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Große Einkommensunterschiede Richtig viel Geld verdienen in Deutschland (fast) nur Selbstständige

Besser nicht angestellt: Wer in Deutschland mehr als eine Million Euro im Jahr verdient, arbeitet in der Regel selbstständig. Quelle: Getty Images

Die aktuelle Einkommensstatistik belegt, wie ungleich die Einkommen in Deutschland verteilt sind – und welche Jobs sich jenseits der klassischen Top-Branchen wirklich lohnen.

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Auf den ersten Blick sehen die Zahlen aus wie Schnee von vorgestern. Die aktuelle „Lohn- und Einkommensstatistik“ des Bundesamts für Statistik (Destatis) operiert mit mindestens vier Jahre alten Zahlen. Doch die haben dennoch hohe Brisanz. Denn anders als die regelmäßig über Umfragen erzielten Gehaltsvergleiche fließen hier die Werte von Millionen echten Steuererklärungen ein. Deshalb dauert es bis zur Veröffentlichung so lange – und deshalb sind die Zahlen auch so relevant. Gerade ist nun die aktuellste Version der Statistik erschienen mit Daten von 2015.

Besonders aufschlussreich sind dabei die Daten über die Einkünfte der Freiberufler im Lande. Denn die sind, anders als die Angestellten, die dort nur nach Gehaltsgruppen sortiert auftauchen, in der Statistik mitsamt ihrer Berufsbezeichnung aufgelistet.

Und so zeigt die Statistik zunächst einmal auf, wie groß die Einkommensspreizung zwischen Freiberuflern im Lande ist. So erzielen freiberufliche Lehrkräfte im Bereich Kultur und Sport nur ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 9960 Euro – so wenig, dass man diesen Beruf offensichtlich nur nebenbei ausüben kann. Aber selbst freiberufliche Kinderbetreuer, also vor allem Tagesmütter (und ein paar Tagesväter), kommen demnach nur auf ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 13.300 Euro. Pro Monat sind das gerade einmal 1100 Euro.

Wie gering dieses Einkommen tatsächlich ist, wird erst deutlich, wenn man es mit dem anderen Ende der Gehaltstabelle vergleicht: Notaren, den von jeher bestbezahlten Freiberuflern der Republik. Im Durchschnitt kommen sie auf ein Jahreinkommen von 356.000 Euro. Oder anders ausgedrückt: auf 37,4 Jahresgehälter eines Kinderpflegers. Des einen Lebenseinkommen ist des anderen Jahresverdienst. Notare, die einzig diesen Beruf ausüben, kommen sogar auf ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 475.000 Euro. Bei Kinderpflegern ist der Durchschnittsverdienst unter denjenigen, die überwiegend diesen Beruf ausüben, hingegen mit 14.640 Euro nur unwesentlich höher.

Wie exorbitant viel Notare in Deutschland verdienen, belegt der Vergleich mit dem allgemeinen Durchschnitt. So geben nur 0,2 Prozent aller Steuerpflichtigen im Land ein Jahreseinkommen von mehr als 375.000 Euro an. Der Durchschnitt der 1700 hauptberuflichen Notare im Lande gehört somit zu den bestverdienenden 100.000 Personen im Land.

In der erweiterten Spitzengruppe finden sich zunächst die üblichen Verdächtigen: So geht es auch der Gruppe der Patentanwälte mit einem Jahresverdienst von durchschnittlich 167.000 Euro vorzüglich, auch Zahnärzte (160.000 Euro) und praktische Ärzte (130.000 Euro) kommen auf deutlich sechsstellige Jahresgehälter. Deutlich überraschender ist da schon die fünfte Gruppe der echten Großverdiener: freiberufliche Lotsen. Mit durchschnittlich 148.000 Euro im Jahr erzielen die einzigen Nicht-Akademiker unter den Top-Verdienern ein deutlich höheres Jahreseinkommen als praktische Ärzte.

Groß ist die Spreizung der Gehälter zum Teil auch innerhalb der Berufsgruppen, so etwa bei den Juristen. So verdienen die Anwälte ohne Notariat zwar durchschnittlich 72.200, also fast doppelt so viel wie der Gesamtdurchschnitt der Freiberufler (38.700 Euro). Im Vergleich zu Notaren oder den Fachexperten für Patentrecht fallen sie dennoch deutlich ab. Eher weniger als mithin angenommen verdienen zudem Wirtschaftsprüfer (84.000 Euro). Erstaunlich ist in dieser Berufsgruppe zudem, dass die formell geringer qualifizierten Steuerberater (88.000 Euro) mehr verdienen als die Wirtschaftsprüfer. Das könnte sich damit erklären lassen, dass letztere zumeist bei großen Gesellschaften beschäftigt sind und sich deshalb in die eher starren Gehaltsstrukturen dort einsortieren. Steuerberater unterhalten derweil häufiger eigene Kanzleien, entsprechend größer dürfte hier je nach Markterfolg die Streuung der Gehälter sein, mit offenbar vielen Ausreißern nach oben.

Genau umgekehrt scheint die Verteilung der Gehälter bei den Unternehmensberatern zu sein. So erzielen frei Unternehmensberater nur ein durchschnittliches Jahreseinkommen von gut 41.000 Euro. Ihre festangestellte Beraterkollegen werden zwar (anders als in der Gruppe der Anwälte und Wirtschaftsprüfer) nicht von der Statistik erfasst, allein von dem, was über die Einstiegsgehälter dort bekannt ist, darf man aber davon ausgehen, dass die Gehälter hier deutlich höher liegen. Groß ist auch die Gehaltsspanne bei den nicht-ärztlichen Heilberufen und im Bauwesen. So kommen Psychotherapeuten (38.800 Euro) auf ein mehr als doppelt so hohes Einkommen wie Heilpraktiker (15.900 Euro). Ähnlich ist die Spanne zwischen Architekten (45.000 Euro) und Vermessungsingenieuren (70.000 Euro).

Ein bitteres Schicksal teilen derweil die hauptberuflichen Komponisten (Jahresverdienst: 29.300 Euro) mit den vereidigten Buchprüfern (79.600 Euro): Trotz Konjunkturboom sind ihre Gehälter im Vergleich zum Vorjahr sogar gesunken.

Insgesamt zeigt die Statistik somit zwar, dass es unter den Freiberuflern viele durchaus prekäre Existenzen gibt. Zugleich offenbart sie aber, dass die wirklich hohen Verdienste fast nur mit selbstständiger Arbeit möglich sind. So gab es 2015 insgesamt knapp 128.000 Menschen, die beim Finanzamt zu versteuernde Einkünfte von mehr als 375.000 Euro angaben. Darunter waren lediglich 31.000 abhängig Beschäftigte. Noch deutlicher ist der Unterschied im Bereich jenseits von einer Million. Ein siebenstelliges Jahreseinkommen erzielen in Deutschland insgesamt 21.175 Menschen, darunter sind nur 3629 Angestellte (17 Prozent).

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