Die Virgin Galactic-Aktie befindet sich im Sturzflug.
Foto: ImagoBörsenwoche 431: Editorial: Bruchlandung an der Börse
Die Börsenwelt hat sich verändert – nicht nur durch die Zinswende. Rückblickend ist es geradezu kurios, doch noch vor zwei Jahren dachten Anleger beim Stichwort Raketen nicht an Krieg und Leid, sondern an Ruhm und Rendite. Raketen waren auch damals en vogue an der Börse, allerdings im Zuge eines skurrilen Wettlaufs: Die Milliardäre Elon Musk, Jeff Bezos und Richard Branson lieferten sich ein erbittertes Kopf-an-Kopf-Rennen darum, wer zuerst Passagierflüge ins Weltall anbieten kann. Unternehmer Branson gewann den Wettlauf – auch wenn er deutlich später ins Ziel beziehungsweise All kam, als er ursprünglich angekündigt hatte. Immer wieder gab es auf dem Weg dorthin Pannen. Tragischer Tiefpunkt war der Tod eines Piloten im Jahr 2014, als ein Raumschiff einfach auseinanderbrach.
Branson ließ es sich nicht nehmen, beim offiziellen Jungfernflug selbst an Bord zu sein. Ob der Chef des Mischkonzerns Virgin Group, der vor allem im Bereich Telekommunikation und Musik aktiv ist, mit dem Ergebnis zufrieden war, lässt sich nur erahnen. Das Wettrennen um Flüge ins All hat Branson zwar gewonnen. Genau genommen verlassen die Flüge von Virgin Galactic aber nie die Umlaufbahn. Ob der Autor des Buches „Geht nicht gibt‘s nicht“ das Ziel weiterverfolgt, echte Raumflüge anzubieten, wird sich zeigen. Immerhin können die Passagiere schon heute in 80 Kilometern Höhe ein paar Minuten Schwerelosigkeit genießen – für die stolze Summe von aktuell 250 000 Dollar. Die Nachfrage ist trotzdem hoch. Offenbar hat die Zielgruppe das nötige Kleingeld. Und Branson ist seinen Träumen zumindest nähergekommen als Elon Musk, der ursprünglich den Mars besiedeln wollte.
Für Aktionäre ist Virgin Galactic hingegen zum Albtraum geworden. Schon kurz nach Bransons Höhenflug stürzte der Aktienkurs ab. Ähnlich sieht es bei anderen Weltraum-Werten aus. Sie lassen sich aus Performancesicht grob in zwei Gruppen einteilen: Mischkonzerne mit Weltraumsparte liefen unter dem Strich solide. Grund: Viele von ihnen stellen auch Militärtechnik her, etwa Airbus oder Raytheon. Hoffnungswerte stürzten hingegen in aller Regel bald wieder ab, zum Beispiel das deutsche Unternehmen OHB, das sich deshalb dieses Jahr trotz guter Zahlen für den Rückzug von der Börse entschieden hat.
Die Zahlen von Virgin Galactic sind alles andere als glänzend. Für das laufende Jahr fallen Prognosen von Analysten zufolge 566 Millionen Dollar Verlust an, bei einem Umsatz von 6,2 Millionen Dollar. Zudem hat das Unternehmen 300 Millionen Euro Schulden. Die dürften weiter steigen, denn Nettoprofite sind nicht in Sicht. Anleger hätten es ahnen können: Zu Höchstzeiten wurde die Virgin-Aktie zu Mondpreisen gehandelt, Käufer zahlten fast den 4000-fachen Umsatz. Um solche Bewertungen zu rechtfertigen, braucht es ein wirklich galaktisches Wachstum. Und das dürfte bestenfalls noch länger auf sich warten lassen. Die Lehre aus dem Virgin-Absturz ist aber eine andere: Technische Errungenschaften sind schön und gut – bloß nützlich sollten sie schon auch sein. Auf Touristenflüge ins All, die sich ohnehin nur Millionäre leisten können, trifft das eher nicht zu.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche
Ihr Lukas Schmitt
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Transparenzhinweis: In der ersten Version des Artikels war fälschlich von einem Umsatz der Virgin Galactic in Höhe von 6,2 Milliarden Dollar die Rede. Korrekt ist 6,2 Millionen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.