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  4. Whistleblower: Boeing und der Fall Barnett

WhistleblowerVerzweifelt und in die Enge getrieben

Der Tod des Qualitätsmanagers von Boeing zeigt einmal mehr: Whistleblower mögen anderen Menschen das Leben retten, sie selbst aber nehmen dafür eine enorme psychische Belastung auf sich. Wie sich diese lindern lässt, zeigt ein Blick nach Belgien.Claudia Tödtmann 13.03.2024 - 19:51 Uhr
Foto: Getty Images

32 Jahre lang hatte John Barnett als Qualitätsmanager beim amerikanischen Flugzeughersteller Boeing gearbeitet. 2019 enthüllte er, dass es bei dem Flugzeug des Typs 787 gravierende Sicherheitsmängel gebe. Die Arbeiten würden unter hohem Zeitdruck stattfinden, es würden minderwertige Teile eingebaut, die Sauerstoffmasken hätten eine Fehlerquote von 25 Prozent. Doch Boeing habe nichts dagegen unternommen. In der vergangenen Woche sagte der 62-Jährige vor Gericht in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina aus. Die Anwälte  des Unternehmens nahmen Barnett ins Kreuzverhör. Als er Samstag vergangener Woche nicht mehr im Gericht auftauchte, wo er weitere Aussagen hätte machen sollen, suchte man ihn und fand ihn in seinem Auto auf dem Hotelparkplatz. Laut Gerichtsmedizin war er an „einer selbst zugefügten Schusswunde“ gestorben.

Barnett mag mit seinen Hinweisen anderen Menschen das Leben gerettet haben – er selbst hat die Aufklärung mit seinem Leben bezahlt. Und er ist kein Einzelfall. Whistleblower haben meist ein tragisches Schicksal. „Fast alle verloren bisher ihren Job, nachdem sie ihren Arbeitgeber öffentlich kritisierten oder anzeigten“, sagt Compliance-Anwältin Karin Holloch. „Viele gerieten in finanzielle Schwierigkeiten daraufhin und bekommen fast immer psychische Probleme.“

Das Vorurteil vom Intriganten und Denunziant

Eigentlich sollten Unternehmen wie Boeing dankbar sein für Hinweise, die schlimme Unglücke oder gar Todesfälle verhindern, meint Holloch. Noch immer aber unterliegen sie ihrer Ansicht nach dem Vorurteil, Hinweisgeber seien Intriganten, Verräter oder Denunzianten. „Dass jetzt auch hierzulande ein Hinweisgeberschutzgesetz gilt, hat an dieser verbreiteten Sicht bislang noch wenig geändert.“ 

Whistleblower

Viel zu wenig Meldungen für die Unternehmen

von Claudia Tödtmann

Holloch ist Mitautorin der Stellungnahme von Transparency Deutschland zum Entwurf des Hinweisgeberschutzgesetzes. Darin stand bereits der Vorschlag, einen Fonds zur Unterstützung und Beratung von Whistleblowern zu errichten – ähnlich wie der Fonds des Bundesfamilienministeriums für sexuelle Missbrauchsopfer oder der Weiße Ring. Schon in der Europäischen Richtlinie, die dem hiesigen Gesetz zugrunde liegt, steht, dass die Mitgliedsstaaten finanzielle Hilfen und unterstützende Maßnahmen einschließlich psychologischer Betreuung bereitstellen können. In Belgien zum Beispiel gibt es das Föderale Institut der Menschenrechte, das umfassende Unterstützung samt juristischem Beistand bietet. Finanziert wird es mit staatlichem Geld. Ein wichtiges Instrument, wie Ninon Colneric, frühere EuGH-Richterin und Expertin für Hinweisgeberschutz, betont: „Whistleblower verlieren nicht selten ihre Existenz.“

Martin Porwoll zum Beispiel verlor nach dem Zugriff der Staatsanwälte 2016 nicht nur seinen Job in der Apotheke, dessen Chef er angezeigt und mit überführt hatte, als der Krebsmittel panschte. Jahrelang fand Porwoll keine neue Anstellung, der Makel des Nestbeschmutzer hing an ihm, viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab. Er war isoliert. So wie viele andere Hinweisgeber.
Porwoll litt in den Folgemonaten schwer, als er den Betrug bereits entdeckt hatte, aber erst zehn Monate später die Staatsanwaltschaft die alles entscheidende Razzia machte. Mehrmals musste der Notarzt zu ihm gerufen werden wegen Panikattacken. Anfangs ermittelten die Staatsanwälte auch gegen ihn selbst. Auch er hätte sich deshalb psychologische und finanzielle Hilfe gewünscht, sagte er vor wenigen Wochen im Interview mit dem Fachblatt „Human Resources Manager“. 

Vermeidbare Todesfälle in der Klinik

Erst Anfang Dezember nahm sich eine Whistleblowerin in Friedrichshafen das Leben. Sie war verzweifelt, fühlte sich in die Enge getrieben. Die Frau hatte einem Chefarzt am Medizin Campus Bodensee (MCB) in Friedrichshafen vorgeworfen, dass Operationen ohne vorgeschriebene herzchirurgische Spezialistenteams durchgeführt wurden und bei Notfällen die Patienten mit Hubschraubern in andere Kliniken geflogen werden mussten. Aber auch, dass Notfallpatienten immer wieder abgewiesen wurden, um freie Betten für die profitableren Kardiologiepatienten zu haben. So hatte sie Ermittlungen der Staatsanwaltschaft angestoßen – gegen den Chefarzt und eine ganze Reihe von Ärzten wegen mutmaßlicher fahrlässiger Tötung, Betrug und unterlassener Hilfeleistung. Das alles habe zu vermeidbaren Todesfällen geführt, schrieb die Oberärztin laut Medienberichten.  

Die Klinik wies die Vorwürfe zurück – und wollte die Frau offenbar fristlos kündigen. Die Medizinerin schluckte daraufhin Anfang Dezember eine Überdosis Tabletten, berichtete die „Stuttgarter Zeitung“. Erst im Januar durchsuchte dann die Staatsanwaltschaft die Klinik und beschlagnahmte Patientenunterlagen. Jetzt laufen interne wie externe Ermittlungen. 

Lesen Sie auch: Im internationalen Vergleich liegen die Ergebnisse der Hinweisgebersysteme der deutsche Arbeitgeber ganz weit hinten. Welche Konzerne ein bisschen Erfolg haben und was Unternehmen tun können.

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