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Siemens-Experte Tobias Sebastian Unger „Automatisierung ist kein Allheilmittel“

Siemens-Experte Tobias Sebastian Unger: „RPA schafft dort den meisten Mehrwert, wo menschliche Arbeit 'verschwendet' wird.“ Quelle: Siemens

Welche Vorgänge im Unternehmen können Roboter übernehmen und wieso sollten Firmen auf dem heimischen Markt produzieren? Tobias Sebastian Unger von Siemens Finance Shared Services zum Wandel in Deutschland.

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Sie beschweren sich nicht und haben nichts dagegen, sich mit großen und komplizierten Datenbergen zu beschäftigen: Roboter unterstützen ihre menschlichen Kollegen bereits jetzt bei der Automatisierung von Abläufen. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig, die Aufgaben reichen vom Fließband bis zum Back Office. Die Robotic Process Automation (RPA) gilt als vielversprechende Technologie, birgt aber auch Herausforderungen: Ziel der RPA es, verschiedene, üblicherweise von Menschen ausgeführte Prozesse möglichst automatisiert ablaufen zu lassen. Tobias Sebastian Unger ist Head of Strategy der Siemens Finance Shared Services und bereits seit 2012 bei Siemens mit Innovationsprojekten vertraut. Im Interview erklärt er, wie deutsche Unternehmen die Automatisierung meistern können.

Herr Unger, sind Sie der Typ Mensch, der Veränderungen mag?
Ich bin jemand, der Veränderungen liebt. Für mich bedeutet Veränderung grundsätzlich Entwicklung, Fortschritt und etwas besser zu tun als vorher, meist durch den Einsatz von moderner Technologie. Das macht für mich den Reiz aus.

Beim Thema Industrie 4.0 teilt sich die unternehmerische Welt allerdings in zwei Lager: Die eine Hälfte ist wie Sie optimistisch. Die andere Hälfte blickt kritisch auf Roboter und automatisierte Prozesse. Wie geht man nun am besten mit Robotic Process Automation um?
Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, dem Hype erstmal auf den Grund zu gehen und zu verstehen, was RPA eigentlich ausmacht. Eigentlich sind RPA-Plattformen nichts anderes als eine Dating-Plattform für intelligente Makros und IT-Systeme. Neu ist lediglich, dass es jetzt Plattformen gibt, die es ermöglichen, diese Ansätze kostengünstig in jede beliebige Systemlandschaft im Rahmen eines Standards zu integrieren. Zunächst erstellen Sie die Nutzerprofile der Makros und programmieren deren Fähigkeiten und Vorlieben, danach verbinden Sie diese mit den Systemen, deren Automatisierungsprofile Schwächen aufweisen.

Kann das auch mal schief laufen?
RPA ist ein weiteres Teil, um das Automatisierungspuzzle zu vervollständigen, aber es ist nicht das einzige Teil und kein Allheilmittel. Es passt nicht immer und man sollte den richtigen Platz finden, bevor man es einsetzt.

„RPA schafft dort den meisten Mehrwert, wo menschliche Arbeit 'verschwendet' wird.“  

In welchen Unternehmensbereichen sind automatisierte Prozesse besonders nützlich?
RPA schafft dort den meisten Mehrwert, wo menschliche Arbeit „verschwendet“ wird. Ein virtueller Roboter kann beispielsweise stundenlang Daten aus einer E-Mail in ein System übertragen und macht dabei keine Flüchtigkeitsfehler. Einen virtuellen Roboter stört es auch nicht, stundenlang an großen Excel-Tabellen zu arbeiten und diese mit Daten zu versorgen. Außerdem kann ein  virtuelles System problemlos mal wochenlang nichts machen und dann auf Knopfdruck für den Jahresabschluss oder zum Monatsende wieder aktiviert werden.

Einige Zukunftsprognosen bezeichnen RPA als Jobkiller, der weltweit bis 2020 fünf Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Wie stehen Sie zu diesen Vorhersagen?
Aus unserer Sicht ist das nur eine Seite der Medaille. Wenn es danach ginge, hätten wir seit der Industriellen Revolution eigentlich konstant nur Jobs verlieren müssen. Das ist aber nicht der Fall gewesen und ähnlich würde ich auch heute die Entwicklung mit RPA einordnen wollen. Die Aufgaben ändern sich, aber die Arbeit wird nicht weniger.

