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Korruption und MachtspielchenIndiens Wirtschaftsreformen holpern

Die Regierung in Delhi hat endlich liberale Wirtschaftsreformen beschlossen. Aber kann sie sie auch umsetzen? Im Parlament hat die Kongresspartei keine Mehrheit, und zusätzlich sorgt eine Korruptionsuntersuchung bei der Indien-Tochter von Wal-Mart für Ärger.Klaus Methfessel 30.11.2012 - 14:44 Uhr

Rang 10: Deutschland
Stehen 2014 mit Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland noch vier europäische Länder unter denen, mit dem höchsten BIP nach Kaufkraftparität, ist es 2050 nur noch ein einziges: Deutschland.
Aktuell ist Deutschland mit einem BIP von 3,621 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität das fünfstärkste Land der Welt. 2050 wartet nur noch Rang neun, obwohl Deutschland bis dahin 6,338 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet. Andere Länder wachsen um einiges schneller.
Laut PWC könnte Deutschland 2050 allerdings besser dastehen, als bisher geschätzt, da Spielraum für Infrastrukturinvestitionen bestehe, die die deutsche Ökonomie nach vorne bringen könnten. Das größte Problem für Deutschland: 2050 wird das durchschnittliche Bevölkerungswachstum im Vergleich zu 2014 jährlich um 0,4 Prozent sinken. Das langfristige Wirtschaftswachstum Deutschlands dürfte bis 2050 im Schnitt pro Jahr 1,6 Prozent betragen.

Quelle: PWC

Foto: dpa

Rang 9: Nigeria
Aktuell liegt der westafrikanische Staat noch auf Rang 20 – 1,058 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet er 2014. Nigeria ist neben dem Vietnam das Land, das zwischen 2014 und 2050 am stärksten wachsen wird – laut PWC könnten sie Wirtschaftswachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr in diesem Zeitraum erreichen. Trifft das zu, dürfte Nigeria 2050 als erstes afrikanisches Land eine stärkere Wirtschaftsleistung erbringen als Deutschland. 7,345 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität dürfte Nigeria 2050 erwirtschaften.
Ein wichtiger Faktor dabei sind die Rohstoffreserven Nigerias. Diese könnten allerdings auch zum Problem werden. Wenn etwa wie aktuell die Ölpreise fallen, leidet Nigerias Wirtschaft darunter.
Nigerias größtes Potenzial liegt in seiner jungen Bevölkerung und dem stark zunehmenden Teil der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter.

Foto: REUTERS

Rang 8: Russland
2014 erwirtschaftet Russland 3,559 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität – und liegt damit knapp hinter Deutschland. Bis 2050 wird sich das ändern. Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent pro Jahr, zieht Russland schon 2030 an Deutschland vorbei.
Wie auch Nigeria profitiert Russland von seinen Bodenschätzen. Die Fokussierung auf Rohstoffe könnte das Wachstum allerdings hemmen – wenn dadurch andere Wirtschaftszweige vernachlässigt werden. Auch die ansteigenden Spannungen zwischen Russland und den USA könnten die positiven Aussichten vergessen machen.

Foto: dpa-tmn

Rang 7: Japan
Gegenwärtig ist Japan das vierstärkste Land der Welt – gemessen in US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet Japan 4,788 Milliarden im Jahr 2014. Bis 2050 werden allerdings einige Schwellenländer an Japan vorbeiziehen. 7,914 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird Japan zu diesem Zeitpunkt noch umsetzen.
Wie auch Deutschland hat Japan vor allem mit seiner demographischen Entwicklung zu kämpfen. Das durchschnittliche Bevölkerungswachstum wird pro Jahr um 0,5 Prozent abnehmen, schätzen die Forscher.

Foto: dpa

Rang 6: Mexiko

2014 erwirtschaftet Mexiko 2,143 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität und ist damit die elftstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Bis 2050 wird sich die Leistung fast vervierfachen – 8,014 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird Mexiko bis dahin einfahren.

Profitieren kann Mexiko vor allem davon, dass es nah am US-Markt liegt. Daher ziehen viele große Konzerne, die die USA beliefern wollen, Fabriken in Mexiko auf. Ein weiterer Vorteil: Dort sind die Arbeitskräfte noch weitaus günstiger als in den USA. Mit einem durchschnittlichen Bevölkerungswachstum von 0,6 Prozent im Jahr wird Mexiko die Zahl seiner Arbeitskräfte bis 2050 zudem deutlich steigern können.

Foto: dapd

Rang 5: Brasilien

Auch Brasilien wird aus Sicht der Forscher weiter aufsteigen. Aktuell liegt es mit einer Wirtschaftsleistung von 3,073 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität noch auf Rang sieben – hinter Russland und Deutschland. Bis 2050 wird das Land seine wirtschaftliche Leistung mehr als verdreifachen können und Deutschland und Russland hinter sich lassen.

Das setzt allerdings voraus, dass Brasilien die Marktturbulenzen, die es seit Mitte 2013 heimsuchen, in den Griff kriegt. Zudem ist es wichtig, dass das Land seine Investitionsrate steigern kann.

