Reise ins Perlflussdelta: Hier entsteht die größte Metropole der Welt
Pendler am Perlfluss: Millionen von Migranten ziehen vom Land in Metropolen wie Shenzhen - einer von ihnen ist der 24-jährige Logistiker Nathan Zhang.
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Die Decke ist niedrig, die Luft stickig. Dicht an dicht warten die Menschen im Bahnhof von Guangzhou. Geschäftsleute mit Laptops, Wanderarbeiterinnen mit Plastiktüten voller Essen und Kleidung, Studenten mit Hornbrillen, in Smartphones vertieft. Nathan Zhang ist einer von ihnen. Der 24-jährige Logistikmanager des Elektronikkonzerns TCL war über das Wochenende bei seiner Freundin Lily Wang. Jetzt wartet er auf den Schnellzug nach Shenzhen, seinem neuen Arbeitsplatz und Wohnort. Passagier für Passagier zwängt sich durch die Ticketkontrolle. Es ist Frühling, noch ist es nicht so schwül wie im Sommer, aber die Feuchtigkeit ist bereits spürbar. Schrittweise geht es zum Bahnsteig. Zehn Minuten später rollt Nathan aus der 14-Millionen-Stadt mit ihrem Mix aus futuristischen Wolkenkratzern und engen, aus den Neunzigerjahren stammenden Bauten für die Zugezogenen.
Die 100 Kilometer lange Zugfahrt im subtropischen Südosten Chinas führt durch eine der produktivsten Regionen der Welt. Ihre Wirtschaftsleistung ist mit rund 1030 Milliarden Dollar fast so groß wie die von ganz Südkorea. Zugleich ist es eine Exkursion in das weltweit ehrgeizigste Urbanisierungsprojekt: Hier im Perlflussdelta entsteht die größte Metropole der Welt.
Bis 2020 sollen elf Millionenstädte weitgehend zusammenwachsen: Guangzhou, Zhongshan, Zhaoqing, Foshan, Dongguan, Zhuhai, Shenzhen, Huizhou, Jiangmen, Hongkong und Macao (siehe Grafik). 60 Millionen Menschen – fast so viele, wie Großbritannien Einwohner hat – werden dann in dem Ballungsraum leben; auf einer Fläche gerade so groß wie Niedersachsen. Die meisten von ihnen sind Zugezogene wie Nathan.
Ende dieses Jahrzehnts sollen am Perlflussdelta knapp 60 Millionen Menschen leben. (zum Vergrößern bitte anklicken)
Foto: WirtschaftsWoche
Es ist ein Kraftakt sondergleichen und so etwas wie die Blaupause für die Zukunft auf der Erde. Denn im Perlflussdelta vollzieht sich, wie im Zeitraffer, der wichtigste Siedlungstrend unserer Zeit: Die millionenfache Wanderung der Menschen in die Ballungsräume, in denen, global betrachtet, seit 2010 mehr Menschen leben als auf dem Land. 2050 werden nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen. In China ist es wohl schon 2030 so weit.
In China begann der Umbruch in den Achtzigerjahren. 1980 lebten weniger als 30 Prozent der Menschen in Städten. Dann siedelte die Regierung mehr als 300 Millionen von ihnen um. Heute haben Peking und Shanghai je mehr als 20 Millionen Einwohner. Landesweit gibt es 171 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern.
Die Entwicklung stellt die Politik vor immense, infrastrukturelle Herausforderungen: Ob Wohnungsnot oder Verkehrssteuerung, Energieerzeugung, Wasserversorgung oder Abfallbeseitigung – mit der urbanen Bevölkerungsexplosion wachsen die Aufgaben der Stadtplaner ins Gigantische. Auch gesellschaftlich ist eine enorme Integrationsleistung nötig: Die meisten Menschen kommen aus der Provinz, es gibt kaum gewachsene Nachbarschaften.
Damit wird das Projekt am Perlfluss zum größten denkbaren Experiment, wie sich Urbanisierung sozial- und umweltverträglich organisieren lässt. Günstigstenfalls wird Chinas Mega-Metropole zum Vorbild für die Ballungsräume der Welt – oder zum Albtraum für die Einwohner.
Chongqing ist eine Millionenstadt in der Volksrepublik China. Sie liegt auf einer wie ein Komma geformte Halbinsel am Zusammenfluss von Jangtsekiang und Jialing. Das Verwaltungsgebiet der Stadt ist annähernd so groß wie die Fläche von Österreich. Mit 28,85 Millionen Einwohnern gehört Chongqing zu einer der größten Megastädte Chinas.
Foto: ReutersGuangzhou ist eine Stadt im Süden Chinas mit 8,86 Millionen Einwohnern. Sie ist ein bedeutender Industrie- und Handelsstandort, weshalb sie auch die „Fabrik der Welt“ genannt wird. Im Oktober 2010 wurde in Guangzhou der höchste Fernsehturm der Welt (600 m) eröffnet.
Foto: ReutersDie Küstenstadt Zhuhai gehört zu der chinesischen Provinz Guangdong und hat eine Einwohnerzahl von 1,45 Millionen. Zhuhai trägt in China den Beinamen „Stadt der Romantik“ aufgrund der vielen Buchten und Küsten. Die Stadt ist sehr sauber, der Lebensstandard sehr hoch. Zhuhai ist ein beliebtes Wochenenddomizil für Geschäftsleute aus Hongkong.
