Wirtschaft von oben #277 – Der Ostsee: Hier baut ein Energiekonzern den größten künstlichen See Deutschlands
Der Ostsee ist fast vollständig gefüllt. Im Westen grenzt er an den Stadtkern von Cottbus, im Osten befindet sich stillgelegtes Gelände des Energieunternehmens Leag.
Foto: LiveEO/Sentinel-2Viel fehlt nicht mehr, dann ist das Loch voll. Der Krater im Osten von Cottbus, tief geschürft von Kohlebaggern, wird zu einem riesigen See, dem Ostsee. Die Lausitz Energie Bergbau AG, kurz Leag, die hier jahrzehntelang Braunkohle förderte, flutet das Gelände. So entsteht der größte künstliche See Deutschlands. Im kommenden Frühjahr könnte der Wasserzielspiegel erreicht werden. Dann breitet sich die Wasserfläche auf 19 Quadratkilometern aus, umgeben von 26 Kilometern Uferlinie.
Es ist eines der größten Renaturierungsprojekte Deutschlands. Und dringend notwendig, denn das Kohlegeschäft der Leag wird bald Geschichte sein. Den Tagebau Jänschwalde unweit des Ostsees schloss der zweitgrößte deutsche Stromversorger Ende 2023. Die drei noch aktiven Tagebaue und vier Braunkohlekraftwerke macht das Unternehmen bis 2038 schrittweise dicht. Für diesen Ausstieg bekommt es vom Bund bis zu 1,75 Milliarden Euro Entschädigung.
Das neue Geschäftsfeld: Sonne und Wind. Zehn Milliarden Euro will das Unternehmen bis 2030 in den Umbau investieren. „Bis 2038 wollen wir unsere Position als zweitgrößter Stromerzeuger der Bundesrepublik beibehalten, aber komplett auf grünen Strom umstellen“, sagt Leag-Vorstand Philipp Nellessen.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Sentinel-2, LiveEO/Airbus/SPOT
Auf der Anhöhe östlich des Sees stehen bereits seit einigen Jahren Windräder. Und mitten auf dem Ostsee stellt das Unternehmen gerade die größte schwimmende Photovoltaikanlage Deutschlands fertig.
Die ist auch aus dem All gut erkennbar, wirkt im Vergleich zu dem riesigen Gewässer aber recht klein. Mit 16 Hektar Größe bedeckt sie weniger als ein Prozent der Seefläche. Seglern und anderen Wassersportlern sollen die Module nicht in die Quere kommen.
Die Satellitenbilder zeigen, wie die Anlage in den vergangenen Monaten Form angenommen hat. Im März 2022 hat sich das Wasser noch nicht ausgebreitet. In der Erde sind die Vorarbeiten für die Photovoltaikanlage aber gut zu erkennen. Im Boden verankert kann sie nicht abtreiben.
Ursprünglich sollten auch die einzelnen Paneele auf dem Trockenen montiert werden, doch dann kam der Regen und die ausführenden Firmen mussten umplanen. Jetzt setzen Arbeiter mit Booten die mehr als 50.000 Module wie Puzzleteile zusammen, etwa 400 Meter vom Ostufer entfernt. Bis Ende des Jahres soll die Anlage fertig sein, noch im Winter in Betrieb gehen und dann jährlich rund 29.000 Megawattstunden Strom erzeugen. Strom, mit dem nach Unternehmensangaben der Jahresverbrauch von rund 8250 Haushalten gedeckt werden kann.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland schreitet voran. Laut Bundeswirtschaftsministerium betrug die gesamte Leistung der installierten Solaranlagen Ende Juni mehr als 90 Gigawatt. Die Energiequelle Sonne hat damit einen neuen Rekord erreicht. Das Ziel für das gesamte Jahr 2024 waren ursprünglich 88 Gigawatt gewesen.
Das Potenzial, Solartechnik auf Seen zu nutzen, ist groß, wie kürzlich das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) festgestellt hat. Bundesweit gibt es demnach mehr als 6000 künstliche Seen – Kiesgruben, Stauseen, Bergbauseen. Die meisten von ihnen liegen in Sachsen und Baden-Württemberg. Insgesamt könnte man darauf etwa 4,3 Gigawatt Leistung installieren, heißt es in der ISE-Studie. Für Naturseen wie den Starnberger See oder den Bodensee gelten strengere Regeln als für künstliche. In der Lausitz aber könnten demnächst weitere Inseln folgen. Leag-Chef Thorsten Kramer sieht die Anlage auf dem Ostsee als Pilotprojekt. Auf den 26 künstlichen Seen in der Bergbauregion wäre Platz für mehr.
Bilder: LiveEO/Google Earth
Die Flutung des Ostsees ist ein steter Prozess mit einigen Unterbrechungen. Denn wann und wie viel Wasser aus der Spree für den Ostsee abgeleitet werden darf, „legen wöchentliche Steueranweisungen der Flutungszentrale Lausitz fest, die mit den Landesbehörden abgestimmt sind“, teilt die Leag mit. Die Spree muss also genügend Wasser führen, damit für den Ostsee etwas abfällt. Aktuell etwa ist der Zufluss gestoppt. Das ist in den Sommermonaten nicht ungewöhnlich. Vor allem im Winter ist das Zulaufbauwerk am Westufer in Betrieb.
Die Satellitenbilder zeigen, wie dieses vor einigen Jahren angelegt wurde, um dann mit Flutungsbeginn im April 2019 das Wasser über Rinnen in die Grube zu leiten. Zu dieser Zeit sind die Furchen und der sandige Boden des 2015 stillgelegten Tagebaus noch gut zu erkennen. Inzwischen ist der Wasserstand so hoch, dass der Zulauf kaum noch zu identifizieren ist.
Der Cottbusser Ostsee ist ein Neuanfang. Nicht nur für die Leag, sondern auch für die Region. Er soll Touristen anziehen. Das Interesse der umliegenden Kommunen, wirtschaftlich zu profitieren, ist groß. Die Ideen der Anrainergemeinden reichen von Wasserskianlagen über den Ausbau von Radwegen und Infrastrukturprojekte bis hin zu kleinen Häfen.
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Ein Hafen wurde bereits eingeweiht. Am nördlichen Rand des Sees ist der Hafen Teichland entstanden. 16.000 Quadratmeter Wasserfläche und Liegeplätze für 100 Boote, drumherum ein Hafenquartier mit einer Seepromenade, Bauflächen für Shops, Gastronomie und Herbergen. Den Neuanfang in der Lausitz, in der noch immer 7000 Menschen im Bergbau arbeiten, lassen sich Bund und Land einiges kosten. Von den rund neun Millionen Euro für den Hafen Teichland stammen 7,3 Millionen Euro aus Mitteln des Verwaltungsabkommens Braunkohlensanierung.
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