Foto: AP

Rang 4: Indonesien

Indonesien rangiert aktuell knapp hinter Frankreich auf Rang neun. Bis 2050 wird der weltgrößte Inselstaat seine Wirtschaftsleistung fast verfünffachen und 12,210 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaften. Damit stößt Indonesien auf Rang vier vor.

Nach Ansicht der Forscher wird es einen Teil seines Wachstums dadurch generieren, dass China seine Billig-Produktionsstätten bis dahin auslagern wird – unter anderem nach Indonesien. Ein Vorteil liegt auch in der zunehmenden Bevölkerung. Um 0,7 Prozent wächst sie im Schnitt pro Jahr. Von der Top drei ist Indonesien allerdings auch dann noch weit entfernt. Die USA werden 2050 240 Prozent mehr erwirtschaften als Indonesien.

Foto: AP

Rang 3: USA

Aktuell belegen die USA noch den zweiten Platz – knapp hinter China. Sie erwirtschaften 17,416 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität. Die USA werden 2050 immer noch einen der wichtigsten Märkte der Welt besitzen. Deswegen wird das Einkommensniveau auch weiterhin eines der höchsten weltweit bleiben.

Dazu gilt: Obwohl der US-Markt nur noch ein geringes Wachstum verzeichnen wird, werden die politische und institutionelle Stärke sowie das geringe Risiko für Investoren weiter Geschäftsleute aus aller Welt anziehen.

Bis 2050 dürften die USA 41,384 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaften.

Foto: AP

Rang 2: Indien

2014 erwirtschaftet Indien nicht einmal halb so viel wie die USA – bis 2050 wird das bis dahin wohl bevölkerungsreichste Land der Welt an den Amerikanern vorbeigezogen sein. Mit einer Wirtschaftsleistung von 42,205 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität.

Die Ursache für den Sprung nach vorne ist Indiens gigantische Bevölkerung, die mit einer durchschnittlichen Bevölkerungswachstumsrate von 0,7 Prozent pro Jahr von 2014 bis 2050 weiter stark zunehmen wird.

Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen dürfte Indien allerdings auch dann noch weit hinter den westlichen Staaten zurückliegen.  

Foto: dapd

Rang 1: China
China hat bereits 2014 die USA als wirtschaftsstärkste Nation der Welt abgelöst. Bis 2050 wird sich der Abstand noch vergrößern. Ganze 61,079 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird China bis dahin erwirtschaften und damit rund 50 Prozent mehr als die USA.
China wird seine Produktivität weiter ausbauen können und von seiner riesigen Bevölkerung profitieren. Allerdings könnten die Konflikte im Mittleren Osten und die Spannungen mit Japan die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten durchaus einschränken. Sollten diese Konflikte gelöst werden, gehen die Forscher davon aus, dass Chinas Wirtschaftsleistung bis 2050 jährlich um 3,4 Prozent zulegt.

Foto: dpa

Nach der Verfassung wird Indien vom Premierminister regiert, der heißt derzeit Manmohan Singh. Und an der Staatsspitze steht ein Präsident, das ist Pranab Mukherjee. Der mächtigste Politiker des Landes ist jedoch eine Frau: Sonia Gandhi, Witwe des 1991 ermordeten Premierministers Rajiv Gandhi und Chefin des allmächtigen Gandhi-Clans.

Indiens heimliches Machtzentrum

Wie keine andere Familie haben die Gandhis Indiens Schicksal bestimmt: Rajivs Mutter Indira Gandhi regierte das Land insgesamt 15 Jahre lang bis zu ihrer Ermordung 1984. Ihr Vater Jawaharlal Nehru hatte Indien in die Unabhängigkeit geführt und als Ministerpräsident bis 1962 gelenkt.

Sonia Gandhi strebt als gebürtige Italienerin zwar kein Regierungsamt an, ist aber Präsidentin der Kongresspartei. Ihr Hauptziel sei, so sagt man in Delhi, ihren Sohn Rahul als Nachfolger Singhs aufzubauen. Nichts läuft in Indien gegen Sonia Gandhi. Sie ist Indiens eigentliches Machtzentrum.

Die Kongresspartei hat nach ihrem Wahlsieg 2005 wieder die Regierung übernommen und wurde 2009 wiedergewählt. Doch Ministerpräsident Singh enttäuschte die Erwartungen. Dabei galt er als Wirtschaftsreformer: Als Finanzminister hatte er 1991 die erste große Liberalisierungswelle angestoßen und den Aufstieg Indiens zu einem wachstumsstarken Bric-Land ermöglicht. Für sein nun zögerliches Taktieren verpasste ihm die internationale Presse schlechte Noten. Das amerikanische Time-Magazin schimpfte ihn auf ihrem Titel als „Underachiever“. Deutsche Personaler haben dafür das Wort "Minderleister".

Doch in Wahrheit konnte Singh nicht so, wie er wollte. Sonia Gandhi bremste seinen Reformkurs. Die trotz, oder möglicherweise gerade wegen ihres immensen Reichtums einem linken Sozialpopulismus zuneigende Kongresspräsidentin fürchtete den Vorwurf zu großer Wirtschaftsnähe. Sie sperrte sich gegen Privatisierungen, die Streichung von Subventionen und die weitere Marktöffnung für ausländische Investoren.

