Erfolgsfaktor Stimme: „Eine starke Stimme ist resonant und entspannt“
WirtschaftsWoche: Frau Hein, Sie sagen „leise sein ist out“. Geht es bei einer starken Stimme also um Lautstärke?
Monika Hein: Nicht unbedingt lauter, sondern eine starke Stimme ist resonant und entspannt. Das geht nicht über Druck und das Pressen der Stimme, sondern über Loslassen. Denn je weniger Druck ich ausübe, desto voller und entspannter wird meine Stimme. Bei Stress geschieht oft das Gegenteil.
Was steckt körperlich dahinter?
Die Kehle soll bei Gefahr die Atemwege schützen und schnürt sich in dieser Schutzfunktion regelrecht zu. Deshalb leidet in stressigen Momenten unsere Stimme. Es wird buchstäblich eng in der Kehle. Darum ist es zum Beispiel sehr wichtig, dem Körper und dem Nervensystem durch das eigene Verhalten zu suggerieren, dass alles in Ordnung ist. Damit die Stimme voll tönen kann, ist es wichtig, die Kehle zu lockern und den Rachen zu weiten.
Und wie mache ich das?
Man kann es sich vorstellen wie bei einem leichten Gähnen. Wichtig ist, dass die Zunge vorn bleibt und nicht wie beim echten Gähnen nach hinten zieht. Summen kann außerdem helfen oder die Vorstellung, eine heiße Kartoffel im Mund zu haben.
Wie verschaffe ich mir im Meeting noch mehr Gehör?
Wichtig als Basis ist die Körperhaltung. Denn die Stimme braucht, neben der offenen, weiten Kehle auch einen Resonanzkörper. Viele Menschen wissen das theoretisch, unterschätzen aber, wie frappierend die Folgen für die Stimme tatsächlich sind und hängen im Meeting rum wie ein Fähnchen im Wind. Ich teste bei meinen Coachees gerne den Körpertonus, indem ich ihnen mit zwei Fingerspitzen gegen das Brustbein tippe und etwas Druck aufbaue. Stimmt die Achse nicht, geraten sie ins Wanken.
Wie kann ich das sonst noch überprüfen?
Der Körpertonus ist wie eine Art Balance – wir brauchen weder eine Überspannung, noch eine Unterspannung. Also weder Flitzebogen noch Kartoffelsack. In die eigene Balance kommen wir, wenn wir uns zum Beispiel in der U-Bahn so hinstellen, dass wir nicht in jeder Kurve umfallen.
Alles schön und gut. Aber haben manchen Menschen nicht einfach von Natur aus eine leise oder gar piepsige Stimme?
Manche Menschen, besonders Frauen sind hier von Natur aus ein wenig benachteiligt, weil unser Grundton einfach höher liegt als bei männlichen Stimmen. Deswegen nimmt man Frauenstimmen dann leider als schrill wahr und bewertet sie entsprechend negativ. Das kann sich nachteilig auswirken – sowohl auf mich selbst beim Sprechen als auch auf meine Wirkung nach außen.
Machen Selbstzweifel also schrill?
Der innere Soundtrack, also wie ich mit mir selber spreche, welche Gedanken und Gefühle ich habe, spielt eine große Rolle für die Stimme. Die beste Technik hilft mir nicht, wenn es mir wegen Selbstzweifeln die Stimme zuschnürt.
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Eine starke Stimme beginnt also im Kopf?
Ja, das kann der Fall sein. Man muss sich bewusst darüber werden: Was hindert mich eigentlich wirklich daran, den Mund aufzumachen? Ist es die mangelnde Stimmtechnik, oder doch etwas anderes? Häufig ist es einfach die Angst, etwas Falsches zu sagen oder die Scham darüber, womöglich als inkompetent dazustehen. Es ist wichtig sich klarzumachen, dass wir die Bereitschaft brauchen, auch mal danebenzugreifen. Fehler gehören dazu, um kreativ zu sein und neue Ideen zu entwickeln.
