Fall Hubert Aiwanger: So schützt man sich vor der späten Rache von Jugendsünden
Hubert Aiwanger
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Schmidt-Deguelle, das ganze Land blickt gerade nach Bayern und den Fall Aiwanger. Er selbst nennt das Ganze eine „Jugendsünde“. Wie ist Ihre Einschätzung?
Klaus-Peter Schmidt-Deguelle: Unter Jugendsünden versteht man dumme Jugendstreiche. Dinge, die vergehen und verjähren. Hier liegt der Fall anders und sollte dementsprechend anders angegangen werden. Zunächst einmal ist diese „Jugendsünde“ besonders schlimm und widerwärtig. Aiwangers Umgang damit macht die ganze Sache aber noch viel schlimmer, indem er die Urheberschaft dieses Papiers verweigert und stattdessen seinen Bruder mit ins Rennen schickt.
Aiwanger ist natürlich ein Extremfall. Immer wieder geraten Politikerinnen und Politiker, aber auch Manager und Managerinnen mit Leichen aus Ihrer Vergangenheit in Skandale. Wie ist der richtige Umgang?
Es gibt einen Grundsatz, dass man, wenn man Mist gebaut hat, zu diesem Mist auch stehen soll. Zuzugeben, dass man etwas gemacht hat und dass es ein Fehler war. Erst recht, wenn jemand nachfragt. Aiwanger hat über mehrere Tage die Fragen der Süddeutschen Zeitung nicht beantwortet – das weckt natürlich sofort den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt und mehr dahintersteckt. Wenn man sich nicht offen dazu bekennt und Fehler einräumt, kann das gewaltige Dimensionen annehmen. Das kann auch auf Managerinnen und Manager übertragen werden, auch in der Wirtschaft kann es vorkommen, dass in der Vergangenheit Dinge getan und gesagt wurden, zu denen man heute anders steht.
Was sind weitere Schritte die dabei helfen können, seine Reputation zu schützen?
Es ist auf jeden Fall angebracht, um Entschuldigung zu bitten, in erster Linie bei den Betroffenen, aber auch in der Öffentlichkeit. Im Fall Aiwanger wäre das nicht nur die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, sondern die jüdische Gemeinschaft weltweit, die ja mit diesem Pamphlet verhöhnt wird – auch wenn es bei diesem keine Entschuldigung gibt.
Macht es dann Sinn darauf hinzuweisen, wie lange etwas her ist?
Juristisch schon – selbst wenn es damals einen Straftatbestand erfüllt hätte, wäre dieser verjährt. Im Kontext Aiwanger zieht das Ganze aber größere Dimensionen, weil Aiwangers zunehmende Radikalisierung heute aktuell ein Thema ist.
Kann es hilfreich sein, die Leichen im Keller schon vorher anzusprechen und einen Shitstorm vorwegzunehmen?
Wenn man wie Aiwanger in der Öffentlichkeit steht, sogar ein politisches Amt hat und die Gefahr sieht, dass etwas ans Licht kommt, sollte man zuerst nach vorne gehen, mit den Vorgesetzten – in diesem Fall dem Ministerpräsidenten – sprechen und das dann von sich aus an die Öffentlichkeit bringen. Das kann eine solche meistens Welle ersparen.
Gerade wächst eine junge Generation heran, die ab einem frühen Alter eine digitale Vergangenheit hat, das Internet vergisst ja bekanntlich nie. Sind jüngere Menschen eher in Gefahr, von Jugendsünden eingeholt zu werden?
Einerseits ja, wie Sie zu Recht sagen, das Internet vergisst nichts, alles kann immer wieder irgendwo gefunden werden. Algorithmen und künstliche Intelligenz machen das noch viel leichter. Auf der anderen Seite gehen solche Jugendsünden in ihrer Fülle aber unter. Man wird nicht mehr zitiert, weil man einen Leserbrief mit dummem Inhalt an die Lokalzeitung geschrieben hat. Das ist heute alles ein singulärer Vorgang. Im Netz gibt es so viele Fehltritte von so vielen Prominenten, dass das nicht mehr unbedingt ein Thema in späteren Jahren sein wird, wenn man zum Beispiel eine höhere Position besetzt. Trotzdem sollten Jugendliche früh sensibilisiert werden, was es heißt, Inhalte im Internet und auf Social Media zu teilen.
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