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In Venezuelas Orinoco-Becken lagern enorme Ölvorkommen. Foto: LiveEO/Sentinel

Wirtschaft von oben #364 – Venezuelas ÖlDas sind die Ölquellen, auf die es Trump in Venezuela abgesehen hat

Im Orinoco-Becken lagert die größte Ölreserve der Welt. Aktuelle Satellitenbilder erlauben eine Analyse, wie es um sie steht und wie schwierig die Förderung ist. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Thomas Stölzel 07.01.2026 - 05:59 Uhr

Als Donald Trump am Wochenende den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro wegen angeblicher Drogendelikte und Terrorismus gewaltsam aus seinem Palast nach New York entführen ließ, war den meisten klar, dass es ihm eigentlich um etwas anderes ging. Schließlich sitzt Venezuela auf den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt: 17 Prozent der bestätigten weltweiten Menge – mehr Öl, als Saudi-Arabien heute besitzt. Mit der einseitigen Ankündigung, Venezuela werde 30 bis 50 Millionen Barrel an Öl an die USA liefern, unterstrich Trump seine Absichten nochmals.

Jenes Petroleum lagert vor allem im östlichen Orinoco-Becken, einer Ebene, die der viertwasserreichste Fluss der Welt in die Landschaft gegraben hat. So schätzt das U.S. Geological Survey, dass hier rund 513 Milliarden Barrel mit heutigen Methoden förderbar sind. Ein Schatz nach aktuellem Marktwert von 23 Billionen Dollar. Hinzu kommen wohl noch sehr viel größere, bisher nicht belegte Mengen.

Doch zeigen aktuelle Satellitenbilder, dass der überwiegende Teil der nachgewiesenen Reserven bisher unangetastet im Boden lagert. So kam der staatliche Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA) mit der Förderung in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten kaum voran. Hinzu kommt: Der Aufwand ist deutlich größer als anderswo, will man all das Öl aus dem Untergrund pumpen. Denn Venezuela sitzt vor allem auf extrem schwerem Rohöl. Mit vielen sogenannten Asphaltenen versetzt, ist es zäh wie Teer und damit entsprechend schwierig zu fördern.

Foto: WirtschaftsWoche

Dieser Umstand schmälert den Gewinn der Konzerne etwas, erklärt Mohamed Amro. Der Bohringenieur hat in Katar gearbeitet, später an der König-Saud-Universität in Riad Fördertechnik gelehrt und unterrichtet heute an der Bergakademie Freiberg. Die Förderkosten seien verglichen mit Saudi-Arabien ungefähr doppelt so hoch, erläutert er: Statt etwa 10 Dollar je Barrel wären es wohl um die 20 Dollar. Bei einem Ölpreis von aktuell 45 Dollar für schweres Öl sei das aber immer noch ein einträgliches Geschäft.

Um solches Öl wie im Orinoco-Gürtel fördern zu können, müssen Unternehmen Wasserdampf in die Tiefe pressen, weiß der Experte. Die Hitze macht das feste Öl flüssig, auf diese Art lässt es sich abpumpen. Auch in den Pipelines muss das Öl erhitzt werden, damit es fließt. Zugleich braucht es spezielle Raffinerien, die Schweröl verarbeiten. Technik, die aufgrund der US-Sanktionen in den vergangenen Jahren kaum ins Land gekommen ist. So fördert Venezuela heute gerade mal 1,1 Millionen Barrel pro Tag – weit weniger als die rund 3 Millionen, die es in den 1990er-Jahren vor der Verstaatlichung und vor US-Sanktionen produziert hat.

Die aktuellen Satellitenbilder lassen darauf schließen, dass bisher tatsächlich nur ein kleiner Teil der Reserven erschlossen ist, die in dem sich über 500 Kilometer erstreckenden Gürtel lagern. So sind besonders im östlichen Abschnitt der rohstoffreichen Gegend engmaschig schachbrettartige Wege in der Landschaft angelegt.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Auch sind hier zwar jede Menge Bohrstellen erkennbar. Doch Fördertechnik ist an den wenigsten dieser Stellen zu sehen. Stattdessen rosten herumliegende Pipelinerohre vor sich hin. Andernorts zeigen die Aufnahmen, dass seit Jahren Fundamente für Öltanks ausgehoben sind. Errichtet aber wurden diese nie.