Singhs neue Reforminitiative

Auf einmal aber, als schon niemand mehr damit rechnete, dass vor der nächsten Wahl 2014 noch etwas geschieht, kündigte die indische Regierung im September ein ehrgeiziges Reformpaket an. Das erschütterte erst einmal die Regierung, ein kleiner Koalitionspartner verließ unter Protest das Kabinett.

Die Abkürzung BRIC steht für die aufstrebenden Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien und China. Für das Wachstum der Weltwirtschaft spielen diese vier Länder mittlerweile eine Schlüsselrolle. In der Zeit von 1996 bis 2011 haben sich die Ausfuhren Deutschlands in die BRIC-Staaten versiebenfacht. Das entspricht einem Anteil von mehr als elf Prozent aller Exporte der Bundesrepublik. Die Einfuhren haben sich im selben Zeitraum mehr als versechsfacht und erreichen einen Anteil von gut 15 Prozent an allen deutschen Importen.

Foto: dpa-infografik GmbH

Platz 9: Malaysia

Mit einer verhältnismäßig kleinen Bevölkerung von 28 Millionen Einwohnern kann Malaysia kaum punkten. Auch die verhältnismäßig hohen Arbeitskosten von 15,6 Dollar (absolutes BIP geteilt durch BIP pro Person) machen das Land nicht außergewöhnlich attraktiv. Spannend ist Malaysia vielmehr als Beschaffungsmarkt. Die Befragten der Studie von Valuneer und ICC zu Trends internationaler Einkaufsmanager bewerteten den Markt überaus positiv.

Quelle: Exklusivranking für die WirtschaftsWoche in Kooperation mit Valueneer. Für das Ranking wurde nach der Attraktivität als Absatz- sowie als Beschaffungsmarkt unterschieden und Indikatoren wie Lohnkosten, Wachstumsraten, Importvolumen, Rohstoffreichtum und Bevölkerungsgröße herangezogen und unterschiedlich gewichtet.

Foto: AP

Platz 8: Ghana

Das afrikanische Land kann mit seinem starken Wachstums punkten. 2011 stieg das BIP um 13,5 Prozent. Kein anderer der 50 betrachteten Wachstumsmärkte wies solche Steigerungsraten auf. Dazu lockt Ghana mit günstigen Arbeitskosten. Allerdings gilt das westafrikanische Land nach wie vor als wenig sicher und sehr korrupt.

Foto: REUTERS

Platz 7: Polen

Das Land punktet bei deutschen Investoren vor allem durch seine räumliche Nähe als günstiger Beschaffungsmarkt. Die politische Lage ist stabil. 39 Millionen Einwohner freuen sich über ausländische Waren. 2011 gingen immerhin Importe im Wert von 170 Milliarden Dollar ins Land. Auch wenn die Lohnkosten verhältnismäßig hoch sind - Polen bleibt ein attraktiver Markt.

Foto: dpa

Platz 6: Algerien

Das Land erreicht in keiner Kategorie Bestwerte, kann aber als Beschaffungsmarkt überzeugen (Platz 2). Einkaufsmanager sehen viel Potenzial, außerdem verfügt das Land über immense Rohstoff-Ressourcen im Wert von 72 Milliarden Dollar. Die Arbeitskosten sind mit 7,3 Dollar noch deutlich geringer als z.B. in der Türkei (14,5 Dollar) oder Mexiko (14,6 Dollar). Damit erreicht Algerien insgesamt Platz 6.

Foto: AP

Platz 5: Türkei

Im Ranking der besten Absatzmärkte erreicht die Türkei mit einer durchschnittlich kaufkräftigen, aber dafür umso größeren Bevölkerung von 75 Millionen Einwohnern einen guten dritten Platz. Im Jahr 2011 wuchs das BIP um satte 8,5 Prozent. Als Beschaffungsmarkt ist das Land dafür weniger attraktiv (Platz 10 von 50). Insgesamt: Platz 5.

Foto: dpa

Platz 4: Mexiko

Bereits 328 Milliarden Dollar Direktinvestitionen flossen 2011 nach Mexiko - der höchste Wert im Ranking. Dazu locken 112 Millionen Einwohnern. Diese Kombination macht Mexiko zum zweitbesten Absatzmarkt der Welt für die deutsche Wirtschaft - so die Experten von Valuneer. Als Beschaffungsmarkt kann das Land weniger überzeugen: Platz 11. Insgesamt reicht es für Rang vier.

Foto: dpa

Platz 3: Südkorea

1723 Dollar pro Kopf steckte Südkorea im Jahr 2011 in Forschung und Entwicklung - und damit mehr als alle anderen untersuchten Ländern. Als Beschaffungsmarkt belegt Südkorea den vierten Platz. Als Absatzmarkt überzeugt der asiatische Staat, weil er bereits im Jahr 2011 Importe im Wert von 525 Milliarden Euro einführte.

Foto: dpa

Platz 2: Indonesien

Indonesien verfügt über förderbare Ressourcen im Wert von 101 Milliarden US-Dollar und damit über das höchste Volumen der neun kommenden Absatzmärkte. Mit 240 Millionen Einwohnern ist Indonesien das viertgrößte Land der Welt. Diese zwei Kriterien - neben immer noch verhältnismäßig geringen Lohnkosten und der stabilen innenpolitischen Lage- machen Indonesien zu einem der aussichtsreichsten Wachstumsmärkte.

