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Werner KnallhartWas das Hafer-Gouda-Brötchen über die Angst des DB-Personals verrät

Verspätung, Umleitung, Zugausfälle. Den Frust der Bahn-Kunden federn fast vollständig die Männer und Frauen in den weinroten Uniformen im Bordbistro ab. Und die fühlen sich selber oft aufgeschmissen. Eine Kolumne.Marcus Werner 03.07.2024 - 13:37 Uhr

Der Weg zum Bordbistro der Deutschen Bahn.

Foto: imago images

Bier-Wampe kennen Sie. Aber kennen Sie auch Bahn-Wampe? Das ist die Plauze, die man sich im Bordrestaurant anfuttert und ansäuft, um die langweilige Verspätungszeit totzuschlagen: Currywurst, Rotkäppchen-Sekt, Schinken-Käse-Baguette, Bier vom Fass, Medaillons vom Strohschwein, Cabernet Sauvignon, Gemüsecurry, Twix Xtra, Käseomelette, Gin Tonic. Und eben das Vollkorn-Haferbrötchen mit Gouda. Ich komme gleich drauf zurück.

Ich habe in den vergangenen Wochen tatsächlich mehrere Fahrten erlebt, wo ich einfach gespürt habe: Die Leute haben alle Ernährungsprinzipien aufgegeben und sich kollektiv vorgenommen, die Bordküchenschränke einfach leerzuessen.

Was soll man sonst machen? Aufgeben ist die richtige Haltung an Bord der Deutschen Bahn. Mit Erwartungen und Ansprüchen werden Sie verrückt.

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von Marcus Werner

Bislang galt: Wenigfahrer fluchen. Wir Vielfahrer gucken stumm aus dem Restaurantfenster und denken neutrale Dinge wie: „Wo ist eigentlich mein Abi-T-Shirt von 1993?“ oder „Der eine Baum dahinten hat eine Neigung von zwei bis drei Grad“.
Um sich seelisch gesund zu halten. Aber da tut sich was!

Weil neueste Pünktlichkeitszahlen im Fernverkehr: 52,5 Prozent. Die Hälfte aller ICE, EC und IC sind verspätet. Ich wollte es nicht unerwähnt lassen: Schlimmer war es nie. Es geht solide abwärts. Bis es hoffentlich bald aufwärts geht: Stichwort Korridorsanierung.

Und jetzt kommt´s: Die Qualitäts-Katastrophe der Deutschen Bahn ist derart katastrophal, dass sich dieses vorbeugende Aufgeben der Vielfahrer als Grundhaltung durch den gesamten Zug ergießt wie Schlacke. Die Wenigfahrer lernen schnell. Sie merken, dass ihr Laien-Gemoser verhallt. Ein Großteil der Leute blickt weiter aus dem Fenster. Sie mosern nicht mit. Und das findet Widerhall.

Frustfressorgien im Bordrestaurant

Gerade vergangene Woche fahre ich mit dem ICE von Berlin Richtung Köln. Es ging auf die übliche Art wieder alles schief. Zugausfall davor, der aktuelle Zug nur halb so lang, in einem Wagen Klimaanlage defekt. Musste geräumt werden.
Und da kam ein junger, durchgeschwitzter Passagier in den Wagen, der wegen des von ihm noch als Chaos aufgefassten Bahnalltags so laut am Fluchen war, dass nach wenigen Sekunden alle wussten: Der fährt nicht oft. Ich rief ihm zu: „Wenn Sie aufhören zu meckern, können Sie sich hier neben mich setzen.“
Der Jungspund sagte: „Okay, sorry“, setzte sich lächelnd und dann: war Ruhe. Herrlich. Der Wenigfahrer hatte gelernt und blickte fortan stumm auf seinen Laptop und trank und aß.

Doch wir Passagiere sind ja nicht die einzigen Gebeutelten. Was sollen da erst die Angestellten im Bordrestaurant sagen? Gut, die werden dafür bezahlt, das Desaster irgendwie auszuhalten. Ich bin mir aber sicher: Die aktuelle Seelenpein war nie Teil der Jobbeschreibung.

Das Hafer-Gouda-Brötchen im Bordbistro der Bahn.