Lediglich ganz im Osten, in einem Abschnitt namens Carabobo, wird signifikant gefördert. Unter anderem vom US-Ölriesen Chevron, in einem Joint Venture mit PDVSA, aber auch von Staatskonzernen aus China und Russland.

FÖRDERSTELLE IM ABSCHNITT CARABOBO, BUNDESSTAAT ANZOÁTEGUI, VENEZUELA
22.09.2023: Hier wird gerade eine neue Förderstelle angelegt, der Bohrturm liegt da, links sind bereits 15 Bohrungen erkennbar, die Erdöl fördern sollen. Rechts dürften noch einmal so viele dazu kommen. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus

Sehr schweres Petroleum wie hier benötigt sehr viel mehr Bohrungen, durch die man es abpumpen kann, erklärt Amro. Oft liegen die Förderstationen nur 200 bis 400 Meter auseinander. Eine einzige solche Station wiederum besteht nicht selten aus 20 oder mehr Löchern.

Bilder: LiveEO/Sentinel, LiveEO/Up42/Airbus

In sogenannten Upgrader-Anlagen, die es hier überall gibt, wird das Öl anschließend für den langen Weitertransport in Richtung Küste aufbereitet. Indem die Firmen hier Additive oder leichteres Öl zusetzen, machen sie das Öl flüssiger. An den Anlagen sind deutlich jene Feuer erkennbar, die überflüssige Gase abfackeln. Ein Zeichen, dass in jener Gegend tatsächlich Petroleum gefördert wird.

Bilder: LiveEO/Sentinel, LiveEO/Up42/Airbus

In den westlichen Teilen des Orinoco-Gürtels dagegen, wo nach ursprünglichen Plänen neben dem italienischen Mineralölkonzern Eni, dem privaten russischen Unternehmen Lukoil und dem spanischen Konzern Repsol auch Firmen aus Vietnam, Portugal und Kuba fördern sollten, ist deutlich weniger los. Wege für die systematische Erschließung sind kaum erkennbar.

Einige wenige Upgrader-Anlagen sind in den Blöcken Ayacucho und Junín erkennbar. Der größte Teil der Landschaft ist aber unberührt. Selbst wenn hier US-Firmen zeitnah einspringen sollten, wird es wohl lange dauern, bis an diesen Orten signifikant Öl fließt.

Upgrader-Station im Abschnitt Junín, Bundesstaat Anzoátegui, Venezuela

13.06.2009 (linkes Bild): Die Anlage, so etwas wie eine kleine Raffinerie, arbeitet hier schon länger.

17.03.2023 (rechtes Bild): Die Anlage wird leicht erweitert. Sie bereitet mutmaßlich Öl von Sinopec mit auf.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Up42/Airbus

Unternehmen wie ExxonMobil, ConocoPhillips und Chevron hatten in den 1990er- und 2000er-Jahren in der Orinoco-Region nach Öl gesucht und auch welches gefunden.

Doch 2007 zwang die Regierung noch unter Hugo Chávez ausländische Firmen, die Mehrheit ihrer Anteile an den Staat zu verkaufen, sodass der zuvor verstaatlichte Konzern PDVSA mehr als 60 Prozent an den Projekten erlangte. ExxonMobile und ConocoPhillips weigerten sich, Chevron stimmte zu.

ExxonMobile und ConocoPhillips zogen darauf vor mehrere Schiedsgerichte der Weltbank und gewannen. So schuldet das Regime in Caracas allein ConocoPhillips heute zehn Milliarden Dollar. Der Konzern gilt daher als wichtigster potenzieller Investor in das Trump-Vorhaben, Venezuela endlich zum wichtigsten Ölland zu machen. Trump hatte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge die Bosse der Ölkonzerne schon vor dem Zugriff auf Maduro eingeschworen, schnell und massiv in Venezuela zu investieren.

Einige Anlagen sind inzwischen in einem maroden Zustand. Bei einem alten Upgrader im Norden des Carabobo-Abschnitts sind die Tanks sichtlich verrostet. So sehr, dass nebenan irgendwann zwischen 2010 und 2015 eine Fläche vorbereitet wurde, um sie offenbar mit neuer Technik zu ersetzen. Passiert ist seitdem aber nichts.

