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Hybrides Arbeiten „Was sind das so für Typen?“: Wie Neueinstieg ohne Sozialkontakt gelingt

Jene, die rein digital in den Job starten müssen, drohen in der neuen hybriden Arbeitswelt auf der Strecke zu bleiben. Denn ihnen geht viel Zwischenmenschlichkeit verloren. Quelle: imago images

Wer digital in den Job einsteigt, dem fehlt oft der informelle Umgang und das Feingefühl für die Kollegen. Was Führungskräfte tun können, um den Anfang zu erleichtern.

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Der erste Arbeitstag, ein Treffen an der Kaffeemaschine, der Kollege fragt „na, bist du nicht der Neue?“. Ein Handschlag, ein kurzes Vorstellen und im besten Falle eine neue Freundschaft – so entstanden persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz noch vor Corona.

Doch diese Welt gibt es nicht mehr, denn das Arbeiten von daheim wird auch nach der Pandemie zum neuen Normalzustand dazugehören. Wenn die Kaffeemaschine am Arbeitsplatz plötzlich in der eigenen Küche steht, bleibt persönliches Kennenlernen vielfach aus – und das hat vor allem für Neueinsteiger Konsequenzen.

Jene, die rein digital in den Job starten müssen, drohen in der neuen hybriden Arbeitswelt auf der Strecke zu bleiben. Denn ihnen geht viel Zwischenmenschlichkeit verloren – ein scheinbar banales Gut, das aber über Erfolg oder Misserfolg im Job entscheiden kann. Wer sich nicht zugehörig fühlt, die Kollegen nicht einschätzen kann und auch selbst als reine Bildschirmpersönlichkeit wahrgenommen wird, dem fehlt die Bindung an den Arbeitsplatz verloren.

Die Zeit, in der sich Mitarbeiter jeden Tag im Büro begegneten und so fast schon gezwungenermaßen persönlichen Kontakt aufbauten, dürfte vorbei sein. Laut einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half unter 1500 Managern in fünf Ländern, darunter Deutschland, sehen 86 Prozent der befragten Führungskräfte hybride Arbeit – also den Wechsel zwischen Anwesenheit und Heimarbeit - schon jetzt als „festen Bestandteil der Arbeitswelt“.

Unter der zunehmenden räumlichen Distanz leiden vor allem die Nachwuchskräfte, wie eine Studie von Microsoft gemeinsam mit den Karrierenetzwerk Linkedin nahelegt. „Für Menschen, die ihre Karriere gerade beginnen, ist es sehr schwierig, ihren Platz im Unternehmen zu finden“, heißt es. Auch die Motivation der jüngeren Generationen leidet laut der Microsoft Studie überdurchschnittlich stark im Vergleich zu älteren Kollegen, die schon länger dabei sind und schon persönliche Beziehungen und Netzwerke aufgebaut haben.

Das kann nicht nur für die Neueinsteiger, sondern auch für die Unternehmen negative Konsequenzen haben. Ein fehlendes Bindungsgefühl könne „im Einzelfall sogar zur Kündigung nach wenigen Wochen führen“, schreibt das Beraternetzwerk Shift Collective zum hybriden Jobeinstieg. Die gerade eingestellten Nachwuchskräfte weg – der Grund das fehlende soziale Gefüge.

Fremdkörper in der Arbeitswelt

Eric Sander weiß, wie schwierig die erste Zeit im Job sein kann, wenn die Gesichter der Kollegen nur Kacheln auf einem Bildschirm sind. Der 29-Jährige begann im Oktober 2020 bei der grünen Ratsfraktion in Duisburg zu arbeiten – doch vielen derer, mit denen er innerhalb der Fraktion Diskussionen führen und Meinung austauschen muss, ist er persönlich noch nie begegnet. „Das kleine Team in der Geschäftsstelle habe ich zum Glück noch persönlich kennengerlernt“, sagt Sander.

Doch die erweiterte Mannschaft, Sander schätzt so um die 80 Leute, bleiben für ihn erstmal nur Figuren einer Videokonferenz. Er könne oft nur schwer abschätzen, wie er mit den Kollegen kommunizieren könnte, was das „so für Typen seien“, sagt Sander. Gerade am Anfang habe er sich deshalb nur wenig zu Wort gemeldet. Auch er selbst sei für viele Kollegen vielfach noch ein Fremdkörper im Mikrokosmos Arbeitswelt: „Ich habe das Gefühl, dass mich andere nicht einordnen können“. Für ihn ist klar, dass die erste Zeit im Job, das Kennenlernen und Beschnuppern, persönlich stattfinden müsse. „Wenn es irgendwie geht, sollte man das in Person machen“, sagt Sander.



Dass Berufseinsteiger oder Auszubildende langfristig im Betrieb auf der Strecke bleiben könnten, davor warnt auch die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Auch sie rät dazu, in den Anfangsmonaten möglichst viel persönlichen Kontakt zum Betrieb und Kollegen herzustellen. „Die aktuell besondere Lern- und Lehrsituation darf nicht dazu führen, dass eine Generation Corona im Betrieb entsteht“, warnt der DGB. Sonst könnten „Azubis zweiter Klasse“ entstehen.

Großbaustelle Netzwerken

Doch an die Frage des Erstkontaktes am Arbeitsplatz schließt sich eine zweite an: wie kann es gelingen, sich in der hybriden Arbeitswelt erfolgreich ein Netzwerk aufzubauen? Berufseinsteiger Sander berichtete, dass ihm vor allem die informellen Zusammenkünfte fehlen – der Kaffee in der Mittagspause oder das Bier nach Feierabend. Die Momente eben, in denen sich stabile Beziehungen und Netzwerke ausbilden.

„Ohne Flurgespräche, zufällig Begegnungen und Smalltalk bei einem Kaffee ist es schwierig, sich mit dem Team verbunden zu fühlen – geschweige denn bedeutsame Beziehungen im Unternehmen aufzubauen“, schreibt Hannah McConnaughey, die als Marketing Managerin bei Microsoft an der Studie zum hybriden Arbeiten beteiligt war. Wichtig sei dann, auch selbst aktiv auf Kollegen zuzugehen, nach Hilfe oder persönlichem Austausch zu fragen.

Mentoren und Pulsberichte

Teils können informelle Treffen auch digital abgehalten werden, zumindest wenn schon eine gewisse Vertrauensbasis unter den Teilnehmern herrscht. Eine online-Konferenz bei der explizit nicht über Arbeitsthemen gesprochen wird, kann dabei helfen, sich auch auf einer persönlichen Ebene besser kennenzulernen. „Wir haben Check-in Runden abgehalten, um zu fragen, wie es den Leuten geht“, erzählt etwa Eric Sander. Auch die Berater der Shift Initiative kommen zu dem Schluss, dass informelle Treffen, zur Not auch über digitale Kanäle, unerlässlich sind: „Zusammenhalt und gesunde Motivation kommt durch persönliche Beziehung, nicht durch rationale Transaktionen.“



Außerdem kann eine konkrete Person als Ansprechpartner am Arbeitsplatz einen direkten Bezugspunkt und eine Anlaufstelle bei Unklarheiten bieten. Der Bericht der Shift Initiative rät deshalb zu einem „Onboarