Fachkräftemangel: „Handwerker bauen sich Häuser im Wert von 400.000 Euro“
Für Deutschlands Bau-Boom fehlen Handwerker. Bundesweit gibt es in Handwerksberufen eine Lücke von 113.000 Fachkräften, zeigen Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) von Herbst 2024.
Zu den sogenannten Engpassberufen zählt auch der des Maurers: Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts waren 30 Prozent aller Maurerinnen und Maurer im Jahr 2023 mindestens 55 Jahre alt. Jetzt fordert Handwerkspräsident Jörg Dittrich, die sozialen Sicherungssysteme Deutschlands zu reformieren. „Eine immer kleinere Gruppe der Jüngeren kann nicht alleine dafür geradestehen, dass es zu wenig Kinder gab und nun zu viele Rentner.“ Deswegen gehöre unter anderem die abschlagsfreie Rente mit 63 auf den Prüfstand. Und das Bürgergeld. Er sagte weiter: „Es gibt zu viele Menschen, die den Eindruck haben, dass man wählen und sich aussuchen kann: arbeiten gehen oder Bürgergeld beziehen, je nachdem, was mehr bringt.“ Das sorge bei vielen schwer arbeitenden Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern im Handwerk für Unmut und untergrabe das Prinzip der Eigenverantwortung.
Bauunternehmer Gerrit Terfehr spricht im Interview über den Personalmangel und Privilegien, die ältere Handwerkerinnen und Handwerker in seiner Firma bekommen – und räumt mit einem Vorurteil auf.
WirtschaftsWoche: Herr Terfehr, Sie sind Chef eines Bauunternehmens. Wie viele Maurer würden Sie gerne direkt einstellen?
Gerrit Terfehr: Um den aktuellen Auftragsbestand abzudecken, könnte ich sechs Maurer einstellen. Wir befinden uns gerade als Branche in einer besonderen Phase. Der Bedarf an Wohnraum ist riesengroß, aber die Rahmenbedingungen sind schwierig, die Nachfrage gesunken. Würden die Rahmenbedingungen stimmen, könnte ich 15 Leute einstellen. Aber gerade ist die Stimmung sehr gedämpft.
Wie schlägt die schwächelnde Baukonjunktur bei Ihnen durch?
Wir verzeichnen in den letzten ein, zwei Jahren sinkende Aufträge und Fertigstellungen. Und das führt insgesamt dazu, dass auch weniger Personen die Berufsausbildung abschließen. Das ist nicht gut – die Abschlüsse müssten steigen, um dem Bedarf gerecht zu werden. Die negativen Marktaussichten aktuell im Baugewerbe haben Einfluss auf viele Jugendliche. Aber die Arbeit ist trotz sinkender Auftragsbestände da. Und die Babyboomer verabschieden sich langsam in Richtung Rente.
Was tun Sie, damit Sie trotz der drohenden Überalterung genug Personal für die Aufträge haben?
Wir setzen auf Ausbildung. Wir haben im Betrieb immer mindestens 20 Auszubildende in allen möglichen Handwerksberufen. Das war schon immer unser Erfolgsgarant. Denn man kann Maurer kaum aus anderen Betrieben loseisen. Handwerker sind ein sehr loyales Volk. Wenn die sich in einem Betrieb wohlfühlen, dann bleiben sie dort. Das ist einer der vielen positiven Werte, die das Handwerk vertritt.
Dann hilft es nicht, mit Wechselprämien zu werben, wie es in anderen vom Personalmangel betroffenen Branchen üblich ist?
Nein, es wird nicht aktiv abgeworben. Ich würde behaupten, dass das wenig Erfolg hätte. Selbst in Phasen, wo in einem kleinen Handwerksbetrieb mal der Lohn verzögert gezahlt wird, bleiben die Mitarbeiter dort. Die Jungs sind leidensfähig. Bevor die weggehen, muss einiges passieren. Daher ist es so wichtig, Mitarbeiter früh in den Betrieb zu holen und sie dann zu binden.
Daher Ihr großer Fokus auf die Ausbildung?
Ja, wir fangen sogar noch früher an, gehen in Schulen, machen dort Projekte mit Jugendlichen. Wir waren sogar schon im Kindergarten und haben mit den Kids ein Holzhaus gebaut. Aus unseren Projekten mit der lokalen Schule haben wir schon viele Azubis gewonnen.
Versuchen Sie auch, ausländische Fachkräfte zu gewinnen?
Das Ausland spielt auch eine wichtige Rolle. Das Baugewerbe integriert seit Jahrzehnten ausländische Fachkräfte. Sie gehören auf den Baustellen einfach dazu. Wenn wir keine ausländischen Mitarbeiter hätten, wüssten wir Dorfidioten – ich sag das jetzt sehr überspitzt – nicht mal, dass es einen Ramadan gibt. Die Baubranche beschäftigt viele Kollegen vom Balkan und auch viele Geflüchtete.
Viele Handwerksbetriebe versuchen mithilfe einer Vier-Tage-Woche noch attraktiver für Personal zu sein. Sie auch?
Wir bieten die Vier-Tage-Woche denjenigen an, die älter als 60 sind. Für alle haben wir es nicht umgesetzt, das könnten wir auch nicht stemmen. Und die Ü60-Kollegen, die das nutzen, arbeiten auch wirklich reduziert. Glücklicherweise sind wir ein relativ junges Team.
Der Job ist körperlich anstrengend. Wie ist das für die Älteren im Team – geht Vollzeit überhaupt?
Ja, das geht. Aber vier Tage ist für sie besser. Und wir wollen sie ja möglichst lange im Job halten. Unsere drei Kollegen über 60 haben kein Interesse daran, in Rente zu gehen. Die wollen weiter Häuser bauen. Ihre Arbeit ist sehr wertschöpfend, sinnstiftend. Sie sagen: Ich kann mich drei Tage erholen – so ist es gut. Die machen dann auch nicht großartig woanders etwas, sondern ruhen sich wirklich aus. Sie sind mit 60 meist finanziell abgesichert und brauchen den fünften Werktag nicht mehr.
Sie spielen auf ein Vorurteil an: Der freie Freitag wird genutzt, um weiter auf Baustellen zu arbeiten und sich so etwas dazuzuverdienen.
Das wird so oft kolportiert. Aber das ist nicht meine Erfahrung. Die Kollegen schätzen ihre Freizeit sehr. Wenn sich jemand am Ende der Karriere verdient hat, einen Gang nach unten zu schalten, dann sind es doch Handwerker. Die Aussicht, später auch in eine Vier-Tage-Woche wechseln zu können, motiviert auch Jüngere.
Was verdienen Maurer?
Auf dem Bau gibt es meist Stundenlöhne. Es gilt der Tarifvertrag. Ein Berufsanfänger bekommt etwa 20 Euro pro Stunde, ein Vorarbeiter erhält etwa 27 Euro. Das kommt aber natürlich stark auf den Bereich an und auf die Region. Aber als junger Maurer kann man heute schon 3500 Euro brutto verdienen und dann schnell mehr Verantwortung übernehmen – und so auf ein Gehalt bis zu 5000 Euro kommen. Das ist ein richtig guter Verdienst.
Müssen Sie wegen des Personalmangels Aufträge ablehnen?
Wir können derzeit alles bewältigen. Das würden aktuell andere Betriebe sicher nicht so beschreiben. Viele sind nicht ausgelastet und bauen sogar Kapazitäten ab – die brauchen wir künftig aber eigentlich dringend.
Was beobachten Sie in der Branche?
Unsere Firma ist hauptsächlich im Privatkundenbereich tätig. Wir machen öffentliche Ausschreibungen nur ab und zu mit, um zu schauen, wo der Preis steht. Und da sehen wir eine wahnsinnig hohe Anzahl an Anbietern – das ist ein Anzeichen dafür, dass wenig zu tun ist. Und die Preisdumpings der abgebenden Firmen sind enorm. Es gibt Preisdifferenzen von 20 bis 30 Prozent.
Bekommen Handwerker genug Wertschätzung?
Ich denke, mittlerweile fühlt sich ein Maurer nicht mehr schlecht, wenn er seinen Beruf nennt. Die Verknappung an Handwerkern hilft, dass das Ansehen steigt. Aber die große Anerkennung fehlt nach wie vor. Das muss noch mehr in die Köpfe hinein – dass es ein hoher Wert ist, ein Handwerk zu erlernen und zu beherrschen. Bei uns auf dem Land baut jeder, der etwas auf dem Kasten hat, sein Eigenheim selbst. Das darf man nicht unterschätzen. Die bauen sich Häuser im Wert von 300.000 bis 400.000 Euro, und da steckt dann 150.000 Euro Lohnanteil drin. Wir helfen als Unternehmen dabei auch, leihen zum Beispiel Sachen aus.
Sie haben selbst eine Ausbildung zum Maurer absolviert, vor Ihrem Bauingenieurstudium. Wie blicken Sie auf die Zeit zurück?
Ich habe nach dem Abitur die Ausbildung gemacht und dabei ein ganz anderes Leben kennengelernt. Und ich war fit wie nie zuvor! Es war für mich damals das Beste, was mir passieren konnte, in so eine Baubude zu kommen. Da wird man direkt wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, jegliche Arroganz wird abrasiert. Ich habe auch im Studium davon sehr profitiert, gerade wenn es um Baustofflehre oder Statik ging – da ist man wirklich gut vorbereitet.
Hilft die Berufsausbildung jetzt noch im Alltag?
Ich habe in Hamburg als Bauleiter gearbeitet, auf der Baustelle hat man eine viel höhere Akzeptanz, wenn man selbst mit anpacken kann. Und ich weiß auch genau, was ich von meinem Team verlangen kann, wenn das Wetter schlecht ist beispielsweise.
Gibt es physische Voraussetzungen für den Job?
Nein, wirklich nicht. Es gibt auch keine Männerdomänen im Handwerk mehr – alles Schnee von gestern. Derzeit werden in meinem Betrieb vier junge Frauen ausgebildet.
Aber bei Wind und Wetter auf der Baustelle zu arbeiten, verlangt dennoch mehr ab, als im warmen Büro zu sitzen.
Wir machen im Hochsommer Betriebsurlaub. Unter den Hitzebedingungen, wie wir sie mittlerweile auch hierzulande haben, ist das Arbeiten unproduktiv. Und sonst gibt es ja seit Ewigkeiten das Schlechtwettergeld: Die Beiträge werden von Soka-Bau (Sozialkassen der Bauwirtschaft) eingezogen und an die Bundesagentur für Arbeit weitergeleitet, die das letztendlich regelt. Wir haben vernünftige Kleidung und beheizte Bauwagen. Klar gibt es Tage, an denen die Finger frieren oder an denen es nass ist. Aber wir haben auch Zeitwertkonten und wenn es wettermäßig nicht geht, gleicht sich das darüber aus. Da gibt es also gute Instrumente.
Hinweis: Dieses Interview wurde im März 2025 erstmals veröffentlicht. Wir haben es aktualisiert und zeigen es aufgrund des großen Interesses erneut.
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