Kunststoffhersteller: Ölkonzern Adnoc aus den Emiraten schluckt Covestro – Marktkenner sind optimistisch
Das Logo des Kunststoffkonzerns Covestro leuchtet vor der Unternehmenszentrale am Chempark Leverkusen.
Foto: Oliver Berg/dpaDer Ölriese Adnoc ist nach langem Werben um den Kunststoffkonzern Covestro am Ziel. Der Staatskonzern aus Abu Dhabi übernimmt das Leverkusener Unternehmen für bis zu 16 Milliarden Euro. Adnoc bietet die bereits im Sommer in Aussicht gestellten 62 Euro je Aktie, wie die beiden Unternehmen am Dienstag mitteilten. Zusätzlich zeichnet Adnoc eine Kapitalerhöhung um zehn Prozent, die Covestro weitere knapp 1,2 Milliarden Euro in die Kasse spült. Adnoc umgarnt das Dax-Unternehmen bereits seit mehr als einem Jahr. Ende Juni begannen konkrete Verhandlungen. Nun unterzeichneten Adnoc und Covestro eine Investitionsvereinbarung.
Die Übernahme sei „eine zentrale Säule der Wachstumsstrategie von Adnoc International, die das Ziel verfolgt, eines der weltweit fünf größten Chemieunternehmen zu werden“, erklärte der Ölkonzern. Dabei solle Covestro die Plattform für das Performance Materials- und Spezialchemie-Geschäft werden. „Wir sind davon überzeugt, dass unsere heute getroffene Vereinbarung mit Adnoc International im besten Interesse von Covestro, unseren Mitarbeitenden, unseren Aktionären und allen weiteren Stakeholdern ist“, erklärte Covestro-Chef Markus Steilemann. „Die Unterstützung von Adnoc International sichert uns ein noch stärkeres Fundament für nachhaltiges Wachstum in hochattraktiven Branchen.“ Vorstand und Aufsichtsrat unterstützten das Angebot.
Bedingung für die Übernahme ist, dass Adnoc mit seinem Angebot auf mehr als 50 Prozent der Aktien kommt. Am Dienstag stiegen die Covestro-Papiere um 3,4 Prozent auf 57,86 Euro, blieben damit aber zunächst deutlich unterhalb der Offerte.
Allein für die Covestro-Aktien muss Adnoc bis zu 11,7 Milliarden Euro hinlegen, die Kapitalerhöhung kommt noch dazu. Einschließlich der Schulden von drei Milliarden Euro muss der Konzern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten also fast 16 Milliarden Euro finanzieren. Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Investment sieht den Deal vor allem für Covestro und die Aktionäre als vorteilhaft an: „Der Deal ist gut strukturiert und hat jetzt gute Chancen, zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen.“
Covestro ist die ehemalige Kunststofftochter von Bayer, die der Pharma- und Agrarkonzern 2015 an die Börse gebracht hatte. Das Unternehmen fertigt Vorprodukte für die Auto-, Möbel-, Haushaltsgeräte- und Bauindustrie. Sie finden sich etwa im Schaumstoff von Matratzen, Autositzen, aber etwa auch in Windturbinenblättern. Weltweit hat der Konzern 17.500 Beschäftigte – davon knapp 7000 in Deutschland, die bis Ende 2032 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt sind.
Bis dahin wird auch die Investitionsvereinbarung mit Adnoc laufen, in der sich der Ölriese dazu verpflichtet, bei Covestro keine wesentlichen Änderungen vorzunehmen. Auch der Vorstand soll im Amt bleiben. „Adnoc International hat größtes Vertrauen in die Fähigkeiten des Covestro Managements“, hieß es in der Mitteilung ausdrücklich. Adnoc werde keinen Beherrschungsvertrag verlangen, ein Rückzug von der Börse ist aber mit Zustimmung des Vorstands nicht ausgeschlossen. Mit den Einnahmen aus der von Adnoc gezeichneten Kapitalerhöhung soll die Nachhaltigkeitsstrategie vorangetrieben werden.
Covestro-Übernahme: Adnoc mit Zugang zu Know-how
Eine Übernahme von Covestro würde dem Ölkonzern Adnoc, der auch Raffinerieprodukte und petrochemische Erzeugnisse herstellt, Zugang zu fortschrittlicheren Materialien verschaffen, die in Elektrofahrzeugen, Wärmedämmung für Gebäude sowie Beschichtungen, Klebstoffen und technischen Kunststoffen zum Einsatz kommen. Unter Vorstandschef Sultan Ahmed Al Jaber will Adnoc in neue Energien, kohlenstoffarme Brennstoffe wie Ammoniak und Wasserstoff sowie Flüssigerdgas und Chemikalien vorstoßen. „Diese strategische Partnerschaft ist eine ideale Verbindung. Sie passt nahtlos in Adnocs nachhaltige Wachstumsstrategie mit dem Ziel, zukunftssicher aufgestellt zu sein“, erklärte Al Jaber.
Branchenkenner sehen in dem Zukauf in erster Linie eine Gelegenheit für Adnoc, sich in einem nahe am eigenen Geschäft angesiedelten Bereich auszubreiten. Covestro erhält zudem finanzielle Rückendeckung für das eigene Geschäft und möglicherweise den Zugriff auf günstige Rohstoffe. Als Rohstoffdeal sehen die Experten den Kauf jedoch nicht, da der Preis für Erdöl und seine Produkte perspektivisch durch eine geringere Nachfrage eher günstiger werden dürfte.
Während Adnoc sich das Ziel gesetzt hat bis 2045 klimaneutral zu sein, hat Covestro seine Strategie in Richtung Kreislaufwirtschaft ausgerichtet. Marktbeobachter erwarten dennoch keine disruptiven Sprünge durch die Übernahme, dies wäre für Adnoc nicht wünschenswert.
Die Transformation in Richtung Klimaneutralität werde im Erdöl-Geschäft eher graduell und über einen längeren Zeitraum hinweg verlaufen. Trotzdem dürfte es für den Käufer von Vorteil sein, dass er mit Covestro Know-how einkauft, um technologisch für die Transformation und die diesbezüglichen Herausforderungen gerüstet zu sein.
Die Branchenexperten gehen zudem nicht davon aus, dass der Deal zwischen Covestro und Adnoc eine Blaupause für weitere Übernahmen sein wird. Man werde in naher Zukunft nicht mehrere Übernahmen von Chemie-Unternehmen durch Erdöl-Konzerne im Jahr sehen, heißt es. Das heiße aber nicht, dass es nicht zu kleineren Zukäufen in im Einzelnen für die Erdölbranche vorteilhaften Geschäftsbereichen kommen könne.
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