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BuchmarktBertelsmann-Deal setzt neue Maßstäbe

Bertelsmann-Chef Rabe setzt mit der Fusion seiner Buchtochter Random House mit Penguin sein erstes echtes Duftzeichen.KOMMENTAR von Peter Steinkirchner 29.10.2012 - 12:52 Uhr

Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns Bertelsmann, konnte nach der geplatzten Übernahme des Verlagshauses Gruner + Jahr einen wichtigen Deal abwickeln

Foto: dpa

Vor fünf Tagen gab sich Pearson noch britisch-schmallippig: Ja, wir haben die Medienberichte über die Verhandlungen mit Bertelsmann auch gelesen, und, ja, wir bestätigen: Wir reden miteinander mit dem Ziel, die beiden Buchsparten Random House und Penguin zusammen zu führen. Eine Einigung stehe allerdings noch aus, und Gewissheit, dass es überhaupt zu einer solchen kommt, gebe es keine. Wenige Tage später jetzt die Nachricht: Random House und Penguin legen ihre Geschäfte im englisch- und spanisch-sprachigen Raum zusammen.

Stimmen die zuständigen Kartellbehörden dem Deal zu, entsteht damit voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2013 der mit Abstand größte Buchverlag der Welt. Legt man die aktuellen Zahlen zugrunde,  kommen beide Partner heute zusammengerechnet auf einen Umsatz von drei Milliarden Euro und veröffentlichen 14.000 neue Bücher im Jahr. Gemeinsam, teilen beide Häuser mit, wollen sie künftig sogar noch mehr Geld in Autoren und neue Geschäftsmodelle investieren als sie es heute jeweils einzeln tun. Damit, so viel dürfte klar sein, enteilen sie der Konkurrenz um Längen.

Welche immense Bedeutung der Zusammenschluss mit der 1935 gegründeten englischen Verlagsikone Penguin jedoch ganz offensichtlich vor allem für die Bertelsmann-Spitze hat, zeigt ein sprechendes Detail der Gütersloher Mitteilung: Für wichtiger und mitteilenswerter als die Höhe der jeweiligen Anteile am künftigen Verlagskonzern (Bertelsmann: 53 Prozent, Pearson: 47) halten die Westfalen vor allem eins: „Thomas Rabe setzt neue Bertelsmann-Strategie im Buchgeschäft um“.

Nur zum Vergleich: Ehe in der Mitteilung des englischen Partners Pearson erstmals der Name von Vorstandschefin Marjorie Scardino fällt, vergehen neun Absätze zu den Details des Deals. Zu denen gehört etwa, dass weder Pearson und Bertelsmann innerhalb der ersten drei Jahre nach dem Zusammenschluss zu Penguin Random House Anteile verkaufen darf, egal in welcher Höhe.

Völlig überraschend verlässt Hartmut Ostrowski (links), der Chef des Mediengiganten Bertelsmann seinen Posten. Auf ihn folgt der bisherige Finanzvorstand Thomas Raabe (rechts im Bild). Die Entscheidung sei aus „persönlichen Gründen“ gefallen, heißt es offiziell. Was genau hinter dem Wechsel an der Konzernspitze steht, ist bisher unklar. Am Geschäftserfolg kann es jedenfalls nicht liegen. Bertelsmann steht prächtig da, Ostrowski hinterlässt ein gut bestelltes Haus. Mit einem Umsatz von 15,786 Millionen Euro und einem Konzernergebnis von 656 Millionen übertrafen die Gütersloher im vergangenen Jahr alle Erwartungen. Aus mehreren Kanälen fließt das Geld…

Foto: dapd/Frank Bruns

Texte: Konrad Daubek

Foto: WirtschaftsWoche

…in die Konzernzentrale nach Gütersloh. Zum Medienimperium gehören Fernsehsender, Buch- und Zeitschriften- Verlage, ein Dienstleistungsunternehmen und mehrere Buchgemeinschaften und Musikclubs. In mehr als 50 Ländern ist Europas größtes Medienunternehmen aktiv. Foto: dapd/Roberto Pfeil

Foto: WirtschaftsWoche

Das stärkste Pferd im Stall ist die RTL Group, die mit Beteiligungen an 40 Fernsehsendern und 33 Radiostationen zu Europas führenden Unterhaltungskonzernen zählt. Die Bertelsmann AG hält 91,6 Prozent der Anteile. Zu den wichtigsten Sendern gehört RTL Deutschland, der erfolgreichste deutsche Privatsender. Außerdem der Französische Sender M6 sowie die RTL-Sender in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Ungarn. Die 12.339 Mitarbeiter der RTL Group erwirtschaften 34,7 Prozent des Gesamtumsatzes der Bertelsmann AG. Foto: RTL Group

