Homeoffice: Vier Wege, um eine Kultur der Ehrlichkeit aufzubauen
Es war abzusehen, dass der steigende Anteil derer, die ihre Arbeit vom Homeoffice aus erledigen, in vielen Unternehmen Spannungen verursachen würde. Aber es hätte nicht ganz so schlimm werden müssen. Laut einer neuen Umfrage von Envoy vertrauen weniger als ein Viertel (24 %) der Mitarbeiter ihren Kollegen, dass sie von zu Hause aus effizient arbeiten können.
Ein Grund dafür, so Envoy, könnte die Produktivitätsparanoia sein. Microsoft hat diesen Begriff als ein Szenario in Remote- und hybriden Arbeitsumgebungen definiert, „bei dem Führungskräfte befürchten, dass Mitarbeiter nicht arbeiten und dadurch die Produktivität verloren geht, obwohl die Arbeitsstunden, die Anzahl der Besprechungen und andere Aktivitätskennzahlen vermeintlich steigen.“ Möglicherweise spüren Mitarbeiter diese Paranoia bei ihren Vorgesetzten und ahmen sie daher unbewusst nach.
Das Misstrauen kann jedoch in beide Richtungen gehen. Manager beklagen sich, dass sie ihre direkten Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, nicht im Blick behalten können. Gleichzeitig befürchten viele dieser Mitarbeiter, dass ihre Kollegen im Büro die Nähe nutzen könnten, um engere Beziehungen zu Vorgesetzten aufzubauen und dadurch Vorteile oder Chancen auf Beförderungen entstehen.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Misstrauen dem Arbeitsumfeld schadet, während ein hohes Maß an Vertrauen das Engagement und die Motivation fördert, sodass Fehlzeiten reduziert werden.
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In all den Jahren, die ich damit verbracht habe, Organisationen darin zu schulen, Lügen zu erkennen und Wahrheiten aufzudecken, sind dabei Kulturen entstanden, die sowohl Vertrauen als auch Ehrlichkeit in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf fördern: Je vertrauensvoller die Umgebung wird, desto zuverlässiger und produktiver werden ihre Teilnehmer. Seit dem Beginn der Pandemie vor drei Jahren habe ich beobachten können, was es für Organisationen bedeutet, in dieser neuen Ära den richtigen Weg einzuschlagen.
Hier sind vier Schritte, die jeder Manager unternehmen kann, um Vertrauen und Ehrlichkeit in einer Remote- oder hybriden Arbeitsumgebung zu steigern.
1. Fragen Sie Ihre Kollegen, was sie brauchen!
Arbeitskräfte, die im Homeoffice arbeiten, wurden bisher weitgehend in einen Topf geworfen. Dabei sind sie äußerst verschieden. Einige nehmen die Dinge in die Hand, planen ihre Aufgaben selbstständig und fühlen sich wohl dabei, ihre Anliegen und Fortschritte ihren Vorgesetzten gegenüber nicht nur mitzuteilen, sondern manchmal sogar etwas zu oft oder zu deutlich mitzuteilen – was die Arbeit von zu Hause oft auch zu verlangen scheint. Anderen wiederum fehlt die Unterstützung von Kollegen und Vorgesetzten oder sie haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sollten sie von ihrer Familie oder Mitbewohnern umgeben sein.
Manager sollten im Laufe des Jahres in regelmäßigen Abständen überprüfen, wie es ihren Mitarbeitern in ihrer jeweiligen Arbeitsumgebung geht – und ob Anpassungen vorgenommen werden müssen. Und sie sollten dies zu einer ihrer Prioritäten machen. Wenn Sie jemanden einstellen, der bereits von zu Hause aus gearbeitet hat und daran interessiert ist, dies auch in ihrem Unternehmen zu tun, fragen Sie ihn nach seinen bisherigen Erfahrungen. Bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter sollten klare Erwartungen an ihre Arbeitsleistung, ihre Kernarbeitszeiten und Erreichbarkeiten festgelegt werden – unabhängig davon, ob sie zu Hause oder im Büro arbeiten.
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Wenn Manager ihre Erwartungen für alle Mitarbeiter klar formulieren, haben diese mehr Vertrauen in ihre Vorgesetzten und vertrauen gleichzeitig mehr darauf, dass ihre Kollegen produktiv arbeiten.
2. Simulieren Sie natürliche Interaktionen – und zwar viele davon
Menschen sind es gewohnt, in persönlichen Begegnungen Verbindungen zueinander aufzubauen – und diese Verbindungen fördern Vertrauen. Eine Studie von 2022 stellte fest, dass Videokonferenzen diese Dynamiken nicht bieten können. Sie schaffen es nicht, dass alle einem gemeinsamen Raum in Lebensgröße präsent sind oder verfolgen können, worauf die Teilnehmer schauen, ob sie die Körpersprache der anderen im Blick behalten oder sich nebenbei unterhalten. Das erschwert es, die sozialen Dynamiken der Gruppe zu verstehen.