Foto: dpa

Platz 1: Nigeria

Mit nur 2,6 Dollar weist Nigeria die niedrigsten Arbeitskosten der 50 untersuchten Märkte auf. Das macht es als Beschaffungsmarkt äußerst interessant, ebenso wie sein Rohstoffvolumen im Wert von 92 Milliarden US-Dollar.

Foto: dpa

 

Die Beschlüsse:

  • Ausländische Investoren dürfen bis zu 49 Prozent an indischen Fluggesellschaften, Kabelnetzen und Strombörsen erwerben.

  • Ausländische Supermarktkonzerne wie Wal-Mart oder Carrefour dürfen bis zu 51 Prozent der Anteile im Einzelhandel besitzen. Das bezieht sich auf den sogenannten Multi Brand Retail – im Single Brand Retail sind schon jetzt 100 Prozent möglich.

  • Die Subventionen für Nahrungsmittel, Diesel und Haushaltsgas wurden gekürzt, um das staatliche Haushaltsdefizit zu kappen. Der staatliche Preis für Diesel stieg um 14 Prozent, Haushalte dürfen nur noch sechs Gaszylinder pro Familie zu reduziertem Preis kaufen. Aufgrund der hohen Subventionen geht nur ein Fünftel der staatlichen Kreditaufnahme in Wachstum generierende Investitionsprojekte.

  • Weitere Staatsunternehmen werden privatisiert. Auf der Verkaufsliste stehen unter anderem Hindustan Copper, National Thermal Power Corporation und National Aluminum Corp.

Sonia Gandhis Bekehrung

Die neue Reforminitiative hat auch mit einer Personalie zu tun. Als Finanzminister Mukherjee, ein Populist wie Sonia Gandhi, der nichts verändern wollte, im Mai sein Amt niederlegte, um Präsident zu werden, ergriff Singh die Chance. Er ernannte Palaniappan Chidambaram zu dessen Nachfolger. „Er ist ein Segen für das Land“, urteilt der in Delhi ansässige deutsche Wirtschaftsberater Dietrich Kebschull, der mit Chidambaram häufig zusammengetroffen ist. „Er hat alle Reformpläne für die zweite Reformrunde in der Schublade und ist mit Premierminister Singh auf einer Linie.“

Vor allem scheint es Singh gelungen zu sein, Sonia Gandhi ein wenig von ihrem Sozialpopulismus abzubringen. Beobachter registrierten im November erstaunt, dass sie auf einmal öffentlich positiv über ausländische Investoren sprach.  Auf einer Veranstaltung in Delhi vor Tausenden von Kongress-Mitgliedern erklärte sie, dass ausländische Supermärkte in Indien Jobs schaffen und das Leben der Landbevölkerung verbessern würden. Gandhi wörtlich: „Das wird nicht nur unseren Bauer, sondern auch unserer Stadtbevölkerung und der Jugend helfen.“

Sonia Gandhis Bekehrung zu mehr Marktwirtschaft gelang Singh angeblich auf einer gemeinsamen Inspektionsreise zu Flutopfern in Nordindien statt. Dabei konnte er sie davon überzeugen, dass Indien sich nur mit Hilfe ausländischer Investoren die Sozialprogramme leisten könne, die sie für die arme Bevölkerung anstrebt. 

BRIC-Staaten: Die Globalisierung hat Brasilien, Russland, Indien und China ein rasantes Wachstum ermöglicht. Doch die Staaten haben bei ihrem Sprung in neue Sphären des Wohlstands auch Schwierigkeiten und Probleme erdulden müssen. Die sind in den Schwellenländer jedoch recht unterschiedlich gelagert.

Im Bild: Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China.

Foto: REUTERS

Brasilien: Der Konsumhunger der neuen, auftstrebenden Mittelschicht ist der Garant für künftigen Wohlstand. Es gibt viel Nachholbedarf in puncto Konsumgüter. Forbes listet 30 brasilianische Milliardäre für das Jahr 2011 auf - die höchste Dichte auf dem südamerikanischen Kontinent und damit Platz acht im weltweiten Vergleich. Doch der Konsum hat auch seine Tücken. Die Verbraucher werden nach Berechnungen der Brasilianischen Zentralbank bald 28 Prozent ihres Einkommens für Schuldentilgung ausgeben müssen. Etwa 28 Millionen Bürger der 195 Millionen Brasilianer haben mehr als 3000 Dollar Schulden.

Im Bild: Leute gehen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien einkaufen.

Foto: dapd

Dass die Brasilianer nun ihren Konsumhunger stillen wollen, hängt auch mit einem stetigen Wirtschaftswachstum zusammen. 2010 wuchs das BIP des südamerikanische Landes nach Angaben des IWF um 7,49 Prozent. Betrug das BIP im Jahr 2001 noch knapp 500 Milliarden Euro, so kann Brasilien zehn Jahre später mit dem fünffachen rechnen. Der gigantische, blau-gelbe Sprung nach vorne hat den Energiehunger des Landes in die Höhe getrieben. Brasilien, das bisher gut mit der heimischen Spritproduktion aus Rohrzucker auskam, baut neue Kraftwerke, egal ob konventionell oder aus erneuerbaren Energien. Brasilien zieht hinaus aufs Meer, um in Tiefen von bis zu 5000 Metern neue Erdölfelder anzuzapfen.

