Pistazienmangel wegen Dubai-Schokolade: „So muss es im Sozialismus gewesen sein“
Der Trend um die sogenannte Dubai-Schokolade mit Pistaziencremefüllung bringt derzeit viele Händler in Bedrängnis.
Foto: Sascha Thelen/dpaWirtschaftsWoche: Herr Walch, Sie sind Geschäftsführer von JM Posner, einem Großhändler für das Dessertgeschäft. Haben Sie als Fachmann die Dubai-Schokolade schon einmal probiert?
Pascal Walch: Ja – und sie schmeckt auch wirklich gut. Trotzdem ist die Macht von Social Media, die sich hier zeigt, wirklich beeindruckend. Die Leute drehen durch: Einer meiner Kunden, der ein Tiramisu in diesem Dubai-Stil anbietet, hat mir kürzlich erzählt, dass in seinem Laden eine Kundin gegenüber einer anderen Kundin sogar handgreiflich geworden sei, als sie die letzten beiden dieser Tiramisus kaufen wollte.
Die benötigte Pistaziencreme bieten Sie in Ihrem Online-Shop an, aber wie bei vielen anderen Händlern ist die Creme auch bei Ihnen ausverkauft. Wann ging der Run auf die Pistaziencreme los?
Vor etwa sieben oder acht Wochen haben wir gemerkt, dass die Nachfrage massiv anzieht. Wir haben zuletzt die zehnfache Menge abgesetzt. Wir wachsen zum Glück gerade, konnten schnell reagieren und haben die Pistazienprodukte priorisiert. So ganz lässt sich dieser Markt aber trotzdem nicht befriedigen. Die Anfragen kamen zuletzt zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Wann und wie haben Sie erkannt, dass es hier um diesen Dubai-Schokolade-Trend geht?
Die Kunden haben plötzlich große Mengen bestellt. Daraus haben wir dann Rückschlüsse gezogen. Außerdem sind wir ja auch auf Social Media aktiv und haben das ein wenig kommen sehen.
Pascal Walch ist Geschäftsführer von JM Posner, einem Großhändler für das Dessertgeschäft.
Foto: WirtschaftsWocheEine Tafel dieser Schokolade kostet ungefähr 15 Euro. Deshalb bereiten viele sie selbst zu. Eigentlich verkaufen Sie nur an Geschäftskunden. Haben sich trotzdem auch Privatpersonen gemeldet, um an die Creme zu kommen?
Wir verkaufen vor allem an die Gastronomie. Wir vermuten aber, dass zuletzt auch viele Privatpersonen bei uns die Pistazienprodukte kaufen wollten, und dass sie da Mittel und Wege gefunden haben. Ganz vermeiden lässt sich das nicht.
Direkt oben auf der Startseite Ihres Online-Shops verweisen Sie darauf, dass die Pistaziencreme bald wieder verfügbar ist. War das nötig, weil Sie so viele Anfragen bekommen haben?
Wir haben so viele Anrufe und Mails bekommen, dass wir die Pistaziencreme aus dem Online-Sortiment nehmen mussten, sozusagen als Notbremse für Neukunden. Hätten wir das nicht getan, hätten wir unsere Stammkunden nicht mehr beliefern können. Bald kommt zwar eine neue, riesengroße Charge bei uns an, jedoch wird jeder Kunde wegen der hohen Nachfrage nur eine gewisse Menge bestellen können. So ähnlich muss es im Sozialismus gewesen sein.
Vor welche Probleme hat Sie dieser Hype als Fachhändler gestellt?
Wir mussten mehr Druck bei unseren Lieferanten aufbauen und viel hin und her rechnen, damit wir nicht leerlaufen. Das war schon erheblich mehr Arbeit. Es ist ja auch nicht so, dass das Pistaziengeschäft andere Produkte, die auch gut laufen, ablöst.
Wie lange dauert es derzeit, an genug Nachschub zu kommen?
Wir haben sonst einen Vorlauf von vier Wochen, diesmal haben wir es zum Glück binnen zehn Tagen geschafft. Das war nicht einfach.
Wie hat der Hype den Pistazien-Preis beeinflusst?
Viele Händler haben in diesem Zuge ihre Preise erhöht, wir nicht. Wir pflegen lieber langfristige Geschäftsbeziehungen als kurzfristig mehr Gewinn mitzunehmen.
Derlei Trends um bestimmte Nahrungsmittel kamen nun schon öfter auf, meist nach viralen TikTok-Videos. Müssen Händler künftig vielleicht sogar noch stärker die sozialen Medien scannen, um sich frühzeitig auf eine steigende Nachfrage vorzubereiten?
Soziale Medien geben einen guten Marktüberblick und wenn man vorausschauend planen möchte, kommen vielen Händler daran nicht mehr vorbei. Um beim Beispiel der Dubai-Schokolade zu bleiben: Ich denke, dass der Hype bald abflachen wird, aber uns der Begriff Dubai als eine Art neue Geschmacksrichtung erhalten bleibt – und zu neuen Trends inspirieren wird, etwa eine Eiscreme in diesem Dubai-Stil.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.
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