Purpose: „Das Thema der Sinnsuche wird überschätzt“
WirtschaftsWoche: Herr Albert, viele Leute geben an, es sei ihnen wichtig, mit ihrer Arbeit einem übergeordneten Sinn – neudeutsch: Purpose – zu dienen. Sie halten das für Unsinn. Warum?
Attila Albert: Das ist eine Schönwetter-Theorie. Wenn ich mich als Mittezwanziger der Sinnsuche hingeben kann, weil ich noch bei meinen Eltern wohne und keine Miete zahlen muss, dann kann ich den höheren Sinn als entscheidendes Kriterium bei der Jobwahl betrachten. Andernfalls sind andere Themen wichtiger, zum Beispiel ein eigenes Einkommen, um Verantwortung für sich und andere wahrnehmen zu können.
Jetzt liegen aber nicht alle jungen Leute ihren Eltern auf der Tasche.
Nein, natürlich nicht. Das ist ja auch eine Frage des Milieus. Nicht jeder kann es sich leisten, seine Kinder lange finanziell zu unterstützen. Aber dieser Trend hat deutlich zugenommen. Außerdem glaube ich, dass das Thema der Sinnsuche überschätzt wird. Diese GenZ-Influencer auf LinkedIn sind nur ein kleiner Ausschnitt dieser Generation. Da ist eben nicht der Maurer oder die Verkäuferin aktiv, deren Sinn in der Arbeit darin besteht, einen guten Service anzubieten oder einen Beruf auszuüben, der ihnen gefällt. Und das ist die Mehrheit der Menschen.
Geht es also im Job viel weniger um einen Purpose als sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber vorgeben?
Was die Arbeitgeber angeht, würde ich dem zustimmen. Unternehmen sind gewinnorientiert. Diese ganzen Purpose-Diskussionen führen Unternehmen vor allem aus zwei Gründen: erstens Marketing. Und zweitens: Risikomanagement. Welche Diskussionen kommen da auf mich zu, die mir auf die Füße fallen könnten? Es ist wirklich die Ausnahme, dass der Purpose mit dem eigentlichen Unternehmenszweck übereinstimmt. Und auf diesen sollten sich die Arbeitgeber schließlich fokussieren.
Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie die Deutsche Bahn. Auf deren Website finden Sie viele Themen, für die der Konzern einstehen will, die er voranbringen will. Nachhaltigkeit, Frauenförderung, Demokratie. Alles ehrenwerte Ziele, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber die Bahn scheitert an ihren Kernaufgaben: pünktliche Züge, saubere Bahnhöfe, ein Geschäftsergebnis ohne Milliardenverluste. Es wäre für alle hilfreicher, zuerst das zu erreichen.
Also weniger Purpose, mehr Pragmatismus. Wie käme das bei den Bewerbern an?
Gut, denn auch die Bewerber haben ihre eigenen Interessen und mit denen treten sie die Jobsuche an. Bei manchen ist das ein gutes Gehalt, für andere Aufstiegschancen oder Vereinbarkeit mit Familie, Freunden oder dem Sport. Aber nur wenige sind auf der Suche nach ihrer Bestimmung.
Das hört sich aber oft ganz anders an.
Ja, und das ist ein Problem. Viele Leute, die heute eigentlich einfach nur einen neuen Job suchen, behaupten, sie wären auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.
Ist ein neuer Job denn nicht eine Herausforderung?
Manchmal ja, manchmal nein. Diese Überhöhung auf beiden Seiten führt oftmals zu Enttäuschung. Im Bewerbungsprozess erzählen alle von ihren Werten und Visionen. Wenn es dann aber an die tägliche Arbeit geht, ist alles ganz anders – und man trennt sich in der Probezeit.
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Wie können beide Seiten dieser Enttäuschung vorbeugen?
Ehrlichkeit ist der Schlüssel. Das bedeutet zunächst, dass der Bewerber ehrlich zu sich sein soll. Was ist ihm tatsächlich wichtig? Wie hoch soll das Gehalt sein? Welche Aufgaben möchte er übernehmen? Und dann sollte er oder sie sich nur auf Stellen bewerben, die tatsächlich passen.
Und weiter?
Bewerbungsprozesse sind heute meist mehrstufig. Im Anschreiben hat man kaum Platz, bleibt ohnehin im Ungefähren. Wird man dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen, geht es darum, ein möglichst genaues Bild von dem eigentlichen Job zu bekommen, nicht von den Unternehmenswerten. Was sind meine Aufgaben? Warum ist mein Vorgänger gegangenen? Wie lange ist die Stelle schon unbesetzt? Wie viel zahlt der Arbeitgeber? Das sind die essenziellen Fragen.
Aber hat ein Bewerber, der so vorgeht, nicht automatisch weniger Chancen als jemand, der das große Ziel des Unternehmens mitträgt und sich mit dieser identifiziert?
Kann schon sein. Aber wenn der Bewerber etwas vorspielt, sich diesen Purpose-Gedanken also zu eigen macht, obwohl er eigentlich nachrangig ist, wäre er ohnehin nicht der Richtige für diese Kultur. Wer Pragmatismus Purpose vorzieht, ist bei einem inhabergeführten Mittelständler besser aufgehoben.
Warum?
Diese Unternehmer sehen häufig die Produkte oder die Dienstleistungen, die sie anbieten, als vorderste Aufgabe des Unternehmens. Diese besonders gut zu machen, ist ihr Purpose.
Aber halten Sie es nicht für ehrenwert, wenn Unternehmen sich auch gesellschaftlichen Aufgaben annehmen?
Unternehmen, die durch ihre Produkte und Dienstleistungen erfolgreich sind, tun ohnehin schon viel für die Gesellschaft. Sie schaffen Arbeitsplätze und zahlen Gewerbesteuern. Das ist mehr als genug. Darauf sollten sie sich fokussieren.
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