Künstliche Intelligenz in Aktion

Welchen Einfluss haben Roboter und automatisierte Abläufe auf das Betriebsmodell eines einzelnen Unternehmens?
Wir digitalisieren und virtualisieren Arbeitsabläufe und Strukturen mit zunehmender Geschwindigkeit. Das kann man zum Beispiel am Papierschriftverkehr sehen, der immer mehr zu einer elektronischen Kommunikation wird. Infrastruktur wie Rechenzentren wird zu einem Service aus der Cloud. Hinzu kommt noch, dass wir immer näher beieinander sind, ungeachtet der physischen Distanz. Für das Betriebsmodell von Unternehmen heißt das: Für bestimmte Bereiche der Leistungserstellung hören physische Grenzen auf zu existieren, da jeder mit Internetanbindung grundsätzlich immer mitarbeiten kann.

An welchen Stellen können Unternehmen RPA erfolgreich in ihre Geschäftsprozesse einbinden?
Im technischen Bereich spreche ich von drei Ebenen der Automatisierung. Ganz unten stehen die Logistik- und Buchhaltungssysteme, die sogenannten ERP-Systeme. Hier werden Transaktionen abgebildet, Belege gebucht und Daten gehalten. Darüber liegt die Ebene des Business Process Management. Hier werden Prozesse, Workflows und das User-Interface abgebildet. Das ist die Oberfläche, die der User sieht. Darüber liegt noch das, was vor dem Bildschirm passiert. Automatisierung kann man auf allen drei Ebenen erreichen.

Wie schätzen Sie die deutschen Unternehmen ein? Sind sie gut auf den Kollegen Roboter vorbereitet?
Ich denke, dass gerade deutsche Unternehmen für ihre Innovationsfreudigkeit bekannt sind. Roboter arbeiten in der Fertigung schon lange Hand in Hand mit der Belegschaft zusammen. Die Industrie 4.0 ist für uns Realität und wie gut das funktioniert, kann man sich zum Beispiel im Siemens Elektronikwerk in Amberg ansehen.

RPA bietet uns die Möglichkeit, virtuelle Roboter in Verwaltungsprozessen einzusetzen wie physische Roboter in der Produktion. Natürlich müssen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Roboter vorbereiten.

Besonders große Unternehmen haben in der Vergangenheit ihre Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlagert. Sogenannte Micro Factories führen dazu, dass Unternehmen mit der Produktion vermehrt in ihren Heimatmarkt zurückkehren. Wie können sie durch die Automatisierung in ihrer Heimat wieder konkurrenzfähig werden?
Der Produktionsfaktor Mensch wird in einer digitalisierten und virtualisierten Welt wichtiger. Im Bereich der Shared Services werden bald nicht mehr diejenigen besonders kosteneffizient sein, die die meisten flinken Hände in Ländern mit geringen Lohnkosten haben, sondern die, die viele intelligente Köpfe zur fortlaufenden Automatisierung von Abläufen einsetzen. Hier gilt es, bereits jetzt den Trend zu erkennen und zu investieren, nicht nur in Technologie, sondern vor allem in qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In Zukunft werden die benötigten Kompetenzprofile ganz andere sein. Hier gilt es bereits jetzt, den Trend zu erkennen und zu investieren. Ein Grundsatz in der IT ist ja: „Das Problem sitzt vor dem Bildschirm.“

Welchen Tipp würden Sie Unternehmen abschließend zum Thema RPA geben? Was ist der Schlüssel zum Erfolg?
Es lohnt sich, früh mit der IT zu reden. In der aktuellen Diskussion um RPA wird oft vergessen, dass virtuelle Roboter nur auf Basis einer intelligenten Server-Architektur wirklich produktiv arbeiten können. Wie jeder andere Nutzer müssten diese Roboter auf firmeninterne und firmenexterne Applikationen und Datenbanken zugreifen können. Eine reine Fachfunktion steht ohne IT-Einbindung schnell im Regen.

Und wie immer im Leben gilt auch hier: Reden lohnt sich. Es gibt viele Unternehmen, die RPA einsetzen. Der Erfahrungsaustausch hilft, Fehler zu vermeiden und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Zur Person:
Tobias Sebastian Unger verantwortet seit 2015 die strategische Weiterentwicklung der Siemens Finance Shared Services. Er ist Experte für BPM, RPA und Shared Service Modelle. Vor seiner leitenden Tätigkeit war Unger als Projektmanager bei Siemens Finance Shared Services. Im Vorfeld hatte sich Unger bei der Unternehmensberatung KPMG auf die Implementierung von Shared Service Modellen und die Optimierung von Backoffice-Funktionen spezialisiert.

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