Foto: WirtschaftsWoche

Die Verlagsgruppe Random House gehört seit 1998 als hundertprozentige Tochtergesellschaft zum Bertelsmann-Konzern. Zu ihr gehören 200 Verlage in 16 Ländern - allein in Deutschland sind es über 30 Verlage. Darunter der Goldmann Verlag, der Heyne Verlag und natürlich der C. Bertelsmann Verlag. Schon früh begann Random House auch am Markt mit E-Books Fuß zu fassen. Foto: Random House

Foto: WirtschaftsWoche

Mit Gruner und Jahr gehört auch einer der wichtigsten deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage zu Bertelsmann. 74,9 Prozent der Anteile halten die Gütersloher. Der Rest gehört der Hamburger Familie Jahr. Zu den bekanntesten Titeln des Hauses gehört der „Stern“, die „Financial Times Deutschland“, die Wirtschaftsmagazine „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“, sowie die Frauenzeitschrift „Brigitte“. Foto: dpa/Wolfgang Langenstrassen

Foto: WirtschaftsWoche

Arvato ist ein großer Medien- und Kommunikationsdienstleister, der zu 100 Prozent zur Bertelsmann AG gehört. Die Firma legte im Jahr 2008 mit der DeutschlandCard eines der großen Kundenbindungssysteme auf und versuchte damit zum Konkurrent des bekannten Bonus-Systems Payback zu werden. Foto: Arvato

Foto: WirtschaftsWoche

Die fünfte Säule im Bertelsmann-Imperium bildet die Direct Group. Sie betreibt Bücher-, Musik- und DVD-Klubs, sowie Buchhandlungen in 12 Ländern. Die Buchclub-Sparte wurde in den letzten Jahren immer wieder verkleinert. Nachdem Ableger in den USA, in Italien und Großbrittanien aufgegeben wurden, verkaufte Bertelsmann im Mai 2011 auch das Geschäft in Frankreich. Die Direct Group ist zu 100 Prozent im Besitz der Bertelsmann AG. Doch wem gehört eigentlich Europas größter Medienkonzern? Foto: dpa/Steffen Kugler

Foto: WirtschaftsWoche

Zu den wichtigsten Köpfen bei Bertelsmann gehört die Milliardärin Liz Mohn, Witwe des im Jahr 2009 verstorbenen Reinhard Mohn. Die Familie Mohn besitzt 19,1 Prozent des Aktienkapitals der Bertelsmann AG und hat das letzte Wort, wenn es etwas zu entscheiden gibt. Foto: Reuters/Fabrizio Bensch

Foto: WirtschaftsWoche

Wichtigster Anteilseigner am Bertelsmann Konzern ist allerdings nicht die Familie, sondern die Bertelsmann Stiftung. Ihr gehören 77,9 Prozent der Anteile. Sie wurde 1977 von Reinhard Mohn gegründet und zählt zu den größten Stiftungen in Deutschland. Wichtigste Anliegen der Stiftung sind gute Bildung sowie eine gerechte und funktionierende Wirtschaft. Foto: AP/Michael Sohn

Foto: WirtschaftsWoche

Die restlichen Anteile gehören zu verschiedenen Stiftungen, unter anderem zur Reinhard Mohn Stiftung und zur Stiftung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft. Das Foto zeigt Liz Mohn vor einem Bild ihres verstorbenen Gatten Reinhard Mohn. Foto: dpa/Matthias Benirschke

Foto: WirtschaftsWoche

Druck auf Rabe

Bei Bertelsmann sah man dagegen offenbar die Notwendigkeit, den seit Januar amtierenden Vorstandschef Thomas Rabe mit seinem ersten großen Deal in der neuen Funktion auch bitte angemessen prominent zu würdigen – damit auch ja keiner übersieht, wer hier den Erfolg eingefahren hat. Der Druck auf den früheren Finanzvorstand Rabe, beinahe ein Jahr nach seinem Amtsantritt etwas Vorzeigbares zu präsentieren, war in den vergangenen Wochen spürbar gestiegen.

Denn es ist gerade etwas mehr als eine Woche her, dass Bertelsmann die eigentlich geplante vollständige Übernahme des Hamburger Verlagshauses Gruner + Jahr abblasen musste. Die Gütersloher halten 74,9 Prozent der Anteile und hätten sich gern noch den Anteil der Verlegerfamilie Jahr einverleibt. Eine Einigung über den Deal kam indes nicht zustande.

