doch dann merken wir beim Klicken und Klacken: Die Funzel um die Ecke über der Zimmertür geht an und aus.
Wir drücken den zweiten: Plötzlich wird es gleißend hell. Die Strahler direkt über dem Bett ballern uns mit gefühlt 4000 Watt in die müden Blinzelaugen. Klack: Schnell wieder aus.
Dritter Schalter: Plötzlich schimmert auf der gegenüberliegenden Wand hinter einer Zierleiste ein verborgenes LED-Lichtband (kaltweiß) und lässt den Bilderrahmen einen Schatten auf den Kunstdruck mit einem der typisch harmlos geschmacklosen Hotelzimmer-Motive werfen: Windmühle auf Kornblumenfeld in Aquarelloptik. Und warum ist jetzt auch noch Licht unter der Schuhablage?
Dunkel wird es bei keiner Tastenkombination. Denn ausgerechnet die Nachttischlampe und die Stehlampe neben dem mit Sakko und Hose belegten Ecksessel hören nicht auf zu blenden.
Kurz kommt einem da in den Sinn: Ha! Ich lasse mich doch nicht verar- also, nicht wahr?, und ziehe einfach die Zimmerschlüsselkarte aus dem Generalschalter-Schlitz am Eingang, doch, oh weia, da ginge ja dann auch die Klimaanlage mit aus und nur zehn Minuten später würden wir die wie immer viel zu dicke Polyester-Bettdecke aus allen Poren einnässen. Und ach, die Steckdosen: Wie soll je der Handyakku voll werden?
Herrje. Manchmal scheint es, als gäbe es keine Lösung im Hotelzimmer. Die Schlafmasken-Industrie wird frohlocken. Der Puls geht hoch, die Schlafhormone verdampfen im Blut, denn jetzt geht das ekelhafte Gefummel los. Die blinden Griffe in die Lampenschirme. DA! Die Nachttischlampe hat tief verborgen IM LAMPENSCHIRM an der Leuchtmittelfassung hinten eine kleine Erhebung von der Größe von einem Korn Puffmais. Ein Druck und: Das Licht – ist – aus.
Doch was ist mit der Stehlampe? An vergleichbarer Stelle kein Puffmais. Und auch kein Fußschalter. Würde es gehen, die Birne mit dem Schuhlöffel zu zertrümmern? Auf dem Safe lag doch so ein Ding…
Nach frischer Luft japsend reißen wir das Fenster auf und erblicken hinter dem lichtdichten Plastikvorhang neben dem Fensterknauf: noch einen Schalter. Klick. Die Stehlampe ist aus.
Nun ist es stockdunkel und nun gilt es: Wissen Sie noch, wo Sie Rucksack und Schuhe zurückgelassen haben? Ein erneutes Berühren der Lichtschalter für eine Neuorientierung im Raum – niemals. Das wäre zu riskant. Den einen Fuß zitternd vor den anderen setzend erreichen Sie einige Minuten später das Bett. Irgendwo war doch das dünne, rechteckige Kissen? Nee, das ist das fluffige zu dicke quadratische. Und, igitt, das ist das raue Zierkissen, das nie neu bezogen wird.
Am nächsten Morgen wachen Sie mit Kopfschmerzen auf: mit dem Muster des rauen Zierkissens auf der Wange. Ein einzelner Sonnenstrahl kämpft sich durch die Plastikplanen vor dem Fenster. Und Sie atmen erleichtert auf: Die größte Lampe von allen wird in 15 Stunden automatisch ausgehen.
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