Foto: ReutersWuhans Einwohnerzahl beträgt 8,33 Millionen. Die Stadt in der Provinz Hubei besteht aus drei zusammengelegten Städten. Das ebene Stadtbild ist von zahlreichen Seen geprägt.
Foto: ReutersDie Stadt Chengdu hat 10,44 Millionen Einwohner. Sie hat sich zum Wirtschaftszentrum Westchinas entwickelt. 2006 erreichte Chengdu den vierten Platz der lebenswertesten Städte Chinas.
Foto: dapdPeking ist die Hauptstadt und das politische Zentrum der Volksrepublik China. Dort leben etwa 17,6 Millionen Einwohner. Durch die dreitausendjährige Geschichte Pekings beherbergt die Stadt ein imposantes Kulturerbe.
Foto: dpaDongguan hat 8,2 Millionen Einwohner. Sie liegt östlich des Perlflusses an der Mündung in das chinesische Meer. Viele Auslandschinesen in Hongkong stammen aus Dongguan.
Foto: ReutersTianjin ist eine wichtige Hafenstadt in China. Mit 12,3 Millionen Einwohnern ist die Tianjin sowohl Industriezentrum, Verkehrsknoten als auch kultureller Mittelpunkt der Region mit Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern.
Foto: dpa/picture allianceDie Hafenstadt Shanghai ist die bedeutendste Industriestadt Chinas. Sie besitzt den zweitgrößten Containerhafen der Welt und zählt 23 Millionen Einwohner. Mit zahlreichen Universitäten und Museen ist Shanghai auch ein bedeutendes Kultur- und Bildungszentrum.
Foto: dpa/picture allianceHongkong ist die drittgrößte Metropolregion Chinas und liegt an der Südküste der Republik. Sie gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. In der Stadt selbst leben 7,1 Millionen Menschen.
Foto: picture-allianceShenzhen liegt am südlichen Rand der Proving Guangdong. Sie gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Mit über 12 Millionen Einwohnern ist sie heute eine moderne Metropole.
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„Was definitiv gelungen ist: in relativ kurzer Zeit Wohnraum für Millionen von Menschen zu schaffen“, sagt Werner Breitung. Der aus Deutschland stammende Professor für Stadtentwicklung an der Xi’an Jiaotong-Liverpool University in Suzhou forscht seit fast 20 Jahren im Perlflussdelta.
Anders als in Indien oder Afrika leben die neuen Stadtbewohner nicht in Slums. Denn erst war die Nachfrage nach Arbeit da, dann zogen die Menschen in die Städte – nicht umgekehrt. Lange sei es gesellschaftlicher Konsens gewesen, Umwelt und Gesundheit auf Kosten von Wachstum und Entwicklung zurückzustellen, sagt Breitung. Jetzt würden die Umweltprobleme dringlicher: „Das wird die Region in den nächsten Jahren beschäftigen.“
Binnen 100 Jahren dreht sich die Einwohnerentwicklung von Stadt zu Land komplett um. (zum Vergrößern bitte anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheLinks und rechts erheben sich anfangs noch die Hochhäuser von Guangzhou. Erst nach zehn Minuten Fahrt ändert sich das Bild: Die Häuser werden niedriger und spärlicher. Palmen und Bananenstauden tauchen auf. Nathan stammt eigentlich aus Yinchuan, der Hauptstadt der Provinz Ningxia. Das liegt 2.500 Kilometer nordwestlich von seinem jetzigen Wohnort.
Guangzhou, das 2.000 Jahre alte Kanton, ist Hauptstadt der Provinz Guangdong und so etwas wie der Kopf der Region. „In China schlägt das Herz der Weltwirtschaft, und im Perlflussdelta ist das Wirtschaftszentrum Chinas“, schwärmt Levent Akdeniz. Der 40-jährige Türke gestaltet mit seiner Firma Delvento Home in Guangzhou Hotels und Restaurants. Tische und andere Möbelstücke lässt er flussabwärts in den Fabriken von Dongguan produzieren.
Millionen von Pekingern der Mittelschicht erfüllen sich den Traum vom eigenen Auto. Doch jetzt folgt das böse Erwachen: Die dichte Smogwolke über Peking hat in den Krankenhäusern der chinesischen Hauptstadt zu einem Anstieg von Atemwegserkrankungen geführt. Flaggenzeremonien und Sportstunden an Schulen wurden am Montag wegen der anhaltend hohen Feinstaubwerte nach innen verlegt
Foto: dpaNachdem die Werte am Wochenende mit 700 Mikrogramm pro Kubikmeter die Messskala gesprengt hatten, sanken sie am Montag wieder auf 245 Mikrogramm. Auch dieser Wert lag aber noch deutlich über den 25 Mikrogramm pro Kubikmeter, ab der laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Gesundheitsgefährdung besteht.
Foto: dpaDie Behörden verordneten eine Senkung der Emissionen in Fabriken, Baustellen wurden mit Wasser besprüht, um zu verhindern, dass Staub von dort den schädlichen Dunst, der seit Ende vergangener Woche über Peking hängt, noch weiter verschlimmert.