Im Bild: Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos.

Foto: dpa

Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen.

Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein.

Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion.

Foto: dapd

Auch das wirtschaftliche Wachstum war in den letzten Jahren sehr hoch. 2010 wuchs das Land noch um 10,1 Prozent. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung ist allerdings auch ein Problem: sie stößt in Indien auf eine alte Infrastruktur, die gemessen am rasanten Wachtstum des Landes deutlich hinterherhinkt.

Im Bild: Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien.

Foto: AP

China: Die chinesischen Unternehmen setzen zur weltweiten Expansion an. Nach Angaben der WTO exportiert China mittlerweile Waren im Wert von etwa 1.578 Milliarden Euro. In vielen Industriebranchen hat sich das Reich der Mitte von einem Markteinsteiger zum Marktführer gemausert. So auch in der Textilindustrie, in der chinesische Anbieter mittlerweile weltweit die Konkurrenz das Fürchten lehrt. Einige Staaten wie die USA versuchen mit Importbeschränkungen für chinesische Textilien dagegen zu halten.

Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China.

Foto: REUTERS

Zu einem großen Problem in China entwickelt sich die Inflationsrate. Sie hat dieses Jahr mit 6,5 Prozent ein Drei-Jahres-Hoch erreicht. Vor allem Nahrungsmittel werden immer teurer. Die Wirtschaft, die 2011 voraussichtlich um 9,47 Prozent wachsen wird, bekommt die Preissteigerungen nicht in den Griff. Die ärmeren Bevölkerungsschichten leiden.

Im Bild: Eine Eierverkäuferin schläft an ihrem Marktstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz.

Foto: REUTERS

Russland: Mitte September 2011 fiel an den Märkten der Rubelkurs. Die Ursache: der weltweite Ölpreis befand sich zu diesem Zeitpunkt auf Talfahrt. Die russische Währung verlor damit an Wert. Schlecht für Russland. Denn das Wohlergehen des Riesenreichs ist stark von den Exporten seines Erdöls abhängig. Russland verfügt über 25,2 Prozent der Weltgasreserven und ein Viertel des kostbaren Rohstoffs gehen nach Europa. Die große Abhängigkeit vom Rohstoffexport macht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so zum Spielball der Rohstoffmärkte: im Krisenjahr schrumpfte die russische Wirtschaftsleistung so um 7,8 Prozent. Das Riesenreich hat sich davon bis heute nicht ganz erholt - schwankte das Wachstum Mitte der Nullerjahre noch zwischen fünf und acht Prozent, hat sich das BIP nach 2009 bei knapp vier Prozent eingependelt. Der Grund laut Analysten: die Abhängigkeit vom Ölpreis.

Im Bild: Frauen laufen in Moskau an einer Wechselstube vorbei.

Foto: dapd

Andererseits: die Erdöl- und Gasexporte haben Russland vom europäischen Sorgenkind aus den Neunzigern zu dem großen Wachstumsmarkt von heute gemacht. Deutschland ist ein dankbarer Abnehmer des russischen Erdgases - die neue Pipeline Nord Stream führt von Russland direkt über die Ostsee nach Deutschland.

Im Bild: Eine Gaspipeline des deutsch-russischen Joint Ventures Achimgaz in Russland.

Foto: dpa/dpaweb

Russland pflegt zwar gute, wirtschaftliche Beziehungen mit seinem Partner Deutschland. Doch das russische Erdgas sollen auch die chinesischen Nachbarn zugeliefert bekommen. Beide Länder stehen kurz vor dem Abschluss eines bedeutenden Gasliefervertrags.

Im Bild: Chinas Premierminister Wen Jiabao und Premierminister Vladimir Putin auf dem offiziellen Staatsbesuch in Peking, im Oktober 2011, bei dem die Details zu dem Liefervertrag ausgehandelt wurden.

Foto: Reuters

Brasilien: Schwache Strukturen bremsen das große Potenzial
Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas will nicht mehr so recht anlaufen. Wuchs sie 2010 noch um über sieben Prozent, hat sie seitdem nicht einmal mehr drei Prozent erreicht. Der IWF korrigierte seine aktuelle Prognose sogar noch nach unten. Unter den Schwellenländern wurde die Prognose für Brasilien am stärksten gekürzt. Hier sieht der IWF im laufenden Jahr ein Wachstum von 0,3 Prozent und im nächsten Jahr von 1,4 Prozent. Im Juli rechnete der IWF noch mit 1,3 Prozent und zwei Prozent Plus.

Langfristig sehen mehrere Studien nach wie vor ein großes Wachstumspotenzial für Brasilien. Das liegt vor allem an dem Rohstoffreichtum des Landes, der gut funktionierenden Landwirtschaft und der großen und konsumfreudigen Bevölkerung. Kurz- und mittelfristig seien die Aussichten allerdings unsicher. So bemängeln Analysten die hohen Steuern und das komplizierte Steuersystem. Weitere Wachstumshemmnisse sind die marode brasilianische Infrastruktur und die schwerfällige Bürokratie. Hohe Löhne und Finanzierungskosten sowie protektionistische Handelsregeln halten Investoren derzeit auf Abstand. Auch qualifizierte Arbeitskräfte sind Mangelware - die Arbeitsproduktivität in der sechst größten Volkswirtschaft der Welt liegt 30 bis 50 Prozent unter dem europäischen Niveau. Die Arbeitslosenquote ist mit 5,6 Prozent relativ moderat.

Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef hat nach ihrem knappen Wahlsieg viel zu tun, wenn sie die Potenziale ihrer Volkswirtschaft ausreizen will.

Foto: dapd

Brasilien hat weitere Probleme: Die Inflation steigt und wird wohl nur mit Mühe unter dem obersten Ziel von 6,5 Prozent liegen. Die Industrie schwächelt, die heimische Real-Währung ist volatil. Als einer der Verantwortlichen gilt Finanzminister Guido Mantega, der dem neuen Kabinett Rousseff nicht mehr angehören wird.

Auch das Thema Korruption wird die Staatschefin verfolgen. Denn sie sieht sich mit einem massiven Schmiergeldskandal konfrontiert, der zwei Tage vor der Stichwahl erneut hochkochte. Sollten Untersuchungen ergeben, dass sie über ein Korruptionssystem beim staatlich kontrollierten Öl-Konzern Petrobras Bescheid wusste, hätte das unabsehbare Folgen.

Foto: AP

Russland: Die Wirtschaftssanktionen sind nicht Russlands größtes Problem

Der größte Flächenstaat hat sich selbst in eine Krise manövriert. Die politische Machtdemonstration in der Ukraine kostet Russlands Wirtschaft Kraft. Erst im vergangenen Monat hat die US-Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit Russlands deswegen von „Baa1“ auf „Baa2“ herabgestuft – damit liegt die Bonität Russlands nur noch knapp über dem Ramschniveau. Auch der Ausblick für die zukünftige Entwicklung ist negativ.

Die Sanktionen des Westens belasten die mittelfristigen Wachstumsaussichten. Der IWF geht davon aus, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr um 0,2 Prozent und im nächsten Jahr um 0,5 Prozent wachsen wird.

Allerdings sind die Wirtschaftssanktionen nicht das größte Problem Russlands. Der Absturz des Rubels und des Ölpreises machen der Wirtschaft viel mehr zu schaffen.

Foto: picture-alliance/ dpa

Gazprom profitiert zwar von dem Ende des Gasstreits zwischen der Ukraine und Russland – gute Zukunftsaussichten sehen aber anders aus. Der Ölpreis ist aufgrund der nachlassenden Weltkonjunktur von 107 Dollar pro Fass auf 86 Dollar gefallen. Für die vom Öl und von Gas abhängige russische Wirtschaft birgt das große Probleme – Russland generiert rund die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas.

Die Schwäche des Rubels drückt das Wachstum ebenfalls und kostet Russland monatlich Milliarden. Seit Januar ist der Kurs des Rubels um 20 Prozent gefallen. Das führt dazu, dass die Importe teurer werden. Der Lebensmittelpreis ist beispielsweise im September um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

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Indien: Eine Wirtschaft auf Reformkurs

Gemessen an den Bevölkerungszahlen ist Indien die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Auch in Bezug auf das Wirtschaftswachstum war Indien lange Zeit weltspitze. 2010 wuchs die Wirtschaft noch um über zehn Prozent – 2014 sind es vergleichsweise nur noch magere fünf Prozent. Gemessen an den westlichen Industrieländern ist diese Quote allerdings immer noch beeindruckend.

Für 2015 erwartet der IWF, dass die indische Wirtschaft wieder stärker anzieht. Ein Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent wird erwartet. Besonders tragen dazu die Bereiche Elektrizität, Gas- und Wasserversorgung sowie Finanzen an.

Analysten fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt: Sie mutmaßten, dass das zuletzt verhältnismäßig enttäuschende Wirtschaftswachstum auf eine ineffiziente Wirtschaftspolitik zurückzuführen ist. In den letzten beiden Jahren wuchs die indische Wirtschaft um weniger als fünf Prozent.

Der neue Premierminister Narenda Modi reformiert das Land. So erneuert er beispielsweise die indischen Arbeitsgesetze, die zum Teil noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammten, die 1974 endete.

Foto: ap

Problematisch ist für Indien die nach wie vor hohe Abhängigkeit von der Landwirtschaft. Zwar macht sie mittlerweile nur noch 14 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, von ihren Erträgen hängt aber immer noch das Wohl von 40 Prozent der Bevölkerung ab. Der Monsunregen, der für die Landwirtschaft existenziell ist, fiel in diesem Jahr nur schwach aus.

Ein weiteres Problem ist die Teuerung, die Indien nicht in den Griff zu kriegen scheint. Im Juli lagen die Verbraucherpreise Indiens über acht Prozent über dem Vorjahreswert. Der Notenbankgouverneur Raghuram Rajan hat sich deshalb verpflichtet, den Anstieg der Konsumentenpreise bis 2015 auf unter acht Prozent zu drücken.

