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Versorgung in PraxenBietet Lauterbachs „Gemischtwarenladen“ Abhilfe gegen den Ärztemangel?

Den Ärztemangel auf dem Land und in ärmeren Stadtteilen will Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit einem Gesetz beheben. Unklar bleibt, ob mehr Geld auch mehr Versorgung bringt.Cordula Tutt 23.05.2024 - 07:22 Uhr
Foto: imago images, dpa Picture-Alliance

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will mehr Mediziner als Hausärzte gewinnen – gerade auf dem Land und in ärmeren Stadtteilen, wo die Versorgung oft zu wünschen übrig lässt. Dazu hat er am Mittwoch den Entwurf des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzes (GVSG) durchs Kabinett gebracht, das „einen Beitrag für gleichwertige Lebensverhältnisse deutschlandweit“ liefern soll. 5000 Kassensitze für Hausärztinnen und Hausärzte seien deutschlandweit bereits nicht mehr besetzt, sagte Lauterbach und verspricht nun Abhilfe.

Doch die Zeit wird knapp für den Umbau im Gesundheitssystem. Und der Erfolg ist ungewiss.

Auf dem Land und in ärmeren Stadtteilen dünnt sich das Angebot an medizinischen Leistungen insgesamt aus. Geht das Gesetz durch, würden sich wieder mehr Studierende fürs Dasein als Hausarzt entscheiden, so Lauterbachs These. Das bringe Abhilfe gegen „medizinische Banlieues“, wie der Minister in Anspielung auf sozial abgehängte französische Vorstädte sagte.

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von Cordula Tutt

Weniger Bürokratie und mehr Bezahlung verspricht er, durch die Digitalisierung könne künftig auch ein Teil des Jobs von zu Hause aus erledigt werden: Krankschreibungen und Rezepte ausstellen etwa. Vor kurzem hatte der Minister selbst gewarnt: „Wir haben 50.000 Ärztinnen und Ärzte in den letzten zehn Jahren nicht ausgebildet. Daher werden uns in den nächsten Jahren flächendeckend die Hausärztinnen und Hausärzte fehlen.“ Den Mangel könnten sich viele „noch gar nicht richtig vorstellen“.

Das Vorhaben Lauterbachs ist jedoch umstritten und könnte im Bundesrat zumindest aufgehalten werden. Kommendes Jahr ist bereits Bundestagswahl, dann wirken streikende Ärzte wenig hilfreich beim Werben um Stimmen.

Dem absehbaren Mangel soll eine großzügigere Vergütung entgegengesetzt werden. Die soll vor allem Hausärzte unterstützen. So soll die vorgegebene finanzielle Obergrenze für Leistungen je Praxis fallen, ebenso wie die Strafzahlungen, wenn ein Arzt besonders teure Medikamente verschrieben hat. Auch soll es sich für Patientinnen und Patienten finanziell lohnen, immer zuerst zur Hausärztin zu gehen. Doch Kassen und Ökonomen warnen, dass mehr Geld nicht mehr, nicht unbedingt eine bessere und auch nicht automatisch eine flächendeckende Versorgung bedeute.

Einige der Lauterbach‘schen Pläne, etwa leicht zugängliche „Gesundheitskioske“ oder Primärversorgungszentren sowie eine Finanzierung neuer Medizinstudienplätze, sind im Entwurf auch bereits gestrichen. Bleiben soll dagegen die Bezahlung homöopathischer und anthroposophischer Leistungen, für die keine medizinische Wirksamkeit belegt ist.

Kritik an Karl Lauterbach

Die Kassen reagierten bereits auf die Pläne Lauterbachs und kritisierten, sie böten keine durchgreifenden Ideen und verteuerten Leistungen nur. Das Gesetz sei ein „bunter Gemischtwarenladen“, der keine überzeugenden Ansätze für eine bessere ambulante Versorgung liefere, erklärte die Vorstandsvorsitzende der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), Carola Reimann, früher SPD-Gesundheitspolitikerin.

In einer Stellungnahme warnte der AOK-Verband, dass die Lauterbach-Pläne zur Zukunft der hausärztlichen Versorgung ausgerechnet die Versorgung auf dem Lande und für chronisch Kranke verschlechtern könnten, weil das Geld nicht dorthin fließe.

Ärztemangel? Wo es hakt

Glaubt man den Krankenkassen, praktizieren in den Praxen so viele Medizinerinnen und Mediziner wie noch nie. Das Problem ist demnach ein anderes: Die Praxen sind ungleich verteilt und außerdem gibt es unter den Medizinerinnen und Medizinern dort immer mehr, die in Teilzeit arbeiten. Privatpatientinnen und -Patienten bekommen auch einfacher einen Termin als Kassenversicherte.

Nach aktuellen Zahlen zum Jahresende 2022 waren im ambulanten Bereich, also in den Praxen, 165.686 Ärzte tätig – knapp 1,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nach Daten der Bundesärztekammer sind die meisten Praxisinhaberinnen, ein Viertel sind dort angestellt oder eben in einem Medizinischen Versorgungszentrum tätig. Die Ärztekammer spricht davon, dass hier jeder vierte Arzt 60 Jahre oder älter sei.

Zugleich steigt die Zahl der Medizinerinnen – Frauen machen inzwischen die Hälfte der Berufsgruppe aus. Damit sinkt zugleich die Arbeitszeit der einzelnen Medizinprofis, weil Frauen auch hier überdurchschnittlich oft in Teilzeit arbeiten.

Tatsächlich fällt die Zahl der Hausärzte, die die ersten Ansprechpartner der Menschen im Gesundheitswesen sein sollen. 1999 gab es noch 59.290 von ihnen, die Kassenversicherte behandelten. 2022 waren es nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) noch 55.112 Hausärzte. Die Zahl der Fachärzte stieg dagegen.

Zudem liegen die Sprechzeiten der Praxen nach Zahlen des Spitzenverbandes der gesetzlichen Kassen (GKV) unter dem Soll, das der Gesetzgeber vorsieht. Niedergelassene Haus-, Kinder- und Fachärzte böten im Schnitt in den Praxen 29 Stunden pro Woche Sprechzeit an, mitsamt Hausbesuchen. Die vorgegebenen 25 Wochenstunden Sprechzeit sowie eine offene Sprechstunde in bestimmten Fachrichtungen hielten längst nicht alle ein, heißt es. Insgesamt böten ein Viertel der befragten Einzelpraxen einer vollen Kassenzulassung weniger als die 25 Sprechstunden pro Woche an und acht Prozent sogar weniger als 20 Sprechstunden.

Auch die Verteilung der Praxen innerhalb Deutschlands ist für viele Menschen ungünstig. Das Thünen-Institut hatte in einer groß angelegten Studie bereits vor einigen Jahren herausgefunden, dass Kranke vor allem in ländlichen Regionen teils sehr weite Wege in eine Praxis haben. Das galt damals bereits für Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz, teilweise auch für einzelne Landstriche in anderen Regionen. Dort seien auch kaum noch Apotheken oder ambulante Pflegedienste erreichbar.

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