Foto: dpaAngesichts des gesundheitsgefährdenden Smogs wächst in China die Wut auf die Behörden. Im Internet kritisierten viele Nutzer am Montag den ungebremsten Wachstumskurs der Regierung, bei dem auf Umweltaspekte zu wenig Rücksicht genommen werde.
Foto: dpaAm Dienstag soll sich die Lage nach Angaben der Wetterbeobachtungsstelle von Peking wieder verbessern. Wissenschaftler machten die extreme Windstille für den dichten Smog verantwortlich, durch den die Sonne schon kaum mehr durchdringt.
Foto: dpaSelbst die staatliche Zeitung „China Daily“, die als Sprachrohr der Kommunistischen Partei gilt, schrieb auf Seite eins: "Ein besseres China zu schaffen beginnt damit, dass man gesund atmen kann.“ Es müsse vermieden werden, dass es wegen des Urbanisierungsprozesses "der Umwelt immer schlechter und schlechter geht".
Foto: dpaLaut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua erreichte die Luftverschmutzung in Peking und anderen Städten am Wochenende Werte fast 40 Mal über dem von der Weltgesundheitsorganisation definierten Idealwert.
Foto: dpaDas staatliche Fernsehen rief die Bewohner der Hauptstadt am Montag auf, wegen der schlechten Sicht und der Gesundheitsgefahren weiterhin nicht mit dem Fahrrad zu fahren. Vor allem Ältere, Kinder und Menschen mit Atembeschwerden sollen seit einigen Tagen in geschlossenen Räumen bleiben und sich nicht anstrengen.
Foto: dpaDer Smog liegt seit Freitag dicht über Peking, teilweise betrug die Sicht nur etwa hundert Meter. In der Luft befinden sich hochgradig schädliche Kleinstpartikel. Deren Konzentration lag am Wochenende laut Xinhua teilweise bei mehr als 993 Mikrogramm pro Kubikmeter.
Foto: dpaLaut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte die Konzentration der PM2,5 genannten Feinstaub-Partikel idealerweise bei nicht mehr als 25 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Den chinesischen Behörden zufolge könnte die starke Luftverschmutzung noch bis Mitte der Woche anhalten.
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Die Region ist als Werkbank der Welt bekannt. Noch immer stammen 30 Prozent der chinesischen Exporte aus der Provinz. Doch durch die Weltwirtschaftskrise und das Umlenken der Staatsführung hin zu mehr Binnenkonsum wandelt sich die Wirtschaftsstruktur. Viele der Tausenden Textilfabrikanten, für die Billigarbeiter Turnschuhe und T-Shirts nähten, sind in billigere Länder wie Vietnam abgewandert.
Die elf Städte haben sich spezialisiert. Shenzhen ist Sitz großer Elektronikkonzerne wie Huawei, ZTE und auch TCL, Nathan Zhangs Arbeitgeber. Hongkong ist Asiens Finanzzentrum. In Huizhou werden Elektronikteile gefertigt. Volkswagen produziert in Foshan jährlich 300.000 Autos. In den Casinos von Macao wird heute siebenmal mehr Geld umgesetzt als in Las Vegas. Zhuhai, bei Macao gelegen, soll Rentnerparadies für reiche Hongkonger werden.
„Der Erfolg der Region beruht auf diesem Clusterprinzip“, sagt Stefan Kracht vom Hongkonger Büro der Unternehmensberatung Fiducia. „Mittlerweile sind so dichte Netzwerke entstanden, die Sie so nirgendwo anders auf der Welt finden.“
Im kommenden Jahrzehnt soll sich die Wirtschaftsleistung der Region verdoppeln und mit rund 2.000 Milliarden Euro etwa der Frankreichs entsprechen. „Die Lohnkosten sind zuletzt zwar stark gestiegen, doch die kurzen Lieferketten und die gute Verkehrsinfrastruktur kompensieren das“, erläutert Oliver Regner von der deutschen Auslandshandelskammer in Guangzhou.
Nach 20 Minuten Fahrt hält Nathans Zug zum ersten Mal. Der Stopp in Dongchong, einem Vorort von Guangzhou dauert nur ein paar Augenblicke. Kurz darauf überquert der Zug den Perlfluss, eine gewaltige, gelbe, zäh fließende Brühe, der etwas weiter südlich ins Meer mündet. Der Weg nach Shenzhen führt über das Ostufer des Deltas. Nächster Halt, weitere 20 Minuten später, ist die Fabrikstadt Dongguan.
Täglicher Griff zur Zigarette
Ungesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich.
Künstliche Tannenbäume
Klar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne.
So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China.
Schweinereich
In China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten.
Geisterstädte im ganzen Land
In China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, …
McDonald’s allein auf weiter Flur
… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s.
Bauboom geht weiter
Dennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität.
Barbie ist zu sexy
Wenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen.
Rasantes Wachstum
China hat Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Sein Bruttoinlandsprodukt beträgt 2011 fast 7,3 Billionen US-Dollar, das sind etwa 5.417 Dollar pro Chinese. Die Chinesen sind damit heute etwa viermal so reich wie vor zehn Jahren. Die Wachstumsraten, die vor 2007 jahrelang weit über 10 Prozent lagen, haben sich etwas abgeschwächt, blieben aber auch in den Krisenjahren der Weltwirtschaft beeindruckend. 2011 waren es 9,24 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds 7,83 Prozent.
