BörsenWoche 444: Editorial: Neue Börsengänge: Endlich Vernunft

Die Euphorie, die vor drei Jahren an den Aktienmärkten herrschte und die Kurse einzelner Aktien in die Höhe trieb, wirkt rückblickend geradezu absurd. Der Batterieentwickler Quantumscape zog damals zwischenzeitlich in puncto Börsenwert mit BMW gleich, ohne Produkt oder Umsatz. Die Aktie des obskuren Medizintechnikers Signal Advance verhundertfachte sich, nachdem Tesla-Chef Elon Musk den Messengerdienst Signal empfahl – der mit der Aktie lediglich den Namen teilte.
Der Überschwang der Anleger hatte einen Boom bei Börsengängen zur Folge. Viele Neulinge waren jung und unprofitabel. Lange dauern solche Phasen in der Regel nicht: 2022 war die Luft raus. Der US-Technologieindex Nasdaq fiel hart. Eine ganz Reihe von High-Tech-Börsenlieblingen gab um 80 Prozent oder mehr nach. Das Interesse an Börsengängen ebbte ab, Kapital wurde teurer und saß nicht mehr so locker.
Vergangenes Jahr wurde bei Börsendebüts nur ungefähr ein Viertel der Summe des Jahres 2021 eingesammelt (siehe Grafik). Nun gibt es Erholungszeichen. Sogar ein wenig Euphorie breitet sich wieder aus. Vergangenen August wurde der vietnamesische E-Auto-Hersteller Vinfast nach seinem Börsengang kurzzeitig mit 85 Milliarden Dollar bewertet – und damit höher als VW.
Insgesamt zeigen sich die Märkte aber wieder vernünftig. Die Nachfrage ist robust genug, dass sich Unternehmen wieder an die Börse trauen. Gleichzeitig sind die Vorbehalte der Anleger ausreichend groß, um fragwürdige Start-ups fernzuhalten und die Bewertungen zu zügeln.
Arm und Birkenstock
Zwei große Börsengänge des Jahres 2023 haben mittlerweile eine ansehnliche Bilanz, obwohl die Unternehmen als gehyped und hoch bewertet galten. So war etwa der Börsengang von Arm im September vergangenen Jahres laut Analysehaus Morningstar „sehr, sehr“ teuer. Der Markt war anderer Meinung: Die Aktie des britischen Chipdesigners ging zu 51 Dollar an die Börse, der Eröffnungskurs lag bei 56,10 Dollar. Mittlerweile notiert Arm bei rund 76 Dollar.
Ähnlich sieht es bei der Sandalenikone Birkenstock aus, die im Oktober an die Börse ging. Dem Luxuskonglomerat LVMH wurde unterstellt, bei der Abspaltung einen deutlich zu hohen Preis anzusetzen. Eine ehemalige LVMH-Führungskraft nannte den Ausgabekurs von 46 Dollar „gierig“ – der Eröffnungskurs lag mit 41 Dollar immerhin deutlich niedriger. Auch hier griffen Anleger zu, die Aktie notiert aktuell um 45 Dollar.
Das soll nicht heißen, dass Anleger bei Börsengängen direkt zulangen sollten. Neuemissionen im Ausland können sie ohnehin kaum zeichnen. Erst einmal von der Seitenlinie aus zuzuschauen, ist meist die bessere Strategie. Bei Arm wie bei Birkenstock gab es zunächst einen kräftigen Rücksetzer.
Wer den – natürlich nicht abzusehenden – perfekten Einstiegskurs bei Arm erwischt hat, ist jetzt rund 63 Prozent im Plus. Bei Birkenstock waren bislang bestenfalls 25 Prozent Kursgewinn drin.
Die Skepsis hält die Preise im Zaum. In beiden Fällen hatten die Verkäufer der Börsenneulinge im Vorfeld ihre Erwartungen etwas zurückgeschraubt. Der Markt lässt sich nicht alles gefallen. Gerade deshalb dürfte es auch dieses Jahr ein paar interessante Börsengänge geben.
Ihr Marlon Bonazzi
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