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Nachfolge im MittelstandWie der Vater, so die Tochter

Auf deutsche Unternehmertöchter wartet eine doppelte Herausforderung: Sie sollen die väterlichen Betriebe restrukturieren – und zugleich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Fünf aktuelle Beispiele.Katja Marjan 05.05.2014 - 00:00 Uhr

Obenauf und mittendrin: Betriebswirtin Esterer führt den väterlichen hessischen Tanklastzugspezialisten Helsa.

Foto: Wirtschaftswoche Print

Im Jahr 2007 hängt der Himmel noch voller Geigen. Im Vietnam-Urlaub sagt sie Ja, als ihr Vater sie fragt, ob sie in die Geschäftsführung seines Unternehmens einsteigt. Zehn Monate später sitzt Julia Esterer im nordhessischen Helsa im schmucklosen Betriebsgebäude des Tanklastzugspezialisten Esterer – und muss einen Kulturschock verkraften. Denn bis dahin hatte die heute 41-Jährige eine Bilderbuch-Konzernkarriere gemacht, war für BMW in Asien Marketingleiterin. Sie lebte unter anderem in Thailand, genoss die buddhistische Gelassenheit in Fernost samt Chauffeur, Bediensteten und allen Annehmlichkeiten des Expat-Lebens.

Nun, mit Mitte 30, und zurück in Helsa krempelt sie die Produktion des heimischen 170-Mann-Betriebes um. Doch die Belegschaft stemmt sich gegen ihre Veränderungen. Nicht die einzige Baustelle: Ihre Beziehung geht über der Entscheidung, die Verantwortung für die väterliche Firma zu übernehmen, in die Brüche. Esterer fragt sich: „Mein Gott, habe ich das richtig gemacht?“

Bestens ausgerüstet

Immer öfter werden Töchter von ihren Unternehmer-Vätern gebeten oder auch gedrängt, in die Firma einzusteigen. Die vermeintlich natürliche Erbfolge vom Vater auf den Sohn hat ausgedient.

Zum einen, weil das Verhältnis zwischen Vätern und Töchtern meist harmonischer ist als der konkurrenzbeladene Kampf zwischen den Patriarchen und ihren Söhnen. Zum anderen, und das spielt die Hauptrolle, weil der weibliche Nachwuchs heute besser ausgebildet ist denn je.

Die Frauen, die später in Lara-Croft-Manier durch die Betriebe fegen, verfügen oft über zwei Studienabschlüsse, wie Innenarchitektin Sarah Maier, die BWL aufsattelte. Oder sie haben wie Esterer gleich in einem halben Dutzend Ländern Erfahrungen gesammelt.

Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf die Grafik "Sorgen bei der Nachfolge" klicken.

Foto: WirtschaftsWoche

Aber auch nicht mehr jeder Sohn will in die Fußstapfen des Alten treten, Work-Life-Balance lockt mehr als eine 80-Stunden-Woche. So steigt der Druck bei der Nachfolgersuche enorm. Und in Gremien, Verbänden und Familien verfestigt sich der Gedanke, dass die Töchter die Lösung des Problems sein könnten.

Das ist gewaltig: „Die Nachfolgesuche wird immer schwieriger. Mittlerweile wird fast jede zweite Firma an Externe übertragen“, sagt Marc Evers, Leiter Unternehmensnachfolge beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin. 40 Prozent der Unternehmer finden keinen Nachfolger. Gründe seien auch die hohe emotionale Bindung des Inhabers an sein Lebenswerk, überhöhte Preisvorstellungen oder die zu späte Vorbereitung der Übernahme, so eine DIHK-Studie.

Bis 2019 werden 135 000 Firmen einen Chef suchen, so das Bonner Institut für Mittelstandsforschung. Das sind pro Jahr 27 000 Unternehmen mit 400 000 Beschäftigten. Je nach Betriebsgröße übernehmen zwischen 13 und 23 Prozent Frauen den Chefsessel. Am oberen Ende der Skala, bei Betrieben von mehr als 50 Millionen Euro Umsatz, sind Frauen in der Führung aber immer noch „sehr überschaubar“, beobachtet Tom-Arne Rüsen, Geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU).

