Kinder, Küche, Karriere #10: „Stress ist, wenn du aufwachst und denkst: Wie mache ich das heute nur?“
Zeit mit seiner Familie verbringt Daniel gerne beim Campen. (Symbolbild)
Foto: CanvaIn unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Daniel ist 43 Jahre alt und arbeitet im Bereich Unternehmenskommunikation bei der DHL Group. Seine Frau Anne ist 44 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Erzieherin. Die beiden leben mit drei Kindern (elf, acht und sechs Jahre alt), einem Hund und fünf Hühnern in einem Dorf bei Königswinter im Rheinland.
WirtschaftsWoche: Ihr habt in eurer Familie vor einiger Zeit euer Vereinbarkeitsmodell umgestellt. Was war der Auslöser?
Daniel: Das fing in der Corona-Zeit an. Meine Frau, gelernte Wissenschaftsredakteurin, war in Elternzeit und hat festgestellt, dass sie sich beruflich verändern und eine Erzieherinnen-Ausbildung machen möchte. Das ist eine Ausbildung in Vollzeit, bei der sie pro Woche zwei bis drei Tage in der Kindertagesstätte und zwei bis drei Tage in der Berufsschule ist. Hinzu kommt, dass sie sich auf Klausuren und Hospitationen vorbereitet. Sie sitzt also abends oft am Schreibtisch. Vor Beginn ihrer Ausbildung hatte ich eine 100-Prozent-Stelle. Dann habe ich meine Stelle auf 80 Prozent reduziert. Das ist natürlich nicht massiv, aber immerhin. So machen wir das jetzt seit anderthalb Jahren. Weitere anderthalb Jahre geht die Ausbildung noch.
Warst du direkt dafür?
Ja, denn letztendlich ist neben der Gehaltsfrage und den Rahmenbedingungen am wichtigsten, dass man auch persönliche Erfüllung in dem findet, was man macht. Ich habe gemerkt, dass meine Frau eine hohe Motivation hat. Außerdem fand ich es selber toll, meine Stunden zu reduzieren und wollte das eigentlich schon immer mal machen. Die Zeit, die man mit den Kindern verbringen und in der man sich mehr zuhause einbringen kann, ist mega wertvoll. Ich bin dankbar, dass ich das machen kann und möchte auch andere Männer motivieren, sich das zu überlegen.
Wieso hast du deine Stunden nicht schon früher reduziert?
Weil meine Frau in Elternzeit war. Und vorher musste sie nach Köln pendeln. Da war klar, dass es für unseren Ablauf am besten ist, wenn sie möglichst wenig Stunden arbeitet und die Pendelei damit reduziert. Wir haben immer wieder darüber nachgedacht, aber es ließ sich einfach nicht gut realisieren. Und jetzt war es ein richtig guter Moment. Wenngleich es im Alltag auch oft im Chaos endet. Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. (lacht)
Vor der Pandemie hast du wahrscheinlich weniger im Homeoffice gearbeitet, oder? Hat das auch eine Rolle gespielt?
Auf jeden Fall. Vor der Pandemie war ich fünf Tage pro Woche im Büro. Das würde bei unserem aktuellen Modell nicht funktionieren.
Wie teilst du dir deine Arbeitszeit im Laufe der Woche auf?
Ich arbeite grob von acht bis drei Uhr. Das ist meine Regelarbeitszeit, das wissen meine Kolleginnen und Kollegen und das ist so auch im Kalender eingetragen. Wenn es keine anderen Eltern übernehmen – wir haben Fahrgemeinschaften organisiert –, muss ich nach der Arbeit meine beiden jüngeren Kinder von der offenen Ganztagsschule abholen. Mein ältester Sohn kommt selbstständig vom Gymnasium nach Hause. Klar kommt es auch mal vor, dass ich abends nochmal arbeite, aber das ist der grobe Rahmen. Ich finde das Modell gut. Wenn ich einen Tag komplett frei hätte, bekäme ich nicht alles mit und müsste so viel aufholen. Auch wenn es manchmal schwierig ist, in einem Meeting den Stift fallen lassen zu müssen, weil die Kids abgeholt werden müssen.