Alles unter Kontrolle
Wer in chinesische Firmen investiert, investiert in der Regel auch in den chinesischen Staat. Denn die meisten großen chinesischen Aktienunternehmen sind staatlich kontrolliert. Dazu zählen etwa der größte einheimische Ölkonzern PetroChina und die Bank of China. Auch das Management der Konzerne ist mit der politischen Führung eng verwoben. Wirklich privat geführte Unternehmen haben es oft schwer, da die Staatsunternehmen privilegiert werden.
Millionen Christen
Christen haben es in dem traditionell konfuzianistisch geprägten und seit 1949 kommunistisch - also atheistisch - regierten Land schwer. Offiziell sind es - Stand 2008 - etwa 19 Millionen. Tatsächlich dürften es aber sehr viel mehr sein und mit wachsender Tendenz. Manche Autoren schätzen bis zu 80 Millionen. Erstaunlich ist der Zulauf vor allem angesichts des Verbotes jeglicher Missionierung nach der kommunistischen Machtübernahme und der brutalen Christenverfolgung im Rahmen der Kulturrevolution in den 1960er Jahren.
Wenn Eric Xie vom Guangzhou-Investment-Büro über die Verkehrsinfrastruktur im Delta spricht, gerät er ins Schwärmen. „Das U-Bahn-Netz von Guangzhou misst schon 300 Kilometer, weitere 300 sind im Bau“, sagt er. 4,5 Millionen Menschen befördert die U-Bahn täglich. „Schon heute sind die Städte Foshan und Dongguan darüber mit der Provinzhauptstadt verbunden.“ Weitere folgen. 2020 soll ein komplettes City-Train-Netz alle Städte verknüpfen, sollen die Hauptbahnhöfe aller elf Großstädte im Delta nur noch je eine Schnellzug-Stunde voneinander entfernt sein.
Die Region ist zudem Teil von Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz. Seit 2012 verbindet der Schnellzug Jinggang PDL – benannt nach den Endpunkten der Strecke – mit Tempo 300 die knapp 2300 Kilometer entfernten Städte Peking und Guangzhou in weniger als acht Stunden Fahrzeit. Noch dieses Jahr wird eine Schnellbahn von der Provinzhauptstadt nach Nanning an der Grenze zu Vietnam führen. „Damit wird die Stadt Knotenpunkt für den Südosten“, sagt Xie. Rund 220 Milliarden Euro will China in die Infrastruktur investieren.
Bald soll zudem ein Hubschrauberdienst die Großflughäfen von Guangzhou, Shenzhen und Hongkong verbinden. Der werde sich zwar nur an sehr wohlhabende Leute richten, aber davon gebe es viele, versichert Xie. Noch aber ist der Luftraum für das Militär reserviert. Insgesamt sollen an den Airports 2020 pro Jahr 150 Millionen Passagiere abfliegen.
Voraussichtlich 2016 soll außerdem die neue Hongkong-Zhuhai-Macao-Brücke die Sonderverwaltungszonen auf beiden Seiten des Perlflussdeltas verbinden. Das geschätzt rund elf Milliarden Dollar teure Infrastrukturprojekt wird Brückenbauwerke, künstliche Inseln und Straßentunnel kombinieren und mehr als 35 Kilometer überspannen – als längste Brücke der Welt.
Weltweit einzigartig
„Wie hier Wasser, Schiene, Luft und Straße vernetzt werden, finden Sie weltweit kein zweites Mal“, sagt Rainer Hirsch, Leiter der Niederlassung des deutschen Unternehmens Herrenknecht in Guangzhou. Die Tunnelbaumaschinen des badischen Mittelständlers bohren in Hongkong an der größten Baustelle der Welt. Allein auf dem Gebiet der ehemaligen Kronkolonie entstehen 26 Kilometer Schnellbahntunnel für die Expressverbindung nach Shenzhen, die sich ab 2017 an die Strecke nach Peking anschließt.
Nahe der Provinzhauptstadt fertigt Herrenberg die Riesenbohrer für die Region. Mehr als 100 von ihnen kamen in den vergangenen Jahren im Delta zum Einsatz. Als nächstes großes Geschäft wittert Manager Hirsch den Bau von Abwassertunneln: „Die haben in Guangzhou teils weniger als 60 Zentimeter Durchmesser“, sagt er. Denkbar sei, sie auf mehr als 4,50 Meter zu vergrößern.
Wirtschaftsmacht
37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung.
Foto: dpa/dpawebBevölkerungswachstum
Babyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an.
Foto: REUTERSKommunismus
15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild.
Foto: REUTERSChinesische Mauer
Man kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland.
Foto: dpaChinesisches Essen
Peking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche.
Foto: REUTERSMenschenrechtsmissachtung
Ebenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden.
Foto: dpaDiebstahl von Ideen
12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer.
Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware.