Vater-Sohn-Konflikt

Nicht nur der Zeitgeist, auch die Erfahrung aus den Zerreißproben, die einer Übergabe an Söhne folgen können, lassen die Väter öfter über die Tochter als mögliche Hüterin des Familienschatzes nachdenken. Denn Verdrängungskämpfe zwischen Senior und Junior mit verheerenden Folgen für den Betrieb mahnen reichlich.

So endet die Übergabe von Klaus Fischer, Chef des gleichnamigen baden-württembergischen Dübelherstellers, an seinen Sohn Jörg im Frühjahr 2012 im Desaster. „Familiendrama“ und „Dübel-Patriarch entmachtet den eigenen Sohn“ – so lauten die Schlagzeilen, nachdem der Vater den Sohn erst inthronisiert und dann vom Hof gejagt hatte. Der Jörg habe zu schnell zu viel ändern wollen, Mitarbeiter und Kunden verärgert und das Geschäft gefährdet – sagen die einen. Andere sagen: Der Senior kann nicht loslassen.

Platz 15: Nancy McKinstry

Die US-amerikanische Managerin ist Geschäftsführerin der Verlagsgruppe Wolters Kluwer in den Niederlanden und schafft es damit auf den fünfzehnten Platz im Fortune-Ranking der weltweit einflussreichsten Geschäftsfrauen. Bevor sie zu Wolters Kluwer kam, arbeitete McKinstry im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen, wie etwa bei Ericsson.

Foto: Presse

Platz 14: Ho Ching

Ho Ching (hier links im Bild) ist Geschäftsführerin der Temasek Holdings, eine Holdinggesellschaft der singapurischen Regierung, und zudem mit Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong (Mitte links) verheiratet. Die studierte Elektroingenieurin, die in Singapur und Stanford ausgebildet wurde, schafft es auf Platz 14.

Foto: REUTERS

Platz 13: Sandra Peterson

Seit Oktober 2010 ist Sandra Peterson Vorsitzende des Executive Committees von Bayer CropScience und Vorstandsvorsitzende der Bayer CropScience AG. Die gebürtige Amerikanerin studierte Politikwissenschaft an der Cornell Universität im US-Bundesstaat New York und machte ihren Master in Angewandter Volkswirtschaftslehre an der Princeton Universität. Bereits in den Achtzigern arbeitete sie in Deutschland: beim Bundesministerium für Finanzen und beim Bundesverband der Deutschen Industrie. Mit ihrer jetzigen Position schafft sie es im Fortune-Ranking auf Platz 13.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 12: Ornella Barra

Die Italienerin, die Pharmazie studierte und seit vielen Jahren als Managerin in der Pharmabranche arbeitet, macht den zwölften Platz im Business-Ranking. Als Aufsichtsratsmitglied beim britischen Konzern Alliance Boots und Chief Executive of the Pharmaceutical Wholesale Division of Alliance Healthcare ist sie für das Geschäft in 16 Ländern zuständig.

Foto: Presse

Platz 11: Maria Ramos

In Portugal und Südafrika ist die Geschäftsfrau Maria Ramos zuhause. In Lissabon geboren und aufgewachsen, studierte Ramos Wirtschaft an der University of South Africa und der University of the Witwatersrand. Nachdem sie im Anschluss in London ihren Master in Wirtschaftswissenschaften absolvierte hatte, startete sie ihre Karriere. Heute ist sie Geschäftsführerin bei ABSA, einem der größten Finanzdienstleister Südafrikas. Dafür gibt es im Ranking Platz 11.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 10: Marjorie Scardino

Mit der US-Amerikanerin Marjorie Scardino landet die Geschäftsführerin des britischen Medienkonzerns Pearson gerade so unter den Top Ten. Sie leitet damit die umsatzstärkste Verlagsgruppe weltweit. Dafür gibt es Platz 10.

Foto: REUTERS

Platz 9: Annika Falkengren

Die schwedische Bankmanagerin Annika Falkengren landet knapp vor Scardino. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Stockholm und startete 1987 als Trainee bei der Skandinaviska Enskilda Banken (SEB). Dort bliebt sie und machte Karriere: Heute ist sie Präsidentin und Vorstandsvorsitzende bei SEB. Dafür gibt es Platz 9 im Ranking der einflussreichsten Geschäftsfrauen.

