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Praxen und Labore als RenditeobjektHier operieren Finanzinvestoren besonders gern

Private-Equity-Investoren kaufen zunehmend Augenkliniken, Zahnarztpraxen und Großlabore. Hinter welchen Anbietern die sogenannten Heuschrecken schon stecken – und was sie zur Kritik an ihrem Einfluss sagen.Jürgen Salz 31.07.2023 - 15:19 Uhr
Foto: imago images

Viele Patientinnen und Patienten wissen oft nicht, dass sich hinter ihrer Arztpraxis ein Finanzinvestor verbirgt. Tatsächlich arbeiten die meisten Private-Equity-Firmen lieber im Verborgenen. Besonders auf drei Bereiche haben sie es abgesehen:

Augenärzte: Lieber lukrative Therapien

Hinter etlichen Augenklinikstecken Finanzinvestoren – bei Artemis ist es der britische Investor Montagu, Ober Scharrer mitsamt der Holding Veonet gehört PAI Partners aus Frankreich und dem Ontario Teachers Pension Plan. Und hinter der vor allem im Norden Deutschlands tätigen Kette Sanoptis verbirgt sich die belgische Groupe Bruxelles Lambert. Was die Investoren besonders reizt: Viele Augenuntersuchungen sind standardisiert – und viele werfen lukrative Gewinne ab.

Der Augenmediziner Horst Helbig, der am Uniklinikum Regensburg arbeitet, kritisiert die „Rosinenpickerei“ der Investoren: „Sie wollen primär Gewinne machen und so entstehen Vorgaben, sich auf lukrative Leistungen zu  konzentrieren. Besonders beliebt sind da unkomplizierte Operationen am Grauen Star oder Medikamenten-Eingaben in das Auge, weil das Geld bringt.“ Eher schlecht vergütete Leistungen wie etwa Netzhautablösungen oder Schieloperationen bei Kindern würden sie dagegen gerne den ohnehin schon völlig überlasteten öffentlichen Kliniken überlassen.

Auch das finanzielle Gebaren der Investoren sorgt für Kritik. Um Steuern zu sparen, bürden sie ihren Praxen und Klinikketten oft hohe Schulden auf – wie auch im Falle von Ober Scharrer. Das ist in Zeiten steigender Zinsen nicht ohne Risiken. Im Abschluss 2021 bei Ober Scharrer/Veonet heißt es, die Gesellschaft sei „insbesondere Risiken aus Zinssatzänderungen“ ausgesetzt.

Labormedizin: Sonderkonjunktur dank Corona

Unter den Labordienstleistern, die etwa Blut auf Anzeichen für Krankheiten untersuchen, tummeln sich etliche internationale Finanzinvestoren. So hält der britische Investor Cinven etwa 43 Prozent an Europas größter Laborkette Synlab. Der Hamburger Laborbetreiber Amedes, der ebenfalls zu den Großen der Branche zählt, gehört einem  Konsortium aus der kanadischen Investor Omers Infrastructure, der US-Investmentbank Goldman Sachs und dem französischen Versicherer Axa. Zuvor befand sich Amedes sechs Jahre lang im Besitz des französischen Infrastruktur-Investores Antin.

Private Equity im Gesundheitswesen

„Medizin ist für Finanzinvestoren ein Mittel, um Gewinne zu machen“

Hinter immer mehr Augenkliniken stecken Finanzinvestoren. Beliebt sind dort lukrative Operationen, schlecht vergütete Behandlungen werden dafür in die nächste öffentliche Klinik abgeschoben, berichtet ein Augenarzt.

von Jürgen Salz

Besonders während der Hochzeit der Coronapandemie haben die Großlabore hohe Gewinne eingefahren. Schließlich zahlte der Staat zeitweise 59 Euro pro Test. Ein durchaus stolzer Preis: In Österreich erbrachte der Laborbetreiber Lifebrain die gleiche Leistung für sechs Euro. Dessen Gründer Michael Havel wunderte sich noch im vergangenen Jahr über die deutschen Konkurrenten: „Dass die Preise anderswo höher sind, ist schön für die jeweiligen Laborbetreiber, die Gewinnspannen müssen dort exorbitant hoch sein.“ Lifebrain mache auch bei sechs Euro noch Gewinn, versicherte Havel.

Wolf Frederic Kupatt, der CEO von Amedes betont, dass die Laborbetreiber während der Pandemie eine wichtige Aufgabe gemeistert haben: „Da hat man uns international um unser leistungsstarkes System im niedergelassenen Bereich beneidet. Dazu haben auch private Investoren maßgeblich beigetragen, beispielsweise in der Labor-Diagnostik. Warum sollten wir das jetzt ohne Not ruinieren?“

Inzwischen ist die Sonderkonjunktur jedoch vorbei. Nun wehrt sich die Branche gegen Pläne von Bundesgesundheitsminister Lauterbach, den Einfluss von Finanzinvestoren in der Medizin per Gesetzt zu begrenzen. Amedes-CEO Kupatt findet deutliche Worte: „Die Politik sollte sich an den Fakten und belastbaren Daten zur Qualität der medizinischen Leistung und nicht dem Funktionärsgeschwätz von Heuschrecken und karibischen Steueroasen auf den Leim gehen. Für eine zukünftige, qualitativ starke und bezahlbare Versorgung wäre es viel gescheiter, gemeinsam nach tragfähigen Lösungen zu suchen, um das deutsche Gesundheitswesen auf einem hohen Leistungsstand zu halten.“

Zahnärzte: Keine bessere Versorgung

Zu den Investoren, die Zahnarztpraxen aufkaufen, zählt unter anderem die Züricher Jacobs Holding AG, die aus der gleichnamigen, ehemaligen Kaffee- und Schokoladen-Dynastie hervorgegangen ist. Im Auftrag der Familie kauft die Colosseum Dental Group europaweit Zahnarztpraxen auf. Auch die französische PAI Partners oder Investcorp aus Bahrain sind bei Käufen von Zahnarztpraxen ganz vorn dabei. Die Finanzinvestoren argumentieren etwa, dass sie so auch die Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen sichern.

Das Argument hält die Interessenvertretung der Zahnärzte, die Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, für vorgeschoben: „Unsere aktuellen Analysen belegen anhand klarer Fakten, dass die investorengeführten Medizinischen Versorgungszentren keinen nennenswerten Beitrag zur Versorgung in strukturschwachen, ländlichen Gebieten leisten“, sagt deren Vorsitzender Martin Hendges. „Auch an der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen und Menschen mit Behinderung im Rahmen der aufsuchenden Versorgung sowie an der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit präventiven Leistungen der Individualprophylaxe nehmen die Investoren-Praxen kaum teil.“

Hendges fordert: „Die zahnärztliche Versorgung darf nicht länger den Prinzipien der Gewinnmaximierung geopfert werden, vielmehr muss die fortschreitende Vergewerblichung des Gesundheitswesens seitens der Politik endlich wirksam gestoppt werden.“

Lesen Sie auch: Finanzinvestoren kaufen Kliniken und Hausarztpraxen. Warum sie für Deutschlands Gesundheitssystem ein Segen sein können.

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