UPGRADER-STATION IM ABSCHNITT CARABOBO, BUNDESSTAAT CARABOBO, VENEZUELA
11.09.2023: Die verrosteten Tanks der alten Anlage sind gut zu erkennen. Die Fläche links im Bild wurde schon 2015 offenbar für einen Neubau vorbereitet. Bis heute ist hier nichts errichtet worden. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus

Statt der Amerikaner hatte sich zuletzt vor allem China in dem Gebiet breitgemacht – in Form der China National Petroleum Corporation (CNPC) und des Öl- und Chemieriesen Sinopec. CNPC etwa betreibt zusammen mit PDVSA das Joint Venture Sinovensa, das wie Chevron im Carabobo-Abschnitt des Orinoco-Gürtels fördert.

Laut der Hongkonger „South China Morning Post“ hat China Venezuelas Ölwirtschaft unter anderem mit Bohr- und Raffinerietechnik unterstützt.

UPGRADER-STATION IM ABSCHNITT CARABOBO, BUNDESSTAAT CARABOBO, VENEZUELA
22.09.2023: Diese Anlage wird mutmaßlich vom chinesischen Staatskonzern CNPC verwendet, der in Carabobo einen Förderblock als Joint Venture betreibt. Foto: LiveEO/Up42/Airbus

Ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft, im Abschnitt Carabobo, produziert der russische Staatskonzern Rosneft zusammen mit PDVSA Öl. Welche Upgrader von China, den USA und Russland genutzt werden, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht zweifelsfrei feststellen. Die Unterabschnitte wurden im Laufe der Zeit immer wieder verändert.

Das Öl aus dem Orinoco-Gürtel wird über Pipelines zu den Raffinerien bei Puerto José, nahe der venezolanischen Metropole Barcelona, transportiert. Hier gibt es gleich mehrere petrochemische Anlagen, die das schwere Rohöl zu Treibstoff und anderen transportierbaren Chemikalien weiterverarbeiten. Puerto José ist der wichtigste Ölhafen des Landes. Bis zu 90 Prozent aller Exporte laufen über ihn. Eine Analyse der Raffinerien zeigt, dass zwar hier und da Tanks dazugekommen sind. Größere Erweiterungen hat es ansonsten in den vergangenen Jahren auch hier nicht gegeben.

Raffinery Puerto La Cruz, Puerto La Cruz, Anzoátegui, Venezuela

28.08.2011 (linkes Bild): In der riesigen Anlage nahe der venezolanischen Stadt Barcelona wird das extraschwere Erdöl zu chemischen Produkten weiterverarbeitet.

24.10.2025 (rechtes Bild): Ein paar Tanks sind hier dazugekommen. Ansonsten hat sich nicht viel getan.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus

Eine Recherche der WirtschaftsWoche hatte vor Weihnachten gezeigt, wie Venezuela von den USA sanktioniertes Öl mithilfe einer Schattenflotte aus dem Land schafft. Diese operiert neben den nach US-Recht legalen Exporten von Chevron.

Die Mehrheit dieses Öls geht heute nach China. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge trifft das auf etwa 80 Prozent des venezolanischen Exports zu.

Petrochemischer Komplex José Antonio Anzoátegui, Potoco, Anzoátegui, Venezuela

10.11.2009 (linkes Bild): In der riesigen Anlage nahe der Stadt Barcelona wird das extraschwere Erdöl zu chemischen Produkten weiterverarbeitet.

24.10.2025 (rechtes Bild): 15 Jahre später sind die Veränderungen an der Anlage marginal. Auch die US-Sanktionen verhindern offenbar einen Ausbau der Anlage.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus

Zudem halten laut der Investmentbank Morgan Stanley und dem Rohstoffberater Wood Mackenzie Sinopec und CNPC zusammen Rechte an 4,4 Milliarden Barrel. Rosneft bringt es auf 2,3 Milliarden, Chevron auf gerade mal 900 Millionen. Diese Gewichte dürften sich bei einer Machtübernahme durch die USA verschieben.

Hinweis: Aktuelle hochauflösende Aufnahmen waren oft von Wolken bedeckt und für die Analyse nicht brauchbar. Deshalb haben wir zum Teil auf Bilder aus den Jahren 2023 und 2024 zurückgegriffen. Niedrig aufgelöste Bilder aus den vergangenen Wochen bestätigten aber die Beobachtungen.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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