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Foto: LiveEO/UP42/Airbus

Wirtschaft von oben #287 – Drohender FernostkonfliktStrategische Reserven: Worauf bereitet sich China hier vor?

Die Volksrepublik stockt ihre strategischen Reserven massiv auf, belegen aktuelle Satellitenbilder. Es könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Land für einen militärischen Konflikt vorbaut. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Thomas Stölzel 23.10.2024 - 16:44 Uhr

Dass China immer mehr Öl, Getreide und andere wichtige Rohstoffe hortet, beunruhigt Beobachter in aller Welt. Scheint sich das Land so doch auf geopolitische Verwerfungen einzurichten. Ausgelöst könnten die durch eine neue Präsidentschaft von Donald Trump in den USA werden. Manche fürchten gar, dass Pekings Mächtige für einen Krieg um die in ihren Augen abtrünnige Provinz Taiwan vorsorgen. Auch wenn das Land eigene Rohstoffe besitzt und produziert, ist es dennoch weitgehend von Importen abhängig. Hinter dem Aufbau der Vorräte steht vor allem die Nationale Behörde für Nahrungsmittel und strategische Reserven (NFSRA).

Satellitenbilder von LiveEO zeigen nun, dass Chinas Regierung unter anderem entlang der Küste reihenweise Speicher hochziehen lässt, um solche Reserven einzulagern. Dazu zählen Getreidesilos genauso wie unterirdische Öllager, die bei einem Konflikt besonders gut geschützt wären. Chinas Importe von Öl, Kohle und Eisenerz etwa erreichten vergangenes Jahr Statistikern zufolge Rekordniveaus – und das, obwohl die Wirtschaft des Landes schwächelte. Zwar hält China Zahlen zu seinen strategischen Vorräten geheim. Doch Rohstoffexperten haben errechnet, dass 2023 allein rund 670.000 Barrel Öl pro Tag in strategische Tankfarmen gepumpt wurden.

Jene neuen Reserven lassen sich durchaus als Kriegsvorbereitung deuten. So hatte Deutschland 1938 und 1939 gewaltige Mengen Kupfer gehortet, mit denen es seine Kriegsmaschine neun Monate lang versorgen konnte. Und Japan deckte sich nach 1936 mit jeder Menge Zinn ein, bevor es in den Zweiten Weltkrieg einstieg. Staatschef Xi Jinping scheine das Sanktionsbuch studiert zu haben, die der Westen nach dem Überfall auf die Ukraine gegen Russland verhängt hat, und habe Schutzmaßnahmen eingeleitet, schreibt etwa der frühere Leiter der US-Marine-Aufklärung Michael Studeman.

Chinas Offizielle bestreiten solche Hintergründe. Tatsächlich hat das Land in der Vergangenheit seine Reserven auch dazu genutzt, um die eigene Industrie in Zeiten hoher Marktpreise zu stützen. Allerdings hatte Chinas Regierung eben auch 2005 ein Gesetz beschlossen, dass Taiwan als Teil Chinas bezeichnet und die Anwendung nichtfriedlicher Mittel erlaubt, wenn eine „friedliche Vereinigung“ nicht mehr möglich ist.

Das macht die Anstrengungen des Landes allemal auffällig. Seit Start des aktuellen Fünf-Jahres-Plans (2021 bis 2025) hat es beispielsweise seine Getreidespeicherkapazität deutlich erhöht. Seit 2014 ist diese gar um mehr als ein Drittel gewachsen. Das entspricht einer Menge Körner, mit der sich Deutschland fast fünf Jahre lang versorgen könnte.

Die NFSRA hat zudem die vier großen chinesischen Ölkonzerne PetroChina, Sinopec, CNOOC und Sinochem aufgefordert, Kapazitäten zu schaffen, um strategische Reserven zu speichern. Ende Juni waren es dem Marktforschungsunternehmen Vortexa zufolge insgesamt 665 Millionen Barrel Öl in überirdischen Tanks und 100 bis 110 Millionen in unterirdischen Speichern.

China nutzt dazu auch die internationale Isolation Russlands für sich aus, kauft Öl besonders billig ein. So will Peking Vortexa zufolge die strategische Petroleumreserve bis März 2025 um weitere 85 Millionen Barrel erhöhen – mit ostrussischem Öl. Bereits zwischen November 2023 und März 2024 habe CNOOC zehn Millionen Barrel in eine Speicherfarm nahe Dongying in der Provinz Shandong gepumpt. Vortexa analysiert unter anderem Schiffsbewegungen. Zudem lassen sich die Füllstände der Speichertanks auswerten. Die haben schwimmende Dächer, sodass man anhand des Schattenwurfs auf Satellitenbildern erkennen kann, ob sie voll oder leer sind.

Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus

Die Speicherfarm nahe Dongying ist nagelneu. Im Sommer 2019 gab es an jener Stelle nur ein paar Reisfelder. Inzwischen stehen hier 100 riesige Öltanks, jeder mit einem Durchmesser von 80 Metern. Branchendiensten zufolge hat der Bau der Anlage, die heute die größte ihrer Art in China ist, etwa eine Milliarde Dollar gekostet. Angeliefert wird das russische Öl offenbar per Tankschiff. Zudem soll der strategische Speicher aus chinesischen Ölfeldern in der nahegelegenen Bohai See gespeist werden.

