Biontech, Moderna & Co.: Das sind die größten Hoffnungen im Kampf gegen Krebs
Wird Krebs heilbar? Viele Unternehmen forschen daran.
Foto: imago imagesDas McCormick Place Convention Center, eine gläserne Kongresshalle gleich am Lake Michigan in Chicago gelegen, wird in den kommenden Tagen kurzzeitig zum Ort der größten Hoffnung der Menschheit werden. Mehr als 40.000 Medizinerinnen und Mediziner treffen sich hier ab diesem Freitag zum weltgrößten Krebskongress der American Society of Clinical Oncology, kurz Asco. Pharma- und Biotechkonzerne von Novartis bis Bayer stellen auf dem Kongress ihre neuesten Forschungsergebnisse vor. Und diesmal sind die Erwartungen im Vorfeld besonders hoch, die Aktienkurse von Biontech und Moderna sind zuletzt stark gestiegen – auch wegen deren Aussichten auf neue Krebspräparate.
Der Bedarf an neuen Medikamenten ist hoch, die Zeit drängt. Krebs ist immer noch eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an der Krankheit, etwa zehn Prozent sterben daran. Jedes Jahr ereilt laut Weltgesundheitsorganisation weltweit 20 Millionen Menschen eine Krebsdiagnose, Tendenz steigend.
Präzisere Waffen gegen Krebs
Die gute Nachricht: Noch nie gab es so viele technologische Möglichkeiten, Krebs zu bekämpfen. Das sagt etwa Markus Manns, Portfoliomanager beim Aktionär Union Investment, der bei vielen Medikamentenherstellern investiert ist. Manns, selbst Mediziner und langjähriger Asco-Beobachter, zählt die Chancen auf: Zahlreiche Immuntherapeutika sind bereits auf dem Markt, die das Immunsystem zur Krebsbekämpfung aktivieren.
Die Therapien werden zunehmend zielgerichteter. Bispezifische Antikörper etwa können an zwei Stellen auf der Oberfläche von Zellen binden und so Tumorzellen sowie bekämpfende Immunzellen zueinander bringen. Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, eine Kombination aus Chemotherapie und Antikörper, transportieren die Chemotherapie direkt zu den Tumorzellen und ziehen nicht, wie bei der klassischen Chemotherapie die gesunden Zellen in Mitleidenschaft. In den Labors arbeiten Forscher zudem an personalisierten Impfstoffen, die speziell auf das Genprofil der jeweiligen Tumoren ausgerichtet sind. Oder an der Radio-Liganden Therapie, bei der an Moleküle gekoppelte radioaktive Substanzen sich direkt an Krebszellen anlagern und diese gezielt zerstören.
Bereits in den vergangenen Wochen und Monaten haben viele Unternehmen große Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs geschürt. Etwa das US-Unternehmen Moderna, das an einem Impfstoff gegen eine bösartige Form von Hautkrebs arbeitet.
Hoffnung gegen Hautkrebs
„Wir gehen davon aus, dass das Produkt in einigen Ländern bis 2025 mit einer beschleunigten Zulassung auf den Markt kommen könnte“, sagte Moderna-Chef Stéphane Bancel bereits vor einigen Monaten. Bislang liegen die Ergebnisse einer Studie mit 157 Probanden vor, die Moderna gemeinsam mit dem US-Unternehmen Merck & Co. durchführte. Den Testpersonen wurde sowohl der Impfstoff als auch ein bereits auf dem Markt befindlicher Antikörper namens Keytruda verabreicht. Ergebnis: Das Risiko, dass der Krebs zurückkehrt, oder die Patientinnen und Patienten sterben, konnte durch die Kombination um etwa die Hälfte gesenkt werden. Auch die Wahrscheinlichkeit sogenannter Fernmetastasen nahm deutlich ab. Inzwischen ist die finale Studie, an der mehr als 1000 Probanden teilnehmen sollen, gestartet.
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Schon die bisherigen Ergebnisse seien ein Anlass für Optimismus, so Portfoliomanager Manns: „Der Hautkrebs-Impfstoff von Moderna könnte schon 2025 auf Basis der sehr guten Phase-2-Daten zugelassen werden.“ Sofern sich die Zulassungsbehörden nicht für eine beschleunigte Zulassung entscheiden, könnte das Mittel 2028 auf den Markt kommen.
