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An der „Energiefront“ der Ukraine„So sieht jetzt unser Leben aus“

Die russische Armee zielt in der Ukraine insbesondere auf die Energieinfrastruktur. Der Wartungsbedarf in den Kraftwerken ist enorm. Zu Besuch in einer Anlage. 30.11.2024 - 17:43 Uhr

Ein Arbeiter von DTEK geht an einem zerstörten Transformator vorbei.

Foto: AP

An einem sonnigen, aber frostigen Tag richten Arbeiter in einem ukrainischen Wärmekraftwerk beschädigte Geräte wieder her. Der Schnee auf dem ramponierten Dach schmilzt, Wassertropfen sickern durch die klaffenden Löcher. Einige Wochen zuvor wurde die Anlage nach ukrainischen Angaben Ziel eines russischen Luftangriffs. Er hat Brandflecken, Schrapnell-Einschläge an den Wänden und Raketentrümmer auf dem Hallenboden hinterlassen.

„So sieht jetzt unser Leben aus. Arbeiter in einem Wärmekraftwerk, das eigentlich Strom produzieren soll, gehen auf gefrorenen Böden und nutzen Brennholz, um sich warm zu halten“, sagt Olexander, Leiter der Abteilung für Produktionsmanagement. Der 52-Jährige will seinen vollen Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt wissen.

Die wiederholten russischen Angriffe auf die Infrastruktur haben im ukrainischen Energiesektor tiefe Spuren hinterlassen. Oft sind gezielte Stromabschaltungen im ganzen Land die Folge. Am Donnerstag flog die russische Armee eine weitere große Attacke. Ukrainische Behörden berichteten von fast 200 Drohnen und Raketen, die auf die Energieinfrastruktur abgezielt hätten. Mehr als eine Million Menschen waren zeitweise von der Stromversorgung abgeschnitten.

Oleksandr, 52, Leiter der Abteilung Produktionsmanagement, steht vor einer zerstörten Turbine des DTEK-Kraftwerks.

Foto: AP

Der Umfang der notwendigen Wartungsarbeiten im Sektor ist immens. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 hätten die sieben führenden Industrieländer und andere mit Kiew verbündete Staaten Energiehilfen in Höhe von mehr als vier Milliarden Dollar (rund 3,8 Milliarden Euro) für die Ukraine bereitgestellt, teilte US-Außenminister Antony Blinken im September mit.

Olexander arbeitet in einem Kraftwerk, das von DTEK, dem größten privaten Energieunternehmen in der Ukraine betrieben wird. Seit die Anlage im November 2022 erstmals angegriffen worden sei, habe sie wegen der anhaltenden Angriffe nicht wieder zu ihrer vollen Kapazität zurückkehren können, sagt er. Wichtige Vorrichtungen seien zerstört. Der Standort des Werks, das ein Reporter der Nachrichtenagentur AP besucht, sowie Einzelheiten zu den Schäden und selbst die Nachnamen der Arbeiter bleiben unter Verschluss – aus Sorge, dass sich Russland die Angaben für die Planung künftiger Angriffe zunutze machen könnte.

Das Wärmekraftwerk in der Ukraine, einst Symbol moderner Energieversorgung, ist größtenteils zerstört – seine Mitarbeiter sind gezwungen, sich mit Brennholz vor der Kälte zu schützen.

Foto: AP

DTEK betreute vor der russischen Invasion rund 20 Prozent der ukrainischen Stromproduktion, doch seit Kriegsausbruch ist der Wert auf zwölf Prozent gefallen. Das Unternehmen berichtete, dass seine Anlagen seit 2022 fast 200 Mal von der russischen Armee angegriffen worden seien. Fast 90 Prozent der Infrastruktur von DTEK sei zerstört oder beschädigt worden – und das bevor Russland am 17. November einen Großangriff startete.

Bis zu dieser Attacke war nur die Hälfte der Erzeugungskapazität, die DTEK seit den ersten Angriffen auf dessen Einrichtungen im November 2022 eingebüßt hatte, wiederhergestellt worden. Ein Lichtblick für das Unternehmen war immerhin eine Ankündigung der EU-Kommission und der US-Regierung in dieser Woche, Geräte und Baumaterial im Wert von 112 Millionen Dollar zu spenden, um DTEK bei den Vorbereitungen auf den Winter zu helfen.

Ein Blick durch das Dach der Produktionshalle verrät, wie sehr das Kraftwerk der DTEK in der Ukraine unter den russischen Angriffen gelitten hat.

Foto: AP

Produktionsleiter Olexander geht davon aus, dass die Wartungen am Werk den ganzen Winter über bis womöglich weit ins kommende Jahr hinein andauern dürften. Die Reparaturarbeiten werden noch dadurch erschwert, dass einige wichtige Vorrichtungen noch zu Sowjetzeiten gebaut wurden. Ersatzteile zu finden, ist also schwierig. Einige ehemalige Sowjetrepubliken, die mit der Ukraine verbündet sind, haben immerhin angeboten, Komponenten zu liefern. Potenziell könnten auch westliche Länder mit Geräten aushelfen, doch hätten ihre Stromnetze ihre eigenen Besonderheiten, sagt Olexander.

Einstweilen müssen sich seine Kollegen im Wärmekraftwerk mit der düsteren Alltagsrealität abfinden. Die Ablaufprotokolle kennen sie auswendig. Bei Luftalarm dürfen nicht alle Schutz suchen. Eine kleine Mannschaft muss im Kontrollraum bleiben, um den Betrieb am Laufen zu halten. Damit setzen sie sich der Gefahr aus, bei einem Angriff einen direkten Treffer abzubekommen. „Du musst da sitzen und warten und währenddessen die Flugbahnen von was auch immer verfolgen, was da abgefeuert wurde. Aber die Stromaggregate arbeiten weiter; daher können wir nicht einfach weg, wir bleiben im Kontrollraum“, sagt Mitarbeiter Dmytro.

Dennoch machen er und seine Kollegen weiter, denn sie wissen, wie wichtige ihre Aufgabe für ihre Stadt und Region ist, gerade in den kommenden Wintermonaten. „Wer macht es denn, wenn nicht wir?“, sagt Dmytro. „Ich habe auch eine Familie, die zu Hause auf mich wartet, aber wenn wir alle gehen und die Vorrichtung zusammenbricht, tragen wir die Verantwortung. Die ganze Stadt verliert Strom und Wärme. Einige riskieren (ihre Leben) an der Frontlinie, während wir hier unsere eigene Energiefront haben.“

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AP
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