Umso besser nun für Rabe, dass ein anderes Großprojekt, von dem seit einigen Jahren immer wieder einmal die Rede war, nun endlich klappte. Zwar kam es nicht so, wie zuvor gerüchteweise kolportiert, dass Bertelsmann mit einem Anteil von mindestens 60 Prozent, wenn nicht höher, in das Gemeinschaftsunternehmen einsteigt. Nach einer Bewertung von Umsatz und Ergebnis beider Buchkonzerne in den vergangenen Jahren sei man zu dem Anteilsschlüssel gelangt, der nun greifen soll.

Zahlen und Organisation der Bertelsmann-Stiftung im Überblick (zum Vergrößern bitte Bild anklicken).

Foto: WirtschaftsWoche

Doch mit dem Ergebnis werden beide Seiten leben können. Denn für Bertelsmann heißt das vor allem, mit einem starken Partner in Märkten auf einen Schlag präsent zu sein, in denen die Gütersloher bislang eher unter ferner liefen rangierten. So ist Penguin etwa in Indien unangefochtener Marktführer im Buchgeschäft. Hinzu kommt, dass Penguin ähnlich wie Bertelsmann sehr aktiv ist beim Entwickeln neuer Geschäftsmodelle für das wachsende Geschäft mit E-Books.

Penguin erzielt 19 Prozent seines Umsatzes mit E-Büchern; bei Random House liegt der Umsatzanteil der digitalen Schmöker bereits bei fast 25 Prozent. Und die Penguin-Tochter Dorling Kindersley war der weltweit erste Publikumsbuchverlag, der sich im Januar beim Start der neuen iBook-Plattform mit dem Apple-Konzern verbündete.

Was die Zahl der prominenten Autoren betrifft – seien es lebende oder verstorbene, von denen die Verlage noch immer die Rechte halten -  dann entspricht die Verlagsehe von Penguin und Random House übertragen auf einen anderen Wirtschaftszweig ohnehin praktisch dem Zusammenschluss von Real Madrid und FC Barcelona. Richtig lecker ist beispielsweise auch, dass Dorling Kindersley die Bestseller-Bücher des englischen Starkochs Jamie Oliver im Programm hat – bei Gruner + Jahr erscheint praktischerweise seit dem vergangenen Jahr sechsmal im Jahr das Magazin „Jamie“.

Deutschland-Geschäft bleibt bei Bertelsmann

Außen vor bleiben bei dem Deal allerdings zwei Bereiche: Das Deutschland-Geschäft von Random House behält Bertelsmann komplett. Als ein Grund dafür mag gelten, dass der deutsche Buchmarkt unter anderem wegen der Buchpreisbindung anders tickt als fast alle anderen internationalen Märkte.

Ein wenig erstaunt die Ausnahme dennoch, schließlich ist Penguin etwa mit Dorling Kindersley, die neben Kochbüchern auch erfolgreich Reiseführer und  Kinderbücher („Lego“ und „Star Wars“) hierzulande seit Jahren sehr aktiv. Außen vor bleibt auch das Geschäft mit Bildungsmedien. Pearson behält die Marke Penguin für diese Sparte, Bertelsmann muss hier also weiter eigene Wege suchen.

Ehe sich der künftige Penguin Random House-Vorstandschef Markus Dohle allerdings neue Visitenkarten drucken lässt, werden sich jetzt erst einmal weltweit Heerscharen von Juristen über die Details des Deals beugen. Noch ist nicht einmal völlig klar, welche Behörden der jeweils betroffenen Märkte sich mit dem Zusammenschluss befassen werden. Klar ist: Es wird ein Fest für Kartellexperten.

In Gütersloh macht man dennoch auf Optimismus. Und das gilt auch für das Angebot, das praktisch in letzter Minute aus New York gen London flatterte: Der US-Konzern News Corp. des letzten lebenden Medienzaren Rupert Murdoch setzt mit einem eigenen Angebot offenbar noch zur Blutgrätsche an, obwohl das Aufgebot von Bertelsmann und Pearson bereits bestellt ist.

In Gütersloh scheint man sich seiner Sache allerdings sehr sicher zu sein: nach fünf Monaten Verhandlungen verzichteten beide Seiten auf eine Break-up-fee, also auf eine Strafgebühr für den Fall, dass der Deal doch nicht zustande kommt.

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