Überstunden sind nicht drin, oder?
Ich mache auch mal Überstunden, aber kann sie flexibel abbauen. Es hilft total, zu wissen, dadurch auch mal spontan auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Und dann haben wir noch Großeltern ganz nah bei uns wohnen. Die kann man mal anrufen, wenn man Hilfe braucht. Aber ja, entscheidend ist die Selbstorganisation. Man muss Prioritäten setzen und ein Selbstbewusstsein entwickeln, auch mal zu sagen, dass etwas nicht geht.
Wie kommt es bei der Arbeit an, dass du Grenzen setzt?
Tatsächlich habe ich von meinen Vorgesetzten sogar positives Feedback bekommen. Sie haben gesagt: „Wir haben beobachtet, dass du dich noch besser fokussierst.“ Ich habe auch ein super cooles Team. Wenn ich mal wegen der Familie weg muss, ist das echt kein Problem. Auch Kollegen und Kolleginnen ohne Kinder sind ziemlich tolerant und empathisch. Viele Unternehmen haben tolle Rahmenbedingungen und das ist bei uns auch so – Büroangestellte müssen nur zwei Tage pro Woche ins Büro, wir haben eine Betriebskita und und und.
Aber entscheidend ist für mich beim Vereinbarkeitsthema etwas anderes: Eigentlich haben ja alle Familien ihren Alltag organisiert. Es gibt Pläne, es gibt Kindergartenplätze, es gibt Arbeitszeiten. Aber das Problem ist, dass diese Pläne häufig in sich zusammenfallen, wenn ein Kind krank ist, wenn wieder Läusealarm in der Schule ist oder wenn der Kindergarten wieder Notbetreuung hat, weil es zu wenig Erzieher und Erzieherinnen in Deutschland gibt. Dann bricht alles zusammen. Das ist das, was Stress auslöst. Wenn du morgens aufwachst und dir denkst: „Wie mache ich das heute nur?“ Wenn du dann mit einem guten Gefühl bei der Arbeit sagen kannst, was los ist, ist viel gewonnen. Natürlich bemühe ich mich, auch alles für die Arbeit hinzubekommen und setze mich dann abends nochmal hin. Das bekommen meine Kollegen ja mit. Aber es ist schon toll, dass das alles so geht.
Von wann bis wann ist deine Frau beruflich eingespannt?
Egal, ob sie arbeitet oder in der Berufsschule ist, ihr Tag geht meist von acht bis 16 Uhr. Dann muss sie noch lernen und vorbereiten. Meistens landen wir abends irgendwann auf dem Sofa und schauen eine Serie oder so. Aber dann passiert oft auch noch etwas nebenbei, zum Beispiel das Falten der Wäsche.
Wer macht bei euch denn welchen Teil der Care-Arbeit?
Am Anfang war es echt krass: Da haben wir gesagt, wir teilen uns auf, und es hat erstmal gar nicht funktioniert. (lacht) Wir haben alles parallel gemacht. Daraufhin haben wir die größeren Aufgaben ganz klar aufgeteilt. Das hat total geholfen. Wir müssen uns sowieso oft abstimmen und es gibt immer wieder Fragen zu klären. Wenn solche Dinge dann auch noch jeden Tag besprochen werden müssen, nervt das total. Meine Frau kümmert sich um die Wäsche und das Reinigen des Hauses – was nicht heißt, dass ich nicht auch mal staubsauge – und ich bin für alles zuständig, was mit Essen zu tun hat. Ich gehe einkaufen, koche und kümmere mich um die Brotdosen der Kinder. Ich habe ein Dokument, in das ich eintrage, was es jeden Tag zu Essen geben soll. Das wird automatisch in eine App übertragen, in der ich sehen kann, was ich einkaufen muss. Und dann mache ich einmal pro Woche einen Großeinkauf.