Unternehmen müssen virtuelle Interaktionen zwischen Mitarbeitern simulieren, die persönliche Begegnungen fördern und ähnliche Vertrauensgefühle auslösen. Dies kann bedeuten, bessere Video-Konferenz-Optionen oder -Ausrüstungen bereitzustellen, damit Übertragungen nicht einfrieren und die Teilnehmer von den neuesten Funktionserweiterungen profitieren können.
Es erfordert aber auch die Entwicklung verlässlicher virtueller Lösungen. Etwa virtuelle Versionen von Veranstaltungen, die normalerweise persönlich stattfinden, wie etwa Mentoring-Programme, Town Halls und soziale Zusammenkünfte, um Mitarbeiter dabei zu unterstützen, auch über die Distanz Beziehungen aufzubauen und zu vertiefen.
All dies setzt voraus, dass alle Mitarbeiter wissen, wie sie Remote-Arbeitstechnologie effektiv nutzen können. Viele werden nicht zugeben wollen, dass sie nicht wissen, wie man etwa Breakout-Rooms oder Umfragen einrichtet. Erstellen Sie eine Liste der erforderlichen Kompetenzen – und stellen Sie sicher, dass alle Mitarbeiter auf dem neuesten Stand sind. In einigen Fällen müssen die Unternehmen vielleicht in die Verbesserung der heimischen Geräte ihrer Mitarbeiter investieren.
Auch das Telefonieren sollte nicht völlig aufgegeben werden. Eine Gruppe von Forschern hat kürzlich berichtet, dass Menschen bei reinen Audio-Gesprächen in der Lage sind, durch den Rhythmus der Stimme – die Art und Weise, wie sie sich hebt und senkt – Hinweise aufzunehmen, die uns dabei helfen können, uns sicher zu fühlen, Vertrauen aufzubauen und damit ein innigeres Miteinander zu erleben.
3. Seien Sie transparent bei der Kontrolle!
Nach einer Schätzung verwenden fast acht von 10 Arbeitgebern Fernüberwachungssoftware, um die Produktivität der Mitarbeiter zu kontrollieren. Diese Tools werfen ethische Fragen auf und können den Stress erhöhen und die Leistung beeinträchtigen.
Ich habe jedoch festgestellt, dass die Lösung für Unternehmen nicht darin besteht, auf jegliche Überwachung zu verzichten, sondern die gleiche Ehrlichkeit an den Tag zu legen, die sie von ihren Mitarbeitern erwarten. In einer Gartner-Umfrage gaben satte 41 Prozent der Arbeitnehmer an, dass ihr Unternehmen sie nicht darüber informiert hat, welche Daten gesammelt werden, warum sie gesammelt werden und wie sie verwendet werden. Diese Geheimniskrämerei muss ein Ende haben. Wenn Unternehmen offen darlegen, wie und warum sie ihre Mitarbeiter vor Ort und auch im Homeoffice kontrollieren, entwickeln die Menschen mehr Vertrauen zueinander.
Die Mitarbeiter im Büro bekommen das Gefühl, dass das Unternehmen dafür sorgt, dass die Mitarbeiter, die sich aus der Ferne zuschalten, genauso in die Verantwortung genommen werden wie sie selbst, und sind daher weniger misstrauisch. Mitarbeitern, die vom Homeoffice aus arbeiten, wird versichert, dass das Unternehmen ihre Erfolge genauso misst, wie die ihrer Kollegen im Büro, sodass ihre harte Arbeit nicht unentdeckt bleibt.
4. Teammitglieder darin schulen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen
Arbeitnehmer wollen sich und ihr Unternehmen natürlicherweise vor Blendern in ihrer Mitte schützen. Wenn ich Teams schule, bringe ich ihnen spezielle Techniken bei, um Täuschungsmuster zu erkennen und Menschen dazu zu bringen, ehrlich zu sein. Sie lernen zum Beispiel, wie richtig eingeleitete Fragen emotionale Reaktionen neutralisieren können, sodass die Befragten eher mit einfachen Fakten antworten, statt in die Defensive zu gehen und zu versuchen, die Wahrheit zu verschleiern. Sie lernen auch zu erkennen, wie oft Menschen von einem Gespräch ablenken, wenn ein bestimmtes Thema aufkommt, und dabei auf subtile Veränderungen in der Mimik oder Körpersprache zu achten.
Einer der größten Vorteile dieser Vorgehensweise ist die Entmystifizierung. Die Menschen entwickeln Vertrauen in ihre Fähigkeit, Täuschungen zu erkennen, und machen sich weniger Sorgen, dass sie jemand hinters Licht führt.
Verfolgen Organisationen diese vier Schritte, bauen sie eine Kultur des Vertrauens auf und senken damit die Wahrscheinlichkeit, paranoid zu werden. Sie schaffen eine bessere, zufriedenstellendere und produktivere Umgebung für die Mitarbeiter im gesamten Unternehmen - unabhängig davon, wo sie arbeiten.
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Übersetzung: Eva-Maria Chapuy
Dieser Beitrag ist zuerst bei unserem Kooperationspartner MIT Sloan Management Review erschienen.