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China: Vom Bauernstaat zur modernen Dienstleistungsnation
Von 2002 bis 2012 wuchs Chinas Wirtschaft um unfassbare 170 Prozent. Doch die Zeiten des Super-Wachstums scheinen vorerst vorbei zu sein. Im dritten Quartal 2014 ist die chinesische Wirtschaft so langsam gewachsen wie seit 2009 nicht mehr. Der IWF geht aber nach wie vor von Wachstumsraten über sieben Prozent aus.

China ist aber nur scheinbar geschwächt. Die Staatsführung will die Wirtschaft neu ausrichten und ist bereit, dafür geringeres Wachstum hinzunehmen. Der Kurs scheint erfolgreich. Alleine in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in China zehn Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen.

Ein moderner Dienstleistungsstaat will China werden. Dienstleistungen trugen im ersten Halbjahr 2014 mit 46 Prozent mehr zum BIP bei als die Industrie. Die Hightech-Industrie legte um 12,4 Prozent zu. Zu den neuen Motoren der chinesischen Wirtschaft zählt auch das Online-Geschäft, das um fast 50 Prozent zulegte.

Foto: dpa

Die Wende von quantitativem zu qualitativem Wachstum in China ist überfällig. Denn nach Jahrzehnten des stürmischen Turbo-Wachstums sind die Flüsse und die Luft vergiftet, die Wälder abgeholzt. Und die Einkommensschere klafft in der Volksrepublik heute schon so weit auseinander wie in den USA, der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt ist brutal. In dieser Situation das Bruttoinlandsprodukt Jahr für Jahr um zehn Prozent zu erhöhen wäre schlicht unseriös, urteilt der Finanzwissenschaftler Yi Xianrong von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS). „Ein niedrigeres Wachstumsziel ist gesünder. Die exzessive Nutzung aller Ressourcen muss ein Ende haben.“

Eine Umfrage der EU-Kammer in Peking kam derweil zu dem Ergebnis, dass die goldenen Zeiten für China endgültig vorbei seien. Grund dafür seien immer höhere Löhne und schlechte Standortfaktoren. Auch die Investitionen des Auslands in China lassen zu wünschen übrig. Im ersten Halbjahr 2014 stiegen sie nur um rund zwei Prozent an.


Foto: dpa

Die Wirtschaft des Landes läuft längst nicht mehr so gut wie noch vor wenigen Jahren. Das Wachstumstempo ist unter sechs Prozent gefallen – weit entfernt von den angestrebten acht bis neun Prozent. Die Handelsbilanz verzeichnet ein Rekorddefizit, die Inflation marschiert in Richtung acht Prozent, die höchste eines Bric-Landes. Der Staatshaushalt verharrt mit einem Minus von sechs Prozent des BIP in chronischem Defizit. Die Investitionen wachsen nur noch zögerlich. Die Rupie ist auf neue Tiefststände gefallen, was Rohstoffimporte verteuert und die Inflation anheizt. Die Ratingagentur Standard & Poor‘s drohte schon vor Monaten, Indiens Kreditrating auf Junkstatus runterzusetzen.

Ausländischen Direktinvestitionen fließen deshalb schon seit einiger Zeit spärlicher, wie die Unctad-Statistik zeigt (siehe Tabelle). Besonders im Vergleich mit China und Brasilien wird deutlich, dass internationale Investoren sich gegenüber Indien zurückhalten.

Indien fällt zurück

Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen (in Milliarden Dollar)

Quelle: Unctad

 

Regierung zunehmend handlungsunfähiger

Doch obwohl Indien zu seiner weiteren Entwicklung ausländische Investitionen braucht, hat die Opposition Widerstand gegen die Beschlüsse der Regierung angekündigt. Ich habe deshalb drei Experten mit langjähriger Indien-Erfahrung zu den Erfolgsaussichten der neuen Reforminitiative befragt: Zum einen den bereits zitierten Dietrich Kebschull, der  das Business-Center von Schleswig-Holstein und Hamburg in Delhi leitet; dazu Klaus Maier von der Unternehmensberatung Maier + Vidorno sowie Johannes Wamser von der Unternehmensberatung Dr. Wamser + Batra - beide sind auf die Beratung deutscher Investoren in Indien spezialisiert.

Ihr Fazit fällt uneinheitlich aus. Dietrich Kebschull sieht Chancen für das Reformprogramm, weil die Regierung aufgrund der wenig erfreulichen Wirtschaftsindikatoren keine Alternative habe. "Sie muss die Probleme massiv angehen, um eine Chance zur Wiederwahl zu haben." Skeptischer urteilen die Unternehmensberater: Sie sehen vor der Wahl 2014 keinen Durchbruch mehr. "Die Regierung wird zunehmend handlungsunfähiger", meint Johannes Wamser, "es ist kaum vorhersehbar, wann welche Reformen kommen." 

Dabei konzentriert sich der Widerstand weniger gegen die Entscheidung,  den Markt für Fluggesellschaften, Kabelnetze und Strombörse für Minderheitsbeteiligungen von Ausländern zu öffnen. "Hier ist kein großes Interesse ausländischer Unternehmen erkennbar", beobachtet Klaus Maier. Sollte sich das aber ändern, sei mit massiver Gegenwehr der Gewerkschaften, insbesondere bei der staatlichen Air India, zu rechnen.