Und alles andere macht ihr auf Zuruf?
Da hat sich tatsächlich viel eingegroovt. Ich bringe unsere Kinder zu den Pfadfindern, zum Gitarrenunterricht fährt unser Sohn mit dem Rad, meine Frau bringt unsere Tochter zum Ballett. Ich kümmere mich viel um unsere Finanzen und alles, was um Haus und Hof passiert, meine Frau ist mehr beim Thema Schule drin. Wobei wir da jetzt auch aufgeteilt haben, wer mit welchem Kind für welche Fächer lernt.
Was hilft euch noch bei der Organisation des Familienalltags?
Neben dem Dokument fürs Essen haben wir auch noch Listen für Dinge aus dem Drogerie- und dem Baumarkt. Beim Abholen der Kinder wechseln wir uns mit drei anderen Familien ab, da gibt es einen ausgeklügelten Plan, den wir alle auf unserem Handy gespeichert haben, und eine WhatsApp-Gruppe. Und wir haben jetzt mal einen regelmäßigen Termin im Kalender geblockt, um Finanzthemen zu besprechen. Zum Beispiel: Welches Abo können wir kündigen? Wer überweist was und wer kümmert sich worum? Dinge, die man sonst eben oft schleifen lässt.
Würdest du insgesamt sagen, euer Vereinbarkeitsmodell funktioniert?
Ja. Aber wir stoßen schon häufig an unsere Grenzen und gehen auch mal darüber hinaus. Ich bin schon froh, dass das jetzt nur noch anderthalb Jahre so gehen wird. Meine Frau bekommt ein Ausbildungsgehalt, das nicht besonders hoch ist. Wir gehen beide viel arbeiten, es ist anstrengend und wir haben trotzdem quasi nur ein Gehalt. Das wäre kein Modell auf Dauer für mich. Zum Glück haben wir nicht so hohe Fixkosten, weil wir im Elternhaus meiner Frau leben und uns nicht ein komplett neues Haus gebaut oder gekauft haben. Dadurch sind die Wohnkosten relativ gering. Aber trotzdem ist es gut, dass das Ende absehbar ist.
Wie soll es weitergehen, wenn deine Frau ihre Ausbildung beendet hat?
Das haben wir ehrlich gesagt noch nicht im Detail besprochen. Aber ich finde Teilzeit eigentlich cool. Für mich ist noch nicht klar, ob ich wieder in Vollzeit einsteige. Wobei die Kinder ja auch älter und selbstständiger werden und ich oft im Homeoffice sein kann. Das ist nochmal was anderes, als als sie gerade frisch geboren waren und ich fünf Tage pro Woche weg war. Ich glaube, man muss sich immer wieder die Rahmenbedingungen anschauen: Wie geht es den Kindern gerade in der Schule, was für eine Betreuung brauchen sie gerade? Und auch: Wie geht es eigentlich unseren Eltern? Das fängt jetzt ja auch an, dass wir uns darüber Gedanken machen.
Das ist auch eine finanzielle Frage, oder?
Ja, vielleicht möchte eines unserer Kinder ja später mal ein Auslandsjahr machen oder wir wollen uns etwas Größeres anschaffen. Und die private Altersvorsorge ist auch ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen.
Habt ihr eigentlich eine Reinigungskraft oder nehmt ihr andere Dienstleistungen als Hilfe in Anspruch?
Wir hatten mal eine, mit der es nicht so gut funktioniert hat. An dem Thema sind wir noch dran. Und wir haben einen riesigen Garten, da kommt auch manchmal jemand vorbei und hilft uns. Ansonsten sind Freunde und Großeltern wirklich eine große Unterstützung. Wir haben hier auf dem Dorf eine tolle Community und helfen uns gegenseitig.
