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KarriereleiterRhetorik für Führungskräfte: Ersparen Sie sich den Stress mit den Lügen

„Wie soll ich auf der Bühne sein? Was darf ich vor Publikum sagen?“ – Wie wäre es mit der Wahrheit? Spielen Sie kein Theater. Zeigen Sie Ihr echtes Bühnen-Ich, sagen Sie was ist und eliminieren Sie dadurch eine entscheidende Quelle für Blackout-Angst.Marcus Werner 14.12.2022 - 16:42 Uhr
Foto: imago images

„Wie kriege ich bloß mein Lampenfieber weg?“: Die wenigsten von uns können von sich behaupten, als Rampensäue die Bühne als ihr zweites Wohnzimmer zu empfinden. Und das ist auch gar nicht nötig, um souverän vor Publikum zu agieren. Der Wunsch, authentisch rüberzukommen, wird nicht dadurch erfüllt, dass wir bei unserem Auftritt vor anderen Menschen so sind wie am Esstisch mit der Familie oder bei der Wandertour mit Freunden. Wir stecken im Leben ständig in unterschiedlichen Rollen, in denen wir uns unterschiedlich geben, ohne dass wir dabei „unecht“ sind.

Mit unseren Kindern reden wir anders als mit dem Kassierer im Supermarkt. Und mit dem anders als mit unserer Hautärztin oder einem Polizisten, der uns rauswinkt. Weil wir uns jeweils in einer anderen Rolle befinden: liebevolles Vorbild, König Kunde, Rat suchender Patient, Bürger mit Rechten und Pflichten. Und trotzdem würden wir ja nicht sagen: alles nur Show. Wir passen uns eben der sozialen Rolle an, die wir in diesem Moment eingehen, so wie wir im Sommer Shorts und im Winter Rollkragen tragen.

Die Herausforderung ist dabei nur, die Rolle im eigenen Sinne angemessen auszufüllen. Wer nicht anders kann, als mit seinem Kind zu kommunizieren wie mit einem Polizisten, wird zurecht unzufrieden mit sich selber sein. Ist ja klar. Besonders fordern uns Situationen heraus, in denen wir so selten stecken, dass uns die Erfahrung fehlt, wie es auf Dauer gut funktioniert. Das zehrt an der Souveränität. Und dazu gehören für die meisten von uns nun einmal die Auftritte vor Publikum: die Motivationsrede auf der Mitarbeitendenversammlung, anerkennende Worte zum runden Geburtstag einer langjährigen Mitarbeiterin, die Podiumsdiskussion zum Thema „Betriebsklimawandel bei uns am Stammsitz“.

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Da fragen sich dann viele: Wie muss ich da sein und was darf ich sagen, damit ich überzeugend wirke? Und leider, leider kursieren heute immer noch alte Bühnenbenimmregeln, die unsichere Menschen auf der Bühne immer noch unsicherer machen. Weil sie – überspitzt formuliert – den Rat geben: Reißen Sie sich zusammen, geben Sie alles, seien Sie sich der Besonderheit des Moments bewusst und zeigen Sie sich von Ihrer besten Seite. Dazu gehören dann Tipps wie:

  • Nehmen Sie Haltung ein, indem Sie sich vorstellen, Sie müssten eine Walnuss mit den Pobacken festhalten.
  • Sprechen Sie Ihre Bühnenpartner alle paar Minuten mit dem Namen an.
  • Verzichten Sie auf Getränke, denn wer nichts trinkt, kann schon nichts verschütten.

Ist das nicht schrecklich? Alles schon erlebt: Diese Anti-Tipps fordern von Rednerinnen und Rednern, sich Verhaltensweisen anzueignen, die sie zusätzlich aus der Bahn drängen – indem sie dazu raten, sich zu verstellen. Mein Rat: Entdecken Sie Ihr Bühnen-Ich. Und dann seien Sie ganz entspannt ganz Sie. Und dazu gehört aus meiner Sicht als erstes: Eliminieren Sie so viel wie möglich von dem, mit dem Sie sich in ein Bühnen-Korsett von Konventionen, Regeln und Vorgaben zwängen, die Sie irgendwie verunsichern. Weil Sie fühlen: Das bin nicht ich.