Foto: REUTERS

Platz 8: Sock Koong Chua

Auf dem achten Platz landet eine Chinesin: Sock Koong Chua. Bei Singapore Telecommunications Limited (SingTel), eines der größten asiatischen Telekommunikationsunternehmen, arbeitet sie heute als Geschäftsführerin, nachdem sie in den vergangenen Jahren verschiedene Positionen in dem singapurischen Konzern inne hatte.

Foto: REUTERS

Platz 7: Alison Cooper

Als Chief Executive arbeitet Alison Cooper seit Mai 2010 für den viertgrößten Anbieter des internationalen Tabakmarkts: Imperial Tobacco, zu denen auch die Reemtsma Cigarettenfabriken zählen. Sie folgte auf den Platz von Gareth Davis, der 14 Jahre auf dem Chefsessel gesessen hatte. Für sie gibt es im Ranking Platz 7.

Foto: Presse

Platz 6: Güler Sabanci

Die türkische Unternehmerin Güler Sabanci begann ihre Karriere in der Autoreifenfirma ihrer Familie. Heute ist sie Vorsitzende der Sabanci Holding, der zweitgrößten Finanzgruppe der Türkei, deren Gründer ihr Onkel war. Die studierte Betriebswirtin macht damit Platz sechs unter den international einflussreichsten Geschäftsfrauen.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 5: Chanda Kochhar

Unter die Top Five schafft es die Tochter eines indischen Ingenieurs: Chanda Kochhar studierte in Bombay und startete gleich nach dem Bachelor-Abschluss als Jahrgangsbeste mit einer Trainee-Stelle bei der ICICI-Bank ihre große Karriere. Die größte private Bank Indiens behielt Kochhar im Unternehmen, ermöglichte ihr eine Karriere und berief sie schließlich an die Spitze des Geldinstituts. Für die ICICI-Vorstandsvorsitzende gibt es Platz 5 im Ranking.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 4: Barbara Kux

Im Vorstand des Technologiekonzerns Siemens sitzt die Schweizerin Barbara Kux. Die Managerin arbeitete bereits für Unternehmen wie Nestlé, Ford und Philips, bevor sie 2008 in den Vorstand der Siemens AG wechselte. Im Ranking der einflussreichsten Geschäftsfrauen international belegt sie Platz 4.

Foto: dpa

Platz 3: Cynthia Carroll

Die US-amerikansiche Managerin Cynthia Carroll gehört zu den Top Drei. Als Geschäftsführerin des südafrikanischen Bergbaukonzerns Anglo American leitet sie einen weltweit agierenden Konzern mit über 200.000 Mitarbeitern. Die studierte Geologin ist die erste Frau, die als Nicht-Südafrikanerin die Leitung des Konzerns übernehmen konnte.

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 2: Gail Kelly

Als Chefin einer der führenden australischen Banken ist die australische Managerin Gail Kelly, die im südafrikanischen Pretoria geboren wurde, die Nummer zwei in der Fortune-Liste der einflussreichsten internationalen Geschäftsfrauen. Seit 2008 steht sie an der Spitze der Westpac und ist verantwortlich für Australiens größtes Finanzinstitut mit einem Börsenwert von etwa 39 Milliarden Euro.

Foto: REUTERS

Platz 1: Maria das Graças Foster
Die Nummer eins im Fortune-Ranking der international einflussreichsten Geschäftsfrauen ist die Vorsitzende des größten lateinamerikanischen Gas- und Energieunternehmens Petrobas. Die Brasilianerin Maria das Graças Foster studierte Chemieingenieurwesen und Chemie, sowie Nukleartechnik, um anschließend einen MBA in Wirtschaftswissenschaften draufzusetzen. Nach einem Praktikum bei Petrobras arbeitete sie sich an die Spitze des Unternehmens, was sie heute für das Fortune Magazine zur international einflussreichsten Geschäftsfrau macht.