Foto: dpaGroßes, weites Land
China ist groß, klar, das wissen auch wir im fernen Europa. 12 Prozent der Befragten denken bei China daher an ein großes, weites Land. Groß trifft es auf den Punkt, denn die Volksrepublik hat mit 1,34 Milliarden Einwohnern mehr als Nordamerika, Europa und Russland zusammen. Damit geht nicht nur Faszination einher sondern auch Angst: 35 Prozent der befragten Bevölkerung empfinden Chinas Größe als Bedrohung.
Über die Kultur und Gesellschaft Chinas wissen Deutsche sehr wenig. 57 Prozent sagen aus, die chinesische Kultur sei ihnen fremd. China wird als ein Land gesehen, dass stark durch Traditionen geprägt ist und in der vor allem Höflichkeit, Friedfertigkeit und Familien- und Gemeinschaftssinn herrschen. Wenig zu wissen bedeutet aber nicht, sich nicht für China zu interessieren: 55 Prozent der Deutschen geben an, sehr großes oder großes Interesse an der Geschichte, Philosophie und Kultur der Voksrepublik zu haben.
Foto: REUTERSBilligprodukte
Acht Prozent der Deutschen denken bei China vor allem an Billigprodukte, à la „made in China“. Dabei wird rund ein Viertel der globalen Exporte von Spitzentechnik in China hergestellt. Dennoch bestimmt das Bild von mangelhaften Massenprodukten das Chinabild der Deutschen maßgeblich. Das ist nicht zuletzt den Medien zu schulden, die viel und gerne über die schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Firmen, Billigware und die Ausbeutung chinesischer Arbeitskräfte berichten. Für China hat das Billigprodukt-Image der Deutschen fatale Folgen: Es senkt das Markenimage chinesischer Produkte. Und das, obwohl viele chinesische Unternehmen bereits durch hohe Produkt- und Servicequalität bestechen. Weltweit, wie auch in Deutschland.
Foto: dpaEin-Kind-Politik
Manche loben sie, andere verurteilen sie aufs Schärfste: Die Ein-Kind-Politik Chinas. Die fällt fünf Prozent der Befragten zum Stichwort China ein. Die Politik soll das Bevölkerungswachstum in der Volksrepublik China regulieren, indem jede Familie nur ein Kind haben darf. Das hatte seinen Grund: Bis zu Öffnungspolitik 1979 brachen durch die Überbevölkerung in China immer wieder Hungersnöte und Wirtschaftskrisen aus. Auch wenn die Ein-Kind-Politik als notwendige Maßnahme betrachtet wurde, gibt es heute verschiedene negative Auswirkungen, die vor allem die Städte betreffen. So leben laut Statistik in China heute mehr als 140 Millionen Einzelkinder. Sie werden von ihren Eltern verwöhnt und können daher wenig Sozialkompetenzen entwickeln. Außerdem lastet auf ihnen die Verpflichtung, alleine beide Elternteile im Alter versorgen zu müssen.
Foto: dapdHeute ist die Sicht klar. Normal ist das nicht. „Die Luftverschmutzung macht mir am meisten Sorgen“, sagt Nathan. An schlechten Tagen kratzt es den Basketballspieler im Hals, die Augen tränen. Die Luft ist dann trüb und schmeckt sauer, Sport lässt er lieber. 5.000 Yuan, umgerechnet 600 Euro, verdient Nathan – doppelt so viel wie die meisten Fabrikarbeiter. Ein Auto zu kaufen, ist noch unrealistisch. Aber er hat Pläne. „Erst eine Wohnung, dann ein Auto, am besten einen Audi“, sagt er.
Bei Chinas neuer Mittelschicht steht ein Auto nicht nur für Mobilität, sondern auch für Status. Seit einigen Jahren sind Benzinmotorräder verboten, heute sind Elektroroller das Fortbewegungsmittel für alle, die sich kein Auto leisten können. Hauptverursacher des Smogs sind ohnehin nicht die Autos, sondern die alten Kohlekraftwerke, die – auch – den Strom für die Elektroroller produzieren. Zwar liefert ein Wasserkraftwerk aus der Provinz Yunnan Energie für fünf Millionen Haushalte über eine innovative, 1.400 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstromleitung, die Siemens gebaut hat. Zugleich aber sind elf Kohlekraftwerke im Bau, weitere elf in Planung. Laut Greenpeace sind die 96 Kraftwerke in der Region für mehr als 3.600 Todesfälle im Jahr verantwortlich.
Die Region leidet unter den für die Atemwege gefährlichen Feinstaubpartikeln – auch wenn Spitzenwerte von bis zu 500 Mikrogramm pro Kubikmeter wie in Peking selten erreicht werden. Aber Werte bis 120 sind normal. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 25.
Noch schlimmer steht es um das Wasser: Jahrelang flossen Tonnen Abwässer ungefiltert ins Delta, allein 2012 zehn Milliarden Tonnen. 30 Prozent der Flüsse gelten als extrem verschmutzt. Spätestens 2020, warnen Umweltschützer, werde das Delta unter Wasserknappheit leiden. Nicht weil zu wenig Wasser da wäre, sondern weil das vorhandene zu verdreckt sein wird. Immer häufiger sind die Umweltschäden nun Anlass für Proteste der Bevölkerung.