So wenig Formulier-Verbote wie möglich

Es gibt gängige Formulier-Regeln. Wir belegen das Publikum zum Beispiel nicht mit Schimpfworten.
Ungelenk werden wir, wenn wir uns speziell für besagten Auftritt ausgeklügelte Rede-Verbote auferlegen. Denn dann kreisen unsere Gedanken nicht allein um die Frage: Was möchte ich gerne sagen. Sondern auch um die Frage: Was darf ich sagen.

In meiner Branche der Fernseh- und Radiomoderatoren gibt es so etwas hin und wieder auch: Bezeichne den Sonntag nicht als „Restwochenende“, das könnte despektierlich wirken. Sag am Ende nicht „tschüss“, sonst fühlen sich die Zuschauer zum Umschalten motiviert. Sag nicht immer „schön, dass Sie da sind“, das läuft sich tot. Wir nennen immer erst die Uhrzeit, dann begrüßen wir.

Heißt: Sag nicht, was dir in den Sinn kommt. Wenn das Überhand nimmt, schwirrt es wegen diesen ganzen Gedanken-Extraschleifen irgendwann im Kopf: Was darf ich und was nicht?
In einer Livesituation kann das Stress auslösen, der die Leute vor der Kamera verkrampft erscheinen lässt. Die Folge: Formatierte Einheits-Formulierungen ohne Seele, wie sie schon bald ein Avatar mit künstlicher Intelligenz besser vortragen können wird.

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Machen Sie sich klar: Sie müssten sich schon extrem vertun, dass Sie mit ungewollten Formulierungen Schaden anrichten. Schmeißen Sie Ihr inneres Formulier-Pflichtenheft über Bord. Billigen Sie sich zu, auf der Bühne frei zu denken. Je nach Bedarf begleitet von gut dosierten Notizen.

Sie duzen einander? Dann duzen Sie einander!

Eine der verheerendsten selbst auferlegten Lügenkonstrukte, die einen auf der Bühne ungelenk machen, ist die Vereinbarung zwischen zwei sich duzenden Menschen, sich in der Öffentlichkeit zu siezen. Und das völlig sinnlos. Die Motivation ist klar: Zu viel gezeigte Vertrautheit könnte die Zuhörer irritieren. Der Punkt ist nur der: Die Vertrautheit ist ja wirklich da. Aus welchen Gründen könnte das Wissen der anderen davon Ihnen schaden?

Immer dann, wenn es besonders gut läuft, das Gespräch immer lockerer wird, das Lampenfieber wie weggeblasen ist, steigt kontinuierlich die Gefahr, dass die Siez-Heuchelei auffällt. Weil Sie Ihr Korsett vergessen. Wenn Anne Will plötzlich Alice Schwarzer duzt (was sie anschließend umständlich erklären muss) oder Marietta Slomka dem Washington-Korrespondenten Elmar Theveßen sagt: „Pass auf dich auf“, obwohl sie ihn in ihren Fragen noch gesiezt hat.

Diese ja super sympathischen Anflüge von Wahrheit diskreditieren leider das Vorherige als unwahres Theater. Und Sie können dann nicht mehr vermeiden, dass sich das Publikum fragt: Was ist sonst noch alles nicht wahr? Wenn Sie diesen rhetorischen Horror-Effekt vermeiden wollen, müssen Sie sich gedanklich akribisch drauf konzentrieren, die Lüge durchzuziehen. Warum aber die Energie dafür verschwenden, anstatt für Ihre aufrichtige Überzeugungskraft?

Wenn Sie erwarten, dass Duzen im Publikum Fragen aufwirft, erklären Sie kurz, woher das kommt: „Wir kennen uns schon aus Studienzeiten/haben schon viele Jahre zusammengearbeitet/sind in der gleichen Partei/sind befreundet, obwohl wir im Job Konkurrenten sind und gegensätzliche Positionen vertreten.“ Fragen Sie sich jetzt: Fühlt sich das nicht herrlich aufrichtig und deshalb befreiend an?