Wer hörbar ist, macht sich aber auch sichtbar und angreifbar.
Natürlich. Darüber muss man sich im Klaren sein. Frauen machen leider noch oft die Erfahrung, dass sie verurteilt werden, wenn sie stark auftreten, weil sie dann angeblich zu laut, zu bossy oder zu emotional sind.
Und ducken sich instinktiv weg.
Dagegen kann man sich wappnen, indem ich mich im Inneren stabilisiere. Kein Mensch muss immer laut und hörbar sein, das wäre Quatsch. Doch wenn es um ein wichtiges Projekt geht, sollte ich in der Lage sein, mich hörbar zu machen.
Wie stelle ich das an, wenn ich in einer Gesprächsrunde mit dem Chef zu Wort kommen möchte?
Auch hier hilft häufig schon die Körpersprache, um zu zeigen, ich bin präsent und möchte etwas beitragen. Ein kleines, gesummtes „Mmh“ oder ein hörbares Einatmen können außerdem signalisieren, dass ich gleich etwas sagen will. Komme ich aber so gar nicht zum Zug, kann es auch notwendig werden, zu unterbrechen, etwa mit der Ansage: „Hier muss ich mal einhaken“. Allzu lange höflich zu warten, hilft auch nicht.
Wie kann ich mich auf ein wichtiges Meeting stimmlich vorbereiten?
Es ist wahnsinnig wichtig, eigene Forderungen, Wünsche, Pläne oder auch kritische Sachverhalte vor dem Meeting einige Male auszusprechen. Das kann für mich alleine, gegenüber einem anderen Menschen, meinem Hund oder auch als Sprachmemo passieren. Habe ich etwas schon öfter laut gesagt, kommen die Wörter im entscheidenden Moment viel leichter über die Lippen.
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Viele Menschen zucken zusammen, wenn sie ihre Stimme hören.
Ja, die eigene Stimme zu hören, ist für viele sehr fremd. Da gibt es viele taube Flecken. Viele Menschen haben kein gutes Verhältnis zur eigenen Stimme und mögen sie nicht besonders. Das gilt es, zu ändern.
Wie kann man das ändern?
Wir brauchen alle die Bereitschaft, die eigene Stimme kennen- und mögen zu lernen. Das gelingt am besten, wenn wir uns regelmäßig aufnehmen und genauer einschätzen. Die eigene Stimme ist ein wertvoller Schatz, ein Instrument, das uns dauernd zur Verfügung steht. Es lohnt sich sehr, dieses kennenzulernen.
Wie unterscheidet sich die eigene Wahrnehmung unserer Stimme im Vergleich zur Fremdwahrnehmung?
Wir hören uns selbst über das Innenohr sehr viel voluminöser und gegebenenfalls auch lauter. Leisere Menschen glauben daher oft, dass sie schon fast brüllen, wenn sie gerade mal so laut sprechen, dass man sie gut hören kann. Deshalb ist es wichtig, die Selbst- mit der Fremdwahrnehmung abzugleichen, zum Beispiel über eine Audioaufnahme, ein Video oder per Feedback in der Gruppe.
Was sagen Sie jemandem, der meint: Ich will mit meiner Kompetenz überzeugen, ich brauche mich nicht so inszenieren?
Provokant gesagt: Ginge es nur um Fakten, kann ich auch ein Buch lesen. Redner und Rednerinnen fesseln ihre Zuhörerschaft, wenn sie Bilder im Kopf kreieren, emotional eine Verbindung herstellen, sich authentisch und individuell präsentieren. Eine Anekdote, ein gelungener Scherz vom Grillfest oder meine Tonalität, wenn ich abends dem Kind vorlese – all das kann mir auch im Meeting mehr Aufmerksamkeit verschaffen, weil die Leute mir gern zuhören. Und je besser ich mir selbst im Alltag zuhöre und meine Stimme kennenlerne, desto besser kann ich meine vielen verschiedenen stimmlichen Facetten gekonnt einsetzen.
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