Silberspekulation ohne Risiko: „Wir sind schlau, wir kaufen Silber“
Wir, Clara und Alexander, absolvieren gerade unser Schülerpraktikum in der Redaktion der WirtschaftsWoche. Warum eigentlich? Irgendwie haben wir Lust auf‘s Schreiben. Wir wollen wissen, wie das so abläuft in einer Redaktion. Gelandet sind wir bei Julia und Frank. Die beiden arbeiten im Ressort Finanzen. Da geht es um so Themen wie Geldanlage, Sparen, wie sorge ich für später vor, welche Aktien soll ich kaufen und all so was. Damit haben wir uns eigentlich noch nie so richtig beschäftigt.
Wir sind 16, wir haben unser Taschengeld. Und das ist meistens recht schnell verprasst. Unsere Eltern haben da irgendwelche Sparpläne gemacht. Aber wo da genau gespart wird? Sorry, keine Ahnung. Aber das lernen wir hier gewiss noch. Klar, wir haben davon schon gehört, von ETFs und wie geil Bitcoin sei. Das ist auch bei uns Thema im Freundeskreis. Aber wir wollen natürlich mehr wissen. Und vielleicht auch mal selber entscheiden, wie wir Geld sparen und anlegen. Aber irgendwie fehlt uns noch die Nähe dazu.
Wir fragen mal Frank. „Gibt es etwas, wo wir etwas Geld sparen können und etwas in der Hand haben, also nicht nur ein Papier oder so?“ Frank überlegt kurz. „Fragt mal Christian, der verkauft Silbermünzen.“ Wir schauen uns blöd an, und fragen: „Wie bitte, wer ist Christian und warum Silbermünzen?“ Frank: „Na, Christian Lindner, unser Finanzminister.“ Frank hilft uns auf die Sprünge. „Das Finanzministerium gibt jedes Jahr Silbermünzen heraus, für 20 Euro das Stück. Gut, die Motive sind manchmal schrecklich, aber die könnt ihr kaufen in den Filialen der Bundesbank.“ Warum sollten wir das machen? „Weil du damit nie verlieren kannst, es bleiben immer 20 Euro, das steht drauf, und du kannst damit auch bezahlen, es ist ein gesetzliches Zahlungsmittel.“
Wir recherchieren. Frank hat Recht. Das Finanzministerium verkauft tatsächlich Silbermünzen, über die Bundesbank, für 20 Euro. Zuletzt war es eine Münze, die war einem Komiker gewidmet, Loriot. Wir kennen den nicht so gut, aber unsere Eltern. Alle in dieser Generation fanden ihn offenbar ziemlich toll. Aber warum die Münzen kaufen?
Wir rennen wieder zu Frank. „20 Euro sind 20 Euro, wir wollen doch das Geld irgendwie vermehren?“ Frank: „Erst mal nicht verlieren. Schaut Euch die Münzen an, was ist da drin?“ Frank nervt irgendwie, er ist ein verkappter Lehrer. Aber dann wollen wir es schon wissen.
Was ist da drin? Da steht was. Was steht da bei der Bundesbank? Technische Parameter der Sammlermünze. Gewicht: 18 Gramm; Durchmesser: 32,5 Millimeter; Legierung: 925 Tausendteile Silber, 75 Tausendteile Kupfer. Und jetzt? Rechnen, sagt Frank. Aber wie? Wir rätseln. Aber es gibt da ja das Internet. Und ganz blöd sind wir nicht. In der Münze stecken also 925 Tausendstel Silber. Das sind dann 16,65 Gramm Silber. Weiter. Was kostet Silber gerade? Wir schauen nach am Bloomberg-Terminal – ein irres Ding, da steht alles drin. Ah, wir haben es: 23,15 Dollar pro Feinunze. Nächster Schritt. Mathe wäre hilfreich jetzt. Ah, Dreisatz ist das. Wie viel Gramm sind eine Feinunze? 31,1034768 Gramm. Wir teilen: 23,15 Dollar durch 31,1034768 Gramm – mit dem Taschenrechner unseres Smartphones.
Ergebnis: 74,43 Cent pro Gramm. Wie viel Silber war noch mal in Christians Münze? 16,65 Gramm. Das mal 74,43 Cent macht dann...12,39 Dollar. Geschafft? Nein. Wir brauchen das in Euro. Dafür gibt es Gott sei Dank Wechselkursrechner im Internet. Bingo: 11,33 Euro. Endlich. Das ist der Wert des Silbers in der Münze. Aber: Warum sollen wir dafür 20 Euro bezahlen?
Wir überlegen. Da geht uns ein Licht auf. Frank hat Recht, verlieren können wir ja nichts, aber wir können gewinnen. Wenn der Materialwert der Münze den aufgeprägten Nennwert übersteigt, dann liegen wir vorne. Genial. In die Gewinnzone kämen wir, wenn Silber in Euro um 77 Prozent stiege. Aber warum jetzt schon kaufen? Frank klärt uns auf. „Nun, sollte der Silberpreis abheben, wird es für Käufe zu spät sein.“ Wenn nämlich die Materialkosten den Nennwert übersteigen, wird der Staat solche Münzen nicht mehr auflegen. Es wäre für Lindner ein Verlustgeschäft. Neue Münzen würden dann mit höherem Nennwert oder geringerem Silberanteil aufgelegt. Vielleicht verschwände Silber auch ganz.
Das sei alles schon passiert, sagt Frank: „Auf dem Höhepunkt der Silberhausse 1979/80 wurde eine geplante Fünf-Mark-Serie wieder eingeschmolzen. Bis 1987 enthielten Gedenkmünzen nur noch Kupfer und Nickel. Seit Einführung des Euro-Bargeldes 2002 wurden jährlich mehrere Zehn-Euro-Silbermünzen herausgegeben. Als der Materialwert des Silbers 2010 über den Nennwert stieg, verschwand Silber von 2011 an vorübergehend komplett aus den Münzen. Es wurde ersetzt durch eine Legierung aus Kupfer und Nickel. Von 2016 an kehrte Silber dann wieder zurück, aber der Nennwert stieg auf 20 Euro.“
Im Mittelalter wurde Falschmünzerei hart bestraft. Aber so weit wollen wir nicht gehen. Wir brauchen nur die Termine, wann wir die nächsten 20-Euro-Silbertaler gegen 20-Euro-Noten tauschen können in einer Filiale der Bundesbank. Wir fragen nach bei der Bundesbank in Köln. Hier die Daten: 11. April 2024 (300. Geburtstag Immanuel Kant); 23. Mai 2024 (75 Jahre Grundgesetz); 5. September 2024 (125. Geburtstag Erich Kästner).
Für Fußballfans unter den Silberfreunden gibt Lindner anlässlich der UEFA-Fußball-Europameisterschaft in Deutschland am 8. Mai 2024 zudem noch eine Elf-Euro-Silbermünze heraus. Gewicht: 14 Gramm, davon die Hälfte aus Silber mit einem Materialwert von aktuell 4,76 Euro. Hier liegen wir erst nach 131 Prozent Preisanstieg in der Gewinnzone. Am meisten freuen wir uns aber über die 25-Euro-Weihnachtsmünze, die vom 21. November 2024 an ausgeben wird: 22 Gramm Feinsilber, also reines Silber. Da wären wir schon nach 67 Prozent Anstieg der Silberpreises im Plus. Minus machen können wir nie. Wir sind schlau, wir kaufen Silber. „Ihr habt das Zeug für einen Hedgefonds“, sagt Frank.
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