EZB-Zinssenkung: Diese Risiken birgt die aktuelle EZB-Entscheidung

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank
Foto: imago imagesÜberraschend, spontan, kreativ – das sind Adjektive, die man selten im Zusammenhang mit der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) liest. Viel lieber hören die Währungshüter vermutlich selbst Wörter wie: erwartbar, konstant, nachvollziehbar.
Gemessen an diesen Kriterien ist die aktuelle Entscheidung der EZB am Donnerstag auf den ersten Blick folgerichtig. Knapp zwei Jahre nach Beginn einer Phase historisch schneller Zinserhöhungen gab sie nun bekannt, die geldpolitischen Zügel wieder zu lockern. EZB-Präsidentin Christine Lagarde kündigte an, den Leitzins zu senken. Banken können sich nun für 4,25 Prozent Zinsen Geld von der EZB leihen, das sind 0,25 Prozentpunkte weniger als zuvor.
Doch die EZB-Entscheidung birgt auch Risiken. Zwar ist die Inflationsrate im Euroraum von 10,6 Prozent im Oktober 2022 auf 2,6 Prozent im Mai 2024 zurückgegangen. Sie liegt damit aber immer noch über dem eigentlichen EZB-Ziel von zwei Prozent. Schlimmer noch: Im Mai sind die Preise gegenüber dem April sogar wieder um 0,2 Prozentpunkte gestiegen. Die sogenannte Kernrate der Inflation – ohne die besonders schwankungsanfälligen Bereiche Energie und Nahrungsmittel – ist ebenfalls gestiegen, auf 2,9 Prozent. Kurzum: Die Inflation mag gebändigt sein, aber sie ist noch lange nicht besiegt.
Das Vertrauen in die EZB erodiert
Treiber der Inflation sind aktuell vor allem Dienstleistungen, die viele Bürger ganz direkt spüren: Ein neuer Haarschnitt, die Semmeln beim Bäcker, das Bier in der Stammkneipe – alles ist zuletzt teurer geworden. Vor allem die Gehaltssteigerungen für Mitarbeiter und die neuen Tarifabschlüsse werden in vielen Branchen auf den Verkaufspreis draufgeschlagen. Auch Rohstoffe wie Kakao und Kaffee haben sich extrem verteuert.
Die sogenannte gefühlte Inflation dürfte für viele Bürger deshalb noch deutlich höher liegen als die offiziellen Zahlen der EZB.
In den nächsten Monaten und Jahren rechnen viele Experten damit, dass sich die Inflation eher bei drei Prozent einpendelt. Und die Zeit der Nullzinsen dürfte auf längere Sicht Geschichte sein. Dafür sorgen ganz unterschiedliche Faktoren, etwa die Kosten für die überfällige grüne Transformation, höhere Preise für CO2 und Emissionszertifikate. Nicht zu vergessen die steigenden Kosten, die durch Umweltkatastrophen verursacht werden, wie das jüngste Hochwasser in Süddeutschland.
Zugegeben, ob die Leitzinsen der EZB nun bei 4,5 oder 4,25 Prozent liegen, mag für die Entwicklung der Preise keine allzu große Rolle spielen. Dennoch: Es wäre ein wichtiges Signal an die Sparer gewesen, die Zinsen so lange entschlossen hochzuhalten, bis die Inflation tatsächlich auf dem angepeilten Niveau liegt. Im schlimmsten Fall ist die EZB in ein paar Monaten gezwungen, die Zinsen wieder zu erhöhen.
Eine Achterbahnfahrt – Zinsen runter, Zinsen wieder hoch – wäre vielen Sparern aber nicht zu vermitteln. Das Vertrauen in die EZB würde weiter erodieren. Und erwartbar, konstant, nachvollziehbar wäre ein solches Hin und Her erst recht nicht.
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