Platz 10: Karatschi
Auf Platz zehn der Liste der weltweit lautesten Städte liegt Karatschi, die größte Stadt Pakistans. Mit ihren rund 13 Millionen Einwohnern zählt die Hauptstadt der Provinz Sindh zu den größten Städten auf der Welt. Bis 1959 war sie auch Hauptstadt Pakistans. Heute gilt sie unter anderem durch den größten Hafen des Landes zum Wirtschafts- und Handelsknotenpunkt Pakistans.
Foto: REUTERSPlatz 9: Shanghai
Die Hafenstadt Shanghai mit ihren 23 Millionen Einwohnern ist die neuntstärkste von Lärm geplagte Stadt weltweit. Sie ist die bedeutendste Industriestadt und eine der größten Städte Chinas. Mit seinen knapp 32 Millionen umgeschlagenen Containern im Jahr gilt der Hafen als größter Containerhafen der Welt. Shanghai wächst rasant, seit es sich für die Marktwirtschaft geöffnet hat. Die Stadt verdankt einen überwiegenden Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung den guten Verkehrsverbindungen im Schienennetz. Neben Peking und Hongkong kämpft die Stadt durch das hohe Verkehrsaufkommen aber auch mit stark verschmutzter Luft.
Foto: REUTERS
Platz 8: Buenos Aires
Auf Platz acht der weltweit lautesten Städte liegt Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens. Die offiziell nur 202 Quadratkilometer große Stadt bildet den Kern einer der größten Metropolregionen Südamerikas, dem Gran Buenos Aires mit etwa 13 Millionen Einwohnern. Zudem ist sie als einzige Stadt Argentiniens als „Capital Federal“ autonom, also nicht an eine bestimmte Provinz gebunden. Sie ist ein wichtiges kulturelles Zentrum und wurde 2005 durch die Unesco mit dem Titel Stadt des Designs ausgezeichnet.
Foto: APPlatz 7: New York City
Der berühmte Big Apple folgt auf dem siebten Platz. Mit mehr als acht Millionen Einwohnern ist New York City die bevölkerungsreichste Stadt der USA und dazu eine der bedeutendsten Wirtschaftsräume und Handelsplätze. Viele internationale Konzerne und Institutionen wie die Vereinten Nationen haben hier ihren Sitz. Laut Forbes ist New York City nicht nur eine der lautesten Städte weltweit sondern auch eine der teuersten. Jährlich kommen etwa 50 Millionen Besucher in die Stadt an der Ostküste.
Foto: REUTERSPlatz 6: Madrid
Mit Madrid hat es auch eine europäische Stadt in die Liste der lautesten Metropolen der Welt geschafft. Die Hauptstadt Spaniens zählt gut drei Millionen Einwohner und ist damit nach London und Berlin die drittgrößte Stadt in der EU. Madrid ist seit Jahrhunderten der geographische, politische und kulturelle Mittelpunkt Spaniens und Sitz der Regierung. Ebenso gilt die Stadt als Hauptverkehrsknotenpunkt und führender Wirtschaftsstandort in Spanien.
Foto: dpa/dpawebPlatz 5: Tokio
Die Anfang der Top 5 der lautesten Städte bildet Tokio. 23 Bezirke mit neun Millionen Menschen bilden das Stadtgebiet. Die ganze Region Tokio umfasst nach der Volkszählung 2005 knapp 36 Millionen Einwohner und zählt zu den größten Ballungsgebieten auf der Welt. Mit seiner Börse gehört Tokio neben New York und London außerdem zu den weltweit wichtigsten Finanzplätzen.
Foto: dpaPlatz 4: Kairo
Die ägyptische Hauptstadt belegt den vierten Platz im internationalen Ranking der lautesten Städte. Kairo hat knapp acht Millionen Einwohner im Stadtgebiet, die Metropolregion umfasst etwa 16 Millionen Menschen. Damit ist Kairo die größte Stadt Afrikas. Sie ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens und der Arabischen Welt. Der Tahrir Platz (Foto) wurde im Arabischen Frühling zum Mittelpunkt der Proteste.
Foto: REUTERSPlatz 3: Kalkutta
Bronze im Ranking der weltweit lautesten Städte bekommt Kalkutta, die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen in Indien. Mit 4,5 Millionen Einwohnern ist sie die siebtgrößte Stadt Indiens, Industriestadt und Verkehrsknotenpunkt. Den größten wirtschaftlichen Zuwachs verzeichnet Kalkutta im Technologiesektor mit einer Wachstumsrate von bis zu 70 Prozent. Zahlreiche Dienstleistungsjobs aus aller Welt wurden in den letzten Jahren dorthin verlagert. Vor allem Call Center boomen - sie beschäftigen bereits mehrere zehntausend Menschen.
Foto: dpaPlatz 2: Mumbai
Auch der zweite Platz geht an Indien. Mumbai ist die wichtigste Hafenstadt des Landes und bildet das wirtschaftliche Zentrum. Mumbai ist mit 12,5 Millionen Einwohnern in der eigentlichen Stadt die größte Stadt Indiens und eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Mit 18,4 Millionen Einwohnern in der „Mumbai Metropolitan Region“, die auch die Vororte einschließt, gehört Mumbai auch zu den größten Metropolregionen der Welt.
