Geburtenrate: Abstieg eines Vorbilds: Geburtenrate in Frankreich stürzt ab
Lieber ohne Kinder: Immer weniger Französinnen wollen Mutter werden
Foto: imago imagesEs ist ein Thema, bei dem das höchst Private höchst politisch wird, wo der Staat gewissermaßen in die Schlafzimmer schaut: die Geburtenrate. Und über lange Jahre gab es beim routinierten Blick unter die nationale Bettdecke klare Gewissheiten: Die Deutschen waren die Underperformer, wenn sie so weiter machten, würden sie langfristig aussterben. Das passte irgendwie zum steifen, kontrollierten Image der Deutschen.
Ganz anders da die Franzosen, die verlässlich als Vorbild herhalten durften. Auf der anderen Seite des Rheins schien alles kein Problem: mehrere Kinder kriegen, bald nach der Geburt wieder in Vollzeit arbeiten, das Ganze nicht mit dem gestressten Blick deutscher Mütter, sondern entspannt-elegant, wie eine Französin eben. Savoir-vivre meets Emanzipation meets erfolgreicher Sozialstaat. Die frühe und fast kostenlose Kinderbetreuung in Frankreich ist legendär.
Das Problem ist nur: Während die Deutschen unverdrossen Frankreich als Vorbild preisen, sinken die Geburten dort seit Jahren massiv. Wie die französische Statistikbehörde nun mitteilte, wurden vergangenes Jahr so wenige Kinder geboren wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Mit 678.000 Babys fiel die die Zahl erstmals unter die magische Marke von 700.000. Lange Zeit waren in Frankreich Werte weit jenseits der 800.000 normal.
Jetzt ist in Frankreich eine erregte Debatte entbrannt, wer Schuld trägt an der Baby-Flaute. Viele sehen die wirtschaftliche Unsicherheit als Grund: Die französische Familienvereinigung Unaf hat in einer Umfrage herausgefunden, dass jeder Dritte, der keine Kinder will, die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage verantwortlich macht. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Eltern, die eigentlich mehr Kinder wollten, sich nun aber zurückhalten.
Hinderungsgrund Nummer zwei: die hohe Inflation. Es fehle schlicht das Geld, um (noch) ein Kind durchzufüttern.
Die zahlreichen Medienartikel, die die sinkende Fertilität verstehen wollen, haben noch einen dritten Schuldigen ausgemacht: Die Französinnen wollten sich nicht mehr dem doppelten Stress aus Kindererziehung und Karriere aussetzen und verzichteten deshalb auf die Kinder. Wenn sie doch welche bekommen, dann immer später und immer weniger (so viel ist belegt).
Welches dieser Argumente auch immer das Schlagkräftigste sein mag, auffällig ist, dass der Trend kaum Einwanderer betrifft. Während die Zahl der Babys mit zwei ausländischen Elternteilen kontinuierlich ansteigt, findet der krasse Einbruch bei Babys mit rein französischen Elternteilen statt.
Präsident Emanuel Macron will nun gegensteuern. Bei der Kinderbetreuung gibt es kaum Handlungsbedarf: Schon kurze Zeit nach der Geburt können die Babys in die Crèche, die Krippe, und das bis spät am Nachmittag und gegen ein minimales Entgelt. Hier kann das Problem also nicht liegen.
Stattdessen hat Macron einen anderen Ansatz ausgemacht: Wer ein Baby bekommt, soll künftig eine Auszeit nehmen können, sechs Monate pro Elternteil, für bis zu 70 Prozent des bisherigen Gehalts, gedeckelt bei 1800 Euro.
Es scheint, als sei der Blick auf der Suche nach Vorbildern diesmal andersherum über den Rhein gewandert.
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