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Autozulieferer„Wir setzen auf eine Last-Man-Standing-Strategie“

Der Finanzinvestor Mutares will den Spezialmotorenbauer Steyr Motors an die Börse bringen. Doch es gibt noch eine viel größere IPO-Wette von Mutares.Henryk Hielscher 23.10.2024 - 10:01 Uhr
Foto: dpa Picture-Alliance

In den 80er Jahren war der Dübelhersteller Fischer aus Horb am Neckar nicht nur für sein Befestigungsequipment bekannt. Vor allem Autofahrer schätzten Fischers „C-Box“, ein Aufbewahrungssystem für Musikkassetten. Später baute Fischers Automotive-Tochter auch Lüftungsdüsen, Ablagefächer, Getränkehalter und allerlei andere Teile für die Innenausstattung von Audis, BMWs und Teslas. Doch die Sparte blieb ein Fremdkörper in der Gruppe. Als dann die Absatzzahlen bröckelten und sich die Aussichten eintrübten, zog das Management die Reißleine und verkaufte Fischer Automotive Anfang Juni schließlich an die börsennotierte Beteiligungsgesellschaft Mutares

Die Münchner sind spezialisiert darauf, „sanierungsbedürftige, defizitäre Geschäfte zu übernehmen und neu aufzustellen“, wie es Mutares-Investmentchef Johannes Laumann formuliert. Dabei gehe es nicht allein darum, die Bilanz wieder in Ordnung zu bringen, so Laumann, „sondern wir setzen beim operativen Geschäft an.“

Börsengang von Steyr Motors

Gelingt die Restrukturierung, kann das Unternehmen anschließend mit ordentlichem Aufschlag verkauft oder an die Börse gebracht werden. So plant es Mutares derzeit für den Spezialmotorenbauer Steyr Motors. Die Bank Hauck & Aufhäuser soll neue und bestehende Aktien in einer Privatplatzierung bei Investoren unterbringen, teilte Mutares jüngst mit. Das Unternehmen aus Steyr in Oberösterreich stellt Dieselmotoren her, die als Antrieb für Militärfahrzeuge und Boote, aber auch als Hilfsaggregate für Kampfpanzer und Lokomotiven einsetzbar sind. Zum Erlös und zur Bewertung äußerte sich Mutares nicht. Der Investor wolle aber die Mehrheit behalten. Geplant ist ein Listing an der Frankfurter Börse im „Scale“-Segment für kleine und mittelgroße Firmen.

Abschwung

„Die Reserven sind aufgebraucht und die Banken zögern“

Nicht nur die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt. Berater berichten auch von einer Zunahme von Notverkäufen – und von den Tücken der Nachfolgeplanung in kriselnden Familienunternehmen.

von Henryk Hielscher

Mutares hatte Steyr vor knapp zwei Jahren vom französischen Rüstungskonzern Thales übernommen, der das Unternehmen 2018 aus der Insolvenz herausgekauft hatte. Heute profitiert Steyr Motors nach einem Stellenabbau von einer Sonderkonjunktur: 60 Prozent des Umsatzes von 30 Millionen Euro in den ersten neun Monaten kämen aus der Rüstungsbranche.

Für das Gesamtjahr 2024 rechnet das Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern mit einem Umsatz von 41 bis 45 Millionen Euro und einem bereinigten Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) von neun bis elf Millionen Euro. Der Eigentümer verweist auf einen Auftragsbestand von 150 Millionen Euro, der die Auslastung in den nächsten Jahren weitgehend sichere.

Angriff der Leerverkäufer

Mutares steht unter Erfolgsdruck, nachdem der Leerverkäufer Gotham City Research Ende September einen kritischen Bericht über den Investor veröffentlicht hatte. Die im Kleinwerteindex SDax notierte Aktie brach zunächst ein, hat sich seither aber wieder deutlich erholt. Dennoch zeigt die Shortseller-Attacke, dass Mutares Geschäftsmodell erklärungsbedürftig ist. 

Die Münchner kommen vor allem bei so genannten Carve-Outs ins Spiel, also Abspaltungen von – teils defizitären - Unternehmensteilen. Viel Geld zahlt die Beteiligungsgesellschaft für die Übernahme solcher Sanierungsfälle nicht. Im Gegenteil: „Der Altgesellschafter finanziert zu einem wesentlichen Teil den Umbau“, sagt Mutares-Manager Laumann. Normalerweise stehe Mutares nicht für Verluste ein. „Die Kaufpreise sind entsprechend niedrig oder sogar negativ“, so Laumann. Trotzdem gebe es gerade viel Bewegung und Interesse im Markt: „Wir schauen uns jede Woche circa 50 bis 70 neue Opportunitäten weltweit an“. Darunter etwa schlingernde Lebensmittelverarbeiter oder klamme Anlagen- und Maschinenbauer. 

Doch vor allem Autozulieferer passen derzeit in Mutares‘ Beuteschema. „Die Stimmung im Automotive-Segment ist im Keller“, sagt Laumann. „Für Übernahmen und Zukäufe ist das nicht die schlechteste Zeit.“ Klar, die großen europäischen Hersteller kämpfen mit Gegenwind und würden den Druck an ihre Zulieferer weitergeben. Hinzu käme der Trend zur E-Mobilität. „Doch die Untergangsstimmung trügt“, meint Laumann. Viele Zulieferer würden auch in Zukunft gebraucht. „Wir setzen da auf eine Last-Man-Standing-Strategie.“ Heißt: Mutares will Teile des kriselnden Zuliefergeschäfts konsolidieren, um als einer der letzten verbleibenden Hersteller ordentliche Renditen einzufahren. 

Konkret hat Mutares in den vergangenen Jahren mehrere Hersteller von Plastikspritzgussteilen gekauft und unter dem Namen Amaneos gebündelt. Sie produzieren zum Beispiel Kühlergrills, Stoßfänger, Seitenverkleidungen oder Spoiler, also überwiegend Produkte, die man auch für E-Autos braucht.

„Es ging los mit dem früheren Außenteilegeschäft des Automobilzulieferers Magna“, sagt Laumann. Später seien dann Geschäftsbereiche vom amerikanischen Zulieferer Cooper Standard und von Mann+Hummel übernommen worden – und zuletzt Fischer Automotive. Zusammen erzielen die Amaneos-Ableger inzwischen mehr als 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. Kaum einer der großen Autohersteller kommt an der neu formierten Gruppe vorbei. Eine Position, die Laumann nutzen will: Es gehe nun darum, die Kosten flach zu halten und die Ertragskraft weiter zu steigern, etwa über Produktionslinien, die mehr unterschiedliche Fahrzeugmodelle bedienen können. Ob die Wette aufgeht, dürfte sich in ein bis zwei Jahren zeigen. Dann sei ein Börsengang von Amaneos „denkbar“, so Laumann. 

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