Foto: REUTERSPlatz 1: Delhi
Am lautesten auf der ganzen Welt ist es in Delhi. Die Metropole schließt mit Neu-Delhi die indische Hauptstadt ein und ist mit elf Millionen Einwohnern in der Stadt und über 16 Millionen in der Region nach Mumbai die zweitgrößte Stadt Indiens und gehört weltweit zu den Megastädten. Nach Jahren der wirtschaftlichen Isolierung, verursacht durch die strengen Handelsgesetze, die nach der Unabhängigkeit von Großbritannien erlassen wurden, erfährt Delhi heute einen rasanten Wirtschaftsboom. Auch die Bevölkerung wächst wie in vielen anderen Teilen Indiens rasant.
Foto: REUTERSUnd Deutschland?
Auch wenn die Bundesrepublik im internationalen Vergleich nicht als besonders laut auffällt, so gibt es auch hierzulande Überraschungen bei der Lärmbelastung. Eine 2011 veröffentlichte Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik (IBP) kürt Hannover (Bild) zur lautesten Stadt. Es folgen Frankfurt am Main, Nürnberg, Bonn und Köln. Berlin schafft es auf Platz sechs, München auf sieben, Hamburg befindet sich im Mittelfeld auf dem 13. Rang. Münster gilt laut dem Ranking als ruhigste Stadt Deutschlands, was wohl an den vielen Fahrradfahrern liegt.
Für die Analyse hat das IBP im Auftrag der gemeinnützigen GEERS-Stiftung die Lärmkarten der 27 deutschen Großstädte mit mehr als 250.000 Einwohnern ausgewertet. Die Karten werden seit 2007 von den Städten selbst erstellt.
Foto: dpa
Hochhäuser als Klärwerke
Dabei fehlt es nicht an ehrgeizigen Projekten: Stephen Al von der Hong-Kong-University etwa setzt auf den Wegfall der Grenzen zu Hongkong und Macao 2047. Dann könnte ein Abwassersystem das Perlflussdelta ähnlich wie das Elektrizitätsnetz umspannen.
Auf die Hongkong-Macao-Brücke ließe sich eine riesige Entsalzungsanlage montieren, die Trinkwasser für die Region liefert. Und in den Hochhäusern könnten vertikale Wasserkreisläufe entstehen: Das durch die Bewohner benutzte Wasser wird aufs Dach gepumpt, um Gärten zu bewässern und durchläuft auf dem Weg nach unten mehrere Filterstufen. All das aber ist noch Zukunftsmusik.
Auf der letzten Etappe wird die Aussicht monoton: Hochhaus an Hochhaus – 30, 40, 50 Stockwerke hoch. Selbst Wohnblocks, die an westliche Mehrfamilienhäuser erinnern, haben 15 bis 20 Etagen. Dazwischen Palmen, Bananenstauden und die Dächer der Quartiere jener Wanderarbeiter, die die Häuser in wenigen Monaten hochziehen.
Für ein Praktikum bei TCL zog Nathan nach Guangzhou und lernte dort Lily kennen. Kurz darauf nahm er am TCL-Hauptsitz in Shenzhen einen Job an. Lily stammt aus der benachbarten Vier-Millionen-Stadt Huizhou. Die 24-Jährige spricht noch Kantonesisch, die Sprache der Alteingesessenen im Perlflussdelta. Heute ist sie damit inmitten der Zuwanderer in der Minderheit.
Inzwischen schuften die Wanderarbeiter längst nicht mehr nur auf dem Bau oder wie menschliche Roboter an Fließbändern. Viele arbeiten heute als Kellner, Taxifahrer oder Händler. Sie wohnen nicht mehr in Fabrikkasernen, sondern mieten Wohnungen. Die Quartiere sind oft eng, manche alt, aber keine Slums. Wer es sich leisten kann, der zieht in einen Neubau.
Stadtbürger wird er dabei nicht. Denn das sozialistische Meldesystem teilt die Menschen in Stadt- und Landbewohner. Wer in der Provinz geboren ist, kann Jahrzehnte in einer Fabrik in Dongguan arbeiten, er bleibt offiziell Bürger seines Dorfes. Die Regelung half, den Zustrom der Menschen zu steuern und Elendsviertel zu verhindern. Als in der Wirtschaftskrise 2008 viele Fabriken schlossen, mussten Millionen Arbeiter in ihre Dörfer zurückkehren.
Heute ist gut die Hälfte der Bewohner der Region Einwohner zweiter Klasse. Wer kein Stadtbürger ist, hat kein Recht auf lokale Sozialleistungen, muss etwa Schulgebühren selbst zahlen. Das zu ändern würde nicht nur die kommunalen Finanzen überlasten. Viele Einheimische wollen ihre Privilegien nicht teilen. „Es gibt Konflikte zwischen Einheimischen und Zugezogenen“, sagt Experte Breitung, „aber sie spielen sich meist unter der Oberfläche ab.“
Nathan kommt in Shenzhen an. Der Bahnhof ist hochmodern, wie fast alles hier. Nathan geht zur U-Bahn, öffnet das Drehkreuz mit seiner elektronischen Fahrkarte und wartet. Auf Flachdisplays läuft Werbung für Instant-Nudeln und Gesichtscreme. Die Türen öffnen sich automatisch, hektisch drängen Leute heraus und herein. Ein paar Stationen, und er ist zu Hause.