Biontech geht in die Vollen
2026 will auch Biontech liefern – und sein erstes Krebsmedikament auf den Markt bringen. Welches genau, ist noch unklar. Insgesamt arbeitet Biontech an mehr als zwanzig Krebsmedikamenten. Durch den Erfolg des Corona-Impfstoffes ist, wie bei Moderna, genug Geld für die Entwicklung vorhanden. Bis Ende dieses Jahres sollen bei Biontech mindestens zehn längere Studien laufen, die, sobald die Ergebnisse feststehen, zur Zulassung eingereicht werden könnten.
Relativ weit gediehen sind zwei Projekte, die Biontech mit dem Schweizer Pharmakonzern Roche vorantreibt: Gemeinsam arbeiten beide Unternehmen an Impfstoffen gegen Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dort dürften bald entscheidende Neuigkeiten bevorstehen, sagt Portfoliomanager Manns: „Die Phase-2-Daten zu Darmkrebs könnten Ende 2025 kommen und eventuell zur Zulassung verwendet werden.“
Noch nicht ganz so weit ist die Entwicklung bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: Zwar konnte das Medikament bei vierzig Prozent der Patienten verhindern, dass der Tumor zurückkommt. Allerdings ist die Studie nur begrenzt aussagefähig, da nur 16 Patienten untersucht wurden. Eine größere Untersuchung läuft derzeit an. Sollte sich die Daten bestätigen, wäre es ein wissenschaftlicher Durchbruch – Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der Krebsarten mit der schlechtesten Überlebensprognose.
Zu den Projekten von Moderna und Biontech könnte es auf der Asco neue Erkenntnisse geben. Dort wird Biontech auch eine Studie dazu präsentieren, wie ihr bispezifischen Antikörper bei Patienten mit vorbehandeltem metastasierendem Lungenkrebs wirkt. Das Präparat entwickeln die Mainzer zusammen mit dem dänischen Biotechkonzern Genmab.
Schonendere Chemotherapie
Für Furore bei den Medizinern sorgt gerade auch das Mittel Enhertu des britischen Unternehmens AstraZeneca – das erste Medikament aus der Klasse der Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, die Chemotherapie und Antikörper kombinieren. Enhertu ist bereits zur Behandlung von genetisch verursachten Formen von Brustkrebs, Magenkrebs und Lungenkrebs zugelassen. Analysten sehen bereits ein jährliches Spitzenumsatzpotenzial von zehn Milliarden Dollar. Zudem will der Konzern die Palette der Anwendungen möglichst noch erweitern. AstraZeneca zählt gemeinsam mit den US-Unternehmen Merck & Co., Bristol Myers Squibb, Johnson & Johnson sowie den Schweizer Herstellern Novartis und Roche zu den führenden Konzernen bei der Bekämpfung von Krebs. Novartis wird in Chicago neue Daten zu seinem in der Entwicklung befindlichen Leukämie-Präparat Scamblix vorstellen.
Chronisch statt tödlich – wie bei HIV
Auch die deutschen Hersteller Bayer und Merck wollen auf dem Kongress glänzen. Bayer har etwa neue Daten zu seinem Prostatakrebs-Mittel Darolutamid versprochen, das unter dem Markennamen „Nubeqa“ bereits auf dem Markt ist und 2024 einen Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar erreichen soll.
Mehr als 2000 Präsentationen und Hunderte Vorträge wird es auf der diesjährigen Asco geben. Mehr als hundert Stunden Livestream sind geplant. Die Hoffnungen auf gute Ergebnisse sind hoch, Rückschläge wird es jedoch immer wieder geben. „Nicht jeder vielversprechende Ansatz wird in ein Medikament münden“, sagt Portfoliomanager Manns. „Aber je mehr es davon gibt, um so besser – und um so größer die Chance, dass wir es irgendwann schaffen, Krebs von einer tödlichen Krankheit in eine chronische Erkrankung umzuwandeln, ähnlich wie dies bei HIV gelungen ist.“
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