Foto: REUTERS

Doch das Etablieren von Töchtern birgt andere Tücken. Ein Beispiel: Just als Karl-Rudolf Mankel, Inhaber des Türenspezialisten Dorma im nordrhein-westfälischen Ennepetal, 2009 die große Mehrheit seiner Geschäftsanteile den Töchtern Christine und Stephanie überschreibt, wirft der langjährige Geschäftsführer Michael Schädlich die Brocken hin. Er sei ohnehin nur „der Oberknecht“ gewesen, gibt er zu Protokoll.

Insider sagen, Schädlich sei nicht beglückt gewesen, anteilsmäßig leer ausgegangen zu sein, und zudem nicht damit zurechtgekommen, zukünftig an zwei junge Damen im Gesellschafterkreis berichten zu müssen. Bei Dorma ist man deshalb vorsichtig geworden. Mankels Töchter treten zwar zu repräsentativen Zwecken auf, öffentlich äußern möchten sie sich nicht.

Vorsichtig sind Töchter quer durch alle Branchen auch bei der Offenlegung ihrer Anteilsverhältnisse. Meist ist es eine Frage von familieninterner Diplomatie und externem Sicherheitsbedürfnis. Zudem spiegeln die Anteilsverhältnisse nicht zwingend die Machtverhältnisse wider.

Plötzlich Chefin

In den Schuhen des Vaters

Dabei liegt das Akzeptanzproblem erfahrungsgemäß häufiger auf der Seite der Männer, oft sind die Frauen sehr wohl am Rat und Erfahrungsschatz des Älteren interessiert. So akzeptieren Töchter viel öfter längere Verweildauern von Seniorchefs in den Betrieben als ihre männlichen Pendants, hat WIFU-Chef Rüsen festgestellt: „Anders als Söhne denken Töchter oft eher in Kooperations- statt in Konkurrenzlogik“, sagt der Experte. Aus Teamgedanken lehnt es etwa Katja Lohmann-Hütte, Geschäftsführerin des Stahlwalzwerks Friedr. Lohmann in Witten im Ruhrgebiet, konsequent ab, „immer als Frau herausgestellt zu werden“.

Ihre Position und die Branche legen es nahe, „bei jedem Weltfrauentag angerufen zu werden“. Denn Lohmann-Hütte leitet gemeinsam mit Bruder und Vetter das letzte unabhängige Blechtafelwalzwerk in Europa. Dass sie den Küchenherd gegen die Verwaltung von 1500 Grad heißen Stahlpfannen eingetauscht hat, findet sie selbst nicht bemerkenswert. Die Mutter zweier kleiner Kinder hat einen „emanzipierten Mann“, wie sie sagt, der vier Jahre Elternzeit genommen hat.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein zentrales Thema für die Nachfolgerinnen. Viele scheitern am doppelten Erwartungsdruck: Sie sollen den Betrieb erfolgreich führen und zugleich die Dynastie erhalten – sprich: Kinder bekommen. Das führt nicht selten zu Verwerfungen auf dem einen, anderen oder beiden Feldern.

„Die Familienproblematik lässt sich nicht wegdelegieren, und die Führung der Familie liegt fast immer auf den Schultern der Frauen“, sagt Sarah Maier, Geschäftsführerin der Ursula Maier Werkstätten in Markgröningen. Die Architektin hat drei Kinder im Alter von zwei, vier und neun Jahren – und organisiert die Betreuung mithilfe ihrer Mutter.

Die Frauen müssen selber für Reformen sorgen. „Wir brauchen einen anderen Managementstil, damit Frauen Firmen- und Familienleben unter einen Hut bekommen können“, sagt WIFU-Direktor Rüsen. „Die 9-to-5-Logik einer Anwesenheit im Betrieb passt generell nicht mehr. Nachfolgerinnen können die Strukturen zu ihren Gunsten ändern. Das ist ein großer Vorteil.“ Und so sollen die Superheldinnen aus der Provinz die Lösung für alles finden: die Betriebe restrukturieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie reorganisieren.

Trotz dieser Herkulesaufgabe sagt Julia Esterer heute: „Ich bereue nichts.“ Der Laden läuft. Und sie hat einen neuen Lebenspartner, der auch Unternehmer ist. Mit ihm erwartet sie das zweite Kind. Neulich hat sie ihren Vater gefragt, ob er sie ab September, wenn der Nachwuchs kommt, eine Zeit lang in der Firma vertritt.

Er hat Ja gesagt.

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