Satellitenbilder zeigen, dass CNOOC die ersten Tanks im Mai vergangenen Jahres aufgefüllt hat – damals vermutlich noch als Test. Seit November füllt der Staatskonzern sie nun einen nach dem anderen. Eine Aufnahme vom 12. Oktober zeigt, dass inzwischen 38 der 100 Tanks voll sind.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Knapp 1000 Kilometer südlich, auf der zur Industriemetropole Ningbo gehörenden Insel Daxie, sprengt CNOOC zurzeit das größte unterirdisch gelegene Ölreservoir des Landes in einen Berg. Kosten hier: eine halbe Milliarde Dollar. Obwohl die Anlage offiziellen Aussagen nach vor allem die umliegende Industrieregion mit Öl versorgen soll, gehen Beobachter davon aus, das sie zu einem gewissen Teil auch strategische Petroleumreserven beherbergen wird.

Satellitenbildern zufolge haben die Arbeiter dazu im Norden der Insel zwei Eingänge in den Fels gelegt, um insgesamt drei Millionen Kubikmeter große Hohlräume zu schaffen. 2026 soll der unterirdische Ölspeicher fertig sein und etwa 70 Prozent der Kapazität des Speichers in Dongying besitzen. Der Vorteil gegenüber oberirdischen Tanks: Das Öl ist vor der Beobachtung mit Satelliten geschützt. Der Bau soll billiger sein. Und auch im Falle eines Krieges ließe sich ein solches Lager nicht so leicht zerstören.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Airbus

Die Inseln rund um Daxie sind heute voll gepackt mit überirdischen Öltanks. Und es kommen auch hier mehr und mehr dazu, zeigt die Analyse der Satellitenbilder – etwa auf dem 13 Kilometer nördlich gelegenen Eiland Waidiao. Hier sind in den letzten Monaten 16 neue Tanks entstanden. Auf der Insel Liuheng, die 20 Kilometer südlich liegt, sind es 36 neue. Und 70 Kilometer nordöstlich, auf der Insel Huangze, 14 neue Öltanks.

Petroleum ist aber nicht das einzige Gut, dass China mehr und mehr hortet. Auch neue Getreidespeicher entstehen überall im Land. Beispielsweise im Hafen von Qinhuangdao, in der im Norden gelegenen Provinz Hebei. 2022 hat das Land hier begonnen, neben dem Kohlehafen große Getreidesilos aufzustellen – 30 Meter im Durchmesser. 50 Stück sind es inzwischen, zeigt ein aktuelles Satellitenbild. Und die Bauarbeiten scheinen noch nicht abgeschlossen. Weitere könnten hier demnächst noch dazu kommen.

Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus

Die China Grain Reserves Corporation, ein Joint Venture der staatlichen Getreidekonzerne Sinograin and COFCO, will hier vor allem Sojabohnen einlagern. Fast eine Million Tonnen soll die moderne Anlage chinesischen Medien zufolge am Ende fassen. Dennoch ist sie nur ein winziger Teil der gesamten Speicherkapazität des Landes. Die liegt Regierungsangaben zufolge inzwischen bei unglaublichen 700 Millionen Tonnen.

Chinas System der Getreidereserven ist komplex. Anders als Öl lassen sich diese nicht unendlich lange lagern. Die Provinzen sind dennoch verpflichtet, eine Mindestmenge an Weizen, Reis, Baumwolle, Zucker und anderen strategischen Agrarrohstoffen zu speichern, um Preisschwankungen auszugleichen und die Versorgung sicherzustellen. Beaufsichtigt wird das Ganze auch hier von der NFSRA.

So entsteht auch 2300 Kilometer entfernt, im südlichsten Zipfel Chinas, gerade ein solches Nahrungsmitteldepot. Im Hafen von Qinzhou, autonome Region Guangxi, haben Arbeiter seit März vergangenen Jahres Dutzende Silos aufgestellt. Es wird die größte solche Anlage in jener Region. Kosten: 162 Millionen Dollar. Kapazität: eine halbe Million Tonnen Getreide.

Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus

Während China mit seinen strategischen Öl- und Getreidespeichern relativ offen umgeht, ist es bei anderen kritischen Rohstoffen deutlich verschlossener. Bei Gallium, Germanium, Aluminium oder Kobalt etwa. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte im Mai berichtet, dass die NFSRA bei Herstellern versucht, 15.000 Tonnen Kobalt einzukaufen. 2023 hatte die Behörde den Industriequellen zufolge schon 8500 Tonnen gehortet.

Die Volksrepublik hat dabei einen Vorteil: So wird heute zwar das allermeiste Kobalterz in der Demokratischen Republik Kongo in Afrika abgebaut. Doch jene Raffinerien, die das Erz verarbeiten, stehen zum größten Teil in China oder sind fest in chinesischer Hand. Unter den zehn größten Herstellern von raffiniertem Kobalt auf der Welt finden sich nur zwei nicht-chinesische.

Das macht es der Regierung leicht, weitgehend unbeobachtet vom Rest der Welt Reserven anzulegen. Ähnlich dürfte es beim Aluminium laufen, einem für die Luftfahrt und die Rüstungswirtschaft besonders kritischen Rohstoff. Die Aluminum Corporation of China (Chinalco) ist heute der größte Aluminiumproduzent der Welt, und ein führender Hersteller von Kupfer, Blei und Zink in China.

In einem seltenen Fall von Transparenz teilte die NFSRA im Sommer 2021 mit, 30.000 Tonnen Kupfer, 50.000 Tonnen Zink und 90.000 Tonnen Aluminium auf den Markt zu werfen, um massiv gestiegenen Rohstoffpreisen zu entgegnen. Die US-Bank City schätzte damals die staatliche Reserven auf zwei Millionen Tonnen Kupfer, 800.000 Tonnen Aluminium und 350.000 Tonnen Zink. Inzwischen dürften auch diese wieder steigen.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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