Shenzhen ist als modernste Stadt des Deltas so etwas wie der Prototyp für die Urbanisierung der Region. Nur 20.000 Einwohner hatte das Fischerdorf an der Grenze zu Hongkong 1980. Heute leben hier elf Millionen Menschen.
Zumindest optisch ist das Projekt größtenteils geglückt. Palmenalleen verleihen der Retortenstadt den Charme eines chinesischen Miamis. Wohnanlagen aus 40-stöckigen Gebäuden heißen „King’s Ville“ oder „Chevalier“. An den Eingängen stehen romantisierende Pferdestatuen. Restaurants servieren vermeintlich italienische Gerichte – und reichen dazu Essstäbchen. In Shekou, dem Hafenviertel, reihen sich Boutiquen und Cafés im Schatten großer Banyan-Bäume aneinander.
Güterverkehr unter der Erde
Doreen Liu schätzt die Errungenschaften der neuen Infrastruktur. Die in den Sechzigern in Guangzhou geborene Architektin hat in den USA studiert und lebt heute in Shenzhen und in Hongkong. In ihrer Kindheit dauerte die Fahrt mit dem Schiff von Guangzhou nach Zhongshan Stunden, erinnert sie sich. Ihr Büro Node Design liegt an einer kleinen Straße, die sich einen Hügel hinaufwindet. Rechts wachsen Banyan-Bäume, der Hibiskus blüht leuchtend rosa und rot.
Trotzdem will Liu die Stadt weiter verändern. Heute belegen Personen- und Güterverkehr fast die Hälfte der Fläche. Mit ihrem Büro hat die Architektin ein Konzept entwickelt, den Großteil des Güterverkehrs unter die Erde zu verlagern. Die frei werdenden Flächen könnten die Bewohner nutzen. Noch aber scheitere der Umbau zur menschenzentrierten Stadt am fehlenden Willen der Politiker. Die Architektin ist frustriert: „Nachhaltigkeit hat kaum einer im Blick“, sagt sie.
Das gilt auch für die Masse der Hochhäuser. Deren Lebensdauer liege bei gerade einmal 20 Jahren, warnen Fachleute. Was das für die Wohnungsbesitzer bedeutet, ist vollkommen offen. „Vielleicht muss alles abgerissen und neu gebaut werden“, sagt Liu.
Schon jetzt ist klar, dass der Billigbau enorm ins Geld geht: Chinesische Gebäude verbrauchen zwei- bis dreimal so viel Energie wie westliche. Mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs in China, so eine Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, verursachten Gebäude.
Die Regierung will nun mit einem Zertifizierungssystem nachhaltige Häuser fördern. Bisher aber entsprechen dem Nachhaltigkeitsstandard erst vier Prozent der Gebäude. Die durch Subventionen günstigen Energiepreise entlasten zwar die ärmeren Schichten. Doch Anreize, nachhaltig zu bauen, wecken sie nicht.
Auch was das Zusammenwachsen der Städte angeht, ist Architektin Liu skeptisch. Macao, vor allem aber Hongkong hätten eine liberale, demokratische, jahrzehntelang gewachsene Kultur. Das Misstrauen gegenüber dem Festland sei groß. Viele Hongkonger fürchteten sich schon jetzt vor dem Wegfall der Grenzen Mitte dieses Jahrhunderts und dem Verlust der letzten Reste von Autonomie.
Das lenkt den Blick auf eine der am schwersten zu lösenden Aufgaben der geplanten Urbanisierung: Geld kann Chinas Regierung fast beliebig in die Infrastruktur buttern. Doch damit Menschen wirklich heimisch werden, muss mehr geschehen. „Werte sind verloren gegangen, das Vakuum wurde mit Materialismus gefüllt“, sagt Doreen Liu. „Das hat zur Folge, dass sich niemand wirklich zu Hause fühlt.“
Nathan, immerhin, ist seit ein paar Monaten offizieller Einwohner der Stadt Shenzhen. Sein Arbeitgeber hat ihm das begehrte Bürgerrecht verschafft. Bald wird auch Freundin Lily zu ihm ziehen. Die beiden werden sich erst einmal Nathans kleine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung teilen, bis die Freundin einen Job gefunden hat und sie sich etwas Größeres leisten können.
Denn der junge Mann aus Nordwestchina will die Kantonesin heiraten.
Doch dazu braucht er eine Eigentumswohnung. Chinesische Eltern stimmen einer Hochzeit meist nur zu, wenn der Schwiegersohn in spe eine eigene Bleibe vorweisen kann. Leicht wird das nicht, die Preise sind seit Jahren kontinuierlich gestiegen. Eine 100-Quadratmeter-Wohnung kostet umgerechnet rund 200.000 Euro. Bei umgerechnet 600 Euro Monatslohn ist das für Nathan ohne Hilfe seiner Eltern unerschwinglich.
Woanders etwas Günstigeres zu suchen, das will er nicht, wegen seines Jobs in Shenzhen. Was ihm sonst hier gefällt? „Das Wetter, in Shenzhen ist es immer warm“.
Und sonst?
„Nichts. Es gibt hier nichts Besonderes.“