Foto: WirtschaftsWoche

Die Zugchefs und -chefinnen verbrüdern sich zwar in Durchsagen auf clevere Weise mit den Fahrgästen, um sich selber aus der Schusslinie zu bringen. Etwa so: „Liebe Gäste, ich weiß auch nicht, warum es nicht weitergeht. Mir sagt ja keiner was.“
Doch letztendlich stecken alle Uniformierten an Bord in der berühmten Sandwich-Position. Mitgefühl für die Kunden einerseits, andererseits vertraglich zur Solidarität mit dem Arbeitgeber verdonnert. Das muss quälend sein. Denn die Angst vor dem Arbeitgeber scheint immer noch tief zu sitzen. Ob zurecht oder noch aus alten Zeiten gelernt und bislang nicht abgelegt, vermag ich nicht zu sagen.

Doch dieses Misstrauen zeigt sich ganz besonders bei den Frustfressorgien im Bordrestaurant. Und dabei zeigt sich auch das unterschiedlich dicke Fell der jeweiligen Angestellten.

Beispiel: das Vollkorn-Haferbrötchen mit Gouda

Vor einigen Monaten bot mir ein gut gelaunter Kellner an: „Soll ich Ihnen das Haferbrötchen mal kurz in den Ofen werfen? Dann zerläuft der Käse und das Brot wird knusprig.“

Ich war ganz entzückt. Denn schon kalt schmeckt mir das Brötchen ganz wunderbar. Gebacken? Ich empfand, ja, Euphorie, was sich in einem ICE schon fast unverschämt verrückt anfühlt.

Was soll ich sagen: Das überbackene Brötchen mit Gouda war das Beste, was ich je in einem ICE gegessen habe (und über die Qualität des Essens dort kann ich mich auch sonst nicht sonderlich erheben)!

Lesen Sie auch: Frische Milliarden für die Bahn: Wo und wie jetzt saniert wird

Zwar ergänzte der Kellner noch: „Sagen Sie keinem, dass ich Ihnen diesen Tipp gegeben habe.“
Doch ich war angefixt. Gleich am nächsten Tag (anderer Zug, anderes Team) bestellte ich das Brötchen wieder: „Und wenn es geht überbacken. Das war gestern so lecker.“
Und bekam die enttäuschende Antwort: „Nein, das darf ich nicht. Das entspricht nicht den Zubereitungsrichtlinien für dieses Brötchen.“
Zubereitungsrichtlinien.
„Aber gestern ging es doch auch.“
„Da haben Sie Glück gehabt. Ich mache das nicht. Das ist vorschriftswidrig.“

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„Sie haben aber ganz schön Angst bei der Arbeit“, sagte ich und bereute es gleich, denn es lud zum Streit ein.
Doch der Mann war ganz kühl und klar: „Ja, was ist, wenn Sie ein DB-Testkäufer sind und mich nur prüfen? Dann verliere ich meinen Job.“
Ich war kurz davor, ihn auf meine Arbeitsproben online zu verweisen. Doch dann fiel mir ein: Er könnte sie für eine Fake halten. Und ich bestellte das Sandwich kalt.

Seitdem teste ich bei jeder Fahrt: Bekomme ich es heiß oder hat das Personal Angst, wegen eines warmen Käse-Brötchens hochkant rauszufliegen? Und weil die Angestellten nun einmal in einer Sandwich-Position gefangen sind, wird mir nicht selten ein lauwarmer DB-Kompromiss serviert: Nicht kalt, nicht heiß, Käse glasig, aber noch fest, das Brot jetzt knatschig und leicht über Zimmertemperatur. Das ewige Naja-Geht-so Marke Deutsche Bahn.

Wenn es bei der Deutschen Bahn bei rund fünfzig Prozent der Restaurant-Angestellten Existenzängste auslöst, ein Brötchen im Ofen warm zu machen: JA, WIE SOLL DIESES UNTERNEHMEN DENN JEMALS DEN ARSCH HOCHKRIEGEN?

Wir brauchen Menschlichkeit an Bord, Nahbarkeit, Solidarität und Pragmatismus. Und wo, wenn nicht im Bordrestaurant ließe sich der Frust wegen des Zeitverlusts in einen Gewinn an Lebensqualität ummünzen? Und dann hören wir: Zubereitungsrichtlinien. Bei einem Käsebrot!

Liebe DB-Manager in Frankfurt, ich weiß es: Sie wollen es doch auch. Gastfreundschaft leben, wo wegen des maroden Netzes lebensfeindliche Bedingungen herrschen. Geben Sie das Käsebrot frei. Und entlassen Sie das Servicepersonal im Bordrestaurant und zwar nur aus dieser fürchterlichen Sandwichposition.

Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.

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