Genießen Sie die Freiheit, sich korrigieren zu dürfen

Wenn Sie das Rede-Korsett ablegen, dann sind Sie weniger gestützt. Freuen Sie sich! Das macht Spaß. Was dann passieren kann, ist, dass Sie hier und da ein bisschen improvisieren. Dass Sie den einen oder anderen Aspekt vergessen (was das Publikum nicht merkt, weil es nicht weiß, was Sie sich vorgenommen haben), wieder andere spontan einfügen. Nennen Sie mir einen Menschen, der das unsympathisch oder gar schädlich für Ihre Überzeugungskraft findet.
Ich war mal auf einer Veranstaltung, auf der die Rednerin sich am Anfang frei redend nach ihrem Geschmack so verzettelt hat, dass sie lachend wieder abgegangen ist mit den Worten: „Ich komm noch mal rein und fange von vorne an.“ Ja, so ist das manchmal, wenn ein Mensch auf der Bühne seine Gedanken live entwickelt. Es gab Zwischenapplaus und ihr sind die Herzen zugeflogen. Unverhofft war ihr da ein Knüller gelungen. Durch eine radikale Korrektur.

Jeder, wie er kann: Sieben Führungsstile
Der Chef gibt den charismatischen Führer, der die Arbeit visionär auflädt. So motiviert er die Mitarbeiter ohne materielle Anreize.
Vorgesetzte bauen auf Moral und Transparenz, außerdem kümmern sie sich um die persönlichen Belange der Mitarbeiter.
Chefs geben klare Ziele vor und unterstützen die Angestellten konstruktiv auf dem Weg dorthin, aber ohne Mikromanagement.
Auch hier gibt es Ziele, dazu aber Konsequenzen. Bei Erfüllung gibt es Belohnungen etwa durch Boni, bei Verfehlung Bestrafungen.
Erfordert Vertrauen und gute Nerven, denn Chefs geben weder detaillierte Vorgaben noch Feedback, sie lassen die Mitarbeiter machen.
Chefs verteilen Aufgaben mit Anweisungen und erwarten, dass sie befolgt werden. Wie gemacht für Kontrollfreaks und Perfektionisten.
Sie verwandelt das Büro in einen Truppenübungsplatz: Der Chef übt oft und gerne öffentlich harte Kritik an seinen Mitarbeitern.

Sie sprechen einen Gast im Publikum mit falschem Titel an, Sie haben einen Namen vergessen, Sie verwechseln netto und brutto, haben einen ganzen Aspekt übersprungen. Gehen Sie in die Offensive und korrigieren Sie sich mit Verve. Nicht zu lang, aber deutlich.

Ich habe mal bei einer Veranstaltung die Leute zwei-, dreimal mit „Guten Abend“ begrüßt. Obwohl es vormittags war. Keine Ahnung, was mich da geritten hat (der Saal war recht dunkel). Irgendwann hat mich ein Gesprächspartner vor allen auf der Bühne drauf aufmerksam gemacht. Oh, bescheuert. Das Gelächter ging auf meine Kosten. Am Ende habe ich mich dann zur Mittagspause verabschiedet mit den Worten: „Ich wünsche eine gute Nacht.“ Diesmal absichtlich.
Unterm Strich würde ich sagen: Die Versprecher zusammen mit der Pointe am Ende waren eher zu meinem Vorteil. Nutzen Sie Korrekturen um zu zeigen, dass Sie selber alles halb so dramatisch finden. Das macht Sie nahbar, glaubwürdig und man hört Ihnen gerne zu.

Also: Ersparen Sie sich selbst eingebrocktes unwahres Theater. Es gibt keine Veranlassung zu glauben, dass die Leute Sie überzeugender finden, wenn Sie sich selbst einengen. Und darum geht es uns ja immer: das Publikum vom eigenen Anliegen zu überzeugen. Die richtige innere Haltung ist dafür Ihr Schlüssel.

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