Bei der Streichung der Subventionen ist die Regierung schon teilweise vor den Protesten eingeknickt. So wurde die Begrenzung des preisreduzierten Bezugs von Haushaltsgaszylindern von sechs auf neun pro Familie angehoben. Trotzdem ein kleiner Fortschritt: Vorher gab es hier nicht einmal ein Limit.                                 

Widerstand konzentriert sich auf Einzelhandel

Umstritten ist vor allem die Öffnung des Einzelhandels. "Viele Inder fürchten um das Überleben ihrer kleinen lokalen Kirana Stores, die ihre Kunden persönlich beliefern und im Notfall auch anschreiben lassen", sagt Klaus Maier. Johannes Wamser sieht hier ein beträchtliches Mobilisierungspotenzial für die Opposition, weil die effizienten ausländischen Supermarktketten die Existenz Abertausender kleiner Ladenbesitzer und unzähliger Arbeitsplätze bedrohen.

Deshalb ist hier vermutlich nur ein "schöngefärbter Kompromiss" (Kebschull) wahrscheinlich. Ohnehin sieht der Regierungsbeschluss zahlreiche Einschränkungen vor. So ist die Öffnung des Einzelhandels für Ausländer an die Zustimmung der jeweiligen Bundesstaaten gebunden, in dem die Investition stattfinden soll. Zugestimmt haben bislang nur zehn von 28 Bundesstaaten, die auch von der Kongresspartei regiert werden, mit Ausnahme von Kerala. Der bevölkerungsreichste Bundesstaat Uttar Pradesh gehört genauso zu den Verweigerern wie das eigentlich wirtschaftsfreundlich geführte Gujarat.

Solche komplizierten Regelungen auf Ebene der Bundesstaaten machen es großen Konzernen schwer, in Indien Fuß zu fassen. Die deutsche Metro beispielsweise ist mit ihren Großmärkten schon seit einigen Jahren in Indien aktiv, hat aber die Expansion aufgrund von administrativen Einschränkungen gestoppt. So darf sie in etlichen Bundesstaaten keine Lebensmittel in ihr Produktprogramm aufnehmen.  

 

Weiterhin ist die Öffnung des Einzelhandels beschränkt auf Städte mit mehr als einer Million Einwohner. Davon gibt es in Indien derzeit 53, aber nur 16 davon liegen in Bundesstaaten, die der Reform zustimmen. Ausländische Investoren müssen mindestens 100 Millionen Dollar investieren, davon die Hälfte in ländliche Regionen  und mindestens die Hälfte in die dazugehörende Infrastruktur. Darunter versteht die Regierung nicht den eigentlichen Supermarkt, sondern Lebensmitteproduktion und  -verarbeitung, Distribution, Qualitätskontrolle, Verpackung und Logistik.

Schließlich müssen die Supermärkte mindestens 30 Prozent ihrer Produkte bei klein- und mittelständischen indischen Unternehmen einkaufen. Und Online-Verkäufe bleiben Märkten unter ausländischem Mehrheit generell verboten, selbst im sogenannten Single-Brand-Handel.

Doch der Opposition ist das noch nicht genug. Das zeigt sich jetzt im Parlament, das Ende November zu seiner Wintersitzungsperiode zusammengetroffen ist. Schon zuvor hatte sie alle Regierungsentscheidungen blockiert aufgrund schwerwiegender Korruptionsvorwürfe gegen Regierungsmitglieder.

Die ersten Parlamentssitzungen standen deshalb ganz im Zeichen der Opposition gegen die Einzelhandelsöffnung. Dabei bekam die Opposition unerwartet Schützenhilfe vom US-Händler Wal-Mart, der in Indien bereits  in einem Joint-Venture mit einem einheimischen Konzern unter der Marke Bharti Walmart 18 Großmärkte betreibt. Wal-Mart möchte in Indien nun auch in den Einzelhandel einsteigen.                                                                                                              

Das Problem: Wal-Mart musste soeben gegen einige Angestellte seiner indischen Joint-Venture-Tochter wegen Korruptionsvorfällen eine Untersuchung nach US-Recht einleiten. Eine willkommene Vorlage für die Opposition, die diese Fälle nun nutzt, um das Vorhaben der Regierung im Parlament zu torpedieren.

Dabei muss man wissen, dass Bestechungen im indischen Wirtschaftsleben üblich sind. Wer dort beispielsweise einen Laden eröffnen will, braucht mehr als 50 verschiedene Genehmigungen und Lizenzen.  Kein Wunder, dass Unternehmen versucht sind, Behörden bei Blockaden mit Zuwendungen auf Trab zu bringen. Viele Regierungsangestellte nutzen nämlich ihre Machtposition systematisch, indem sie den Firmen drohen, ihre Anträge auf Eis zu legen, wenn nicht auch für sie etwas abfällt. Nicht unwahrscheinlich also, dass der indische Wal-Mart-Partner auch zu diesem Beschleunigungsmittel gegriffen hat, was dem Konzern in den USA nun eine Korruptionsuntersuchung eingebringt. 

Ob nun auch die indische Regierung gegen Wal-Mart eine Untersuchungen einleitet, ist längst nicht sicher. Sicher ist nur, dass angesichts der politischen Störmanöver die Reformmaßnahmen kaum die von der Regierung erwarteten zehn Milliarden Dollar ausländischer Investitionen anlocken werden. 

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