Protestierende fordern den Rücktritt des Präsidenten Yoon Suk-yeol.
Foto: imago imagesGörlachs Gedanken: Die Lehren aus den Unruhen in Südkorea
Die Krise, in die Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeol sein Land mit der Ausrufung des Kriegsrechts gestürzt hat, ist mit dessen Ende längst nicht vorbei. Denn obwohl der Präsident versucht hat, mit Hilfe von Polizei und Militär einen Putsch durchzuführen, haben Abgeordnete seiner Partei einem Amtsenthebungsverfahren nicht zugestimmt. Nun ist es an den Gerichten zu untersuchen, ob sich Yoon des Hochverrats schuldig gemacht hat.
Auf den Straßen Seouls fordern Demonstranten nach wie vor den Rücktritt des Staatsoberhaupts, das schon vor der Nacht des Notstands äußerst unbeliebt war, mit Zustimmungswerten unter der zwanzig Prozentmarke. Die Notstandserklärung, deren Ausführung das Magazin Foren Policy das Prädikat von „clownshafter Inkompetenz“ verlieh, hat dieser Talfahrt sicher kein Ende bereitet. Allein der Tatsache, dass es Yoon nicht gelungen war, breite Unterstützung beim Militär und der Polizei für seinen Coup zu gewinnen, ist es zu verdanken, dass der Putschversuch erfolglos blieb. Im Internet kursieren Videos von Soldaten, die in die Kasernen zurück kehren und sich, tief verbeugend, bei den Bürgerinnen und Bürgern Seouls für das, was vorgefallen war, entschuldigen.
Zwar sagt der für die Durchführung des Kriegsrechts ernannte General Park An-su, dass die Soldaten keine scharfe Munition bei sich geführt hätten. Dass es zu keiner Gewaltanwendung im Parlament gekommen ist, ist allerdings einzig und allein den jungen Männern und ihren Befehlshabenden vor Ort zu verdanken, die keine Zivilisten verletzen wollten. Ohne deren Zurückhaltung hätte die Situation schnell eskalieren können.
Tief sitzt im Gedächtnis der Südkoreaner die Erinnerung an den Aufstand gegen die letzte Militärdiktatur im Land. Bis zum Ende der achtziger Jahre wurden dabei hunderte, wenn nicht tausende Menschen, die sich für den demokratischen Wandel Südkoreas einsetzten, gefoltert und getötet. Die Panzer und Militärfahrzeuge, die über die Straßen Seouls rollten, und die Fernsehbilder von Soldaten, die das Parlament besetzen wollen, haben die Menschen an diese Zeit erinnert und auf die Straße getrieben.
Die erfolgreichen Proteste wiederum belegen, dass Südkorea in der Tat zu einer wehrhaften, freiheitlichen Demokratie herangereift ist, deren wichtigstes Gut in der Tat wehrhafte Büßerinnen und Bürger sind, die sich für diese Demokratie notfalls Panzern und Soldaten in den Weg stellen.
Die Konservativen stehen in Korea seit dem Ende der Diktatur in dem Ruf, dem totalitären Gedankengut nicht abgeschworen zu haben. Yoons Putschversuch hat diesen Vorwurf bekräftigt. Südkorea ist aber heute anders als vor einem halben Jahrhundert, zur Zeit der letzten Diktatur, ein Land mit funktionierenden Institutionen, Gewaltenteilung und freien Medien.
Die Tatsache, dass es mit dem Putsch schon nach fünf Stunden wieder aus war, belegt zudem, dass die Republik Korea über das verfügt, ohne das keine Demokratie auskommt: wehrhafte Bürgerinnen und Bürgern. Ihre Freiheit wollte Yoon Suk Yeol aus Machthunger opfern. Er sollte im Gefängnis dafür büßen.
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