Müsst ihr viel Auto fahren, weil ihr auf dem Dorf abgeschnitten seid?
Nein, es ist hier sehr ländlich, aber wir wohnen relativ nah an Bonn. Ich fahre meistens mit dem Fahrrad zur Arbeit und brauche eine knappe halbe Stunde dorthin. Meine Kinder gehen zu Fuß zur Grundschule, die um die Ecke liegt. Meine Frau fährt drei Minuten mit dem Rad zum Kindergarten und mein Sohn fährt eine Viertelstunde mit dem Bus zum Gymnasium.
Ihr wohnt in einem Haus mit großem Garten. Ihr habt auch Tiere, oder?
Genau, einen Hund und fünf Hühner.
Und wer kümmert sich um sie?
Wir stehen meistens zwischen halb sechs und sechs auf und dann laufen meine Frau oder ich mit dem Hund – im Winter noch im Dunkeln mit Stirnlampe. Um die Hühner kümmere ich mich mit unserem ältesten Sohn.
Wie war es eigentlich, als eure Kinder geboren wurden: Wie habt ihr das mit den Elternzeiten geregelt – und würdet ihr es heute wieder so machen?
Das war unterschiedlich, aber auf jeden Fall hat meine Frau immer länger Elternzeit genommen und ich zwei Monate. Wir haben auch ganz klassisch in jeder Elternzeit eine längere Reise gemacht. Das war sehr cool. Ich glaube, das war für uns als Familie genau richtig. Als mein ältester Sohn geboren wurde, habe ich noch im öffentlichen Dienst gearbeitet und konnte ihn am frühen Nachmittag entspannt von der Tagesmutter abholen. Später war ich neu in meinem Job bei DHL und wollte da präsent sein. Ich glaube, das würde ich auch im Nachhinein nicht anders machen.
Was ist in der Elternschaft ganz anders als du es dir vorgestellt hast?
Dieses emotionale Auf und Ab. Einerseits ist da die totale Glückseligkeit: Ich finde es mega cool mit den Kids, es ist erfüllend und motivierend. Andererseits ist es manchmal so anstrengend, dass ich an meine Grenzen stoße. Ich wachse aber immer wieder über mich hinaus und bin danach stolz darauf, was ich geschafft habe. Und was mich rasend macht, ist diese Unplanbarkeit: Ich plane total gerne. Doch mit Kindern brechen Pläne manchmal einfach zusammen und stattdessen gibt es Chaos.
Lernt man, mit der Zeit besser damit umzugehen?
Auf jeden Fall. Ich finde, man entwickelt eine Gelassenheit und lernt auch, im Moment zu sein.
Wie verbringt ihr eure Freizeit?
Wir machen viel draußen, gehen gerne campen und fahren mit unserem Wohnwagen in den Urlaub nach Schweden. Wir treffen uns auch regelmäßig mit Freunden. Ich persönlich lege Wert darauf, auch mal was für mich zu machen und habe das donnerstags sogar im Kalender stehen. Da gehe ich schwimmen, in die Sauna im Garten oder treffe Freunde. Meine Frau macht so etwas leider weniger. Vielleicht ist das eine Typsache. Aber sie hat halt auch immer diese ganzen Klausuren im Nacken.
Macht ihr auch mal was zu zweit, ohne die Kinder?
Ja, wir gehen manchmal frühstücken oder abends essen. Das klappt ganz gut, weil meine Schwiegereltern dann ja rüberkommen können. Wir möchten demnächst auch mal zu zweit wegfahren. Das ist aber auch immer etwas schwieriger. Ehrlich gesagt: Fitte Großeltern sind super. Aber ein komplettes Wochenende mit drei Kindern ist natürlich ganz schön viel. Deswegen haben wir das bisher immer vermieden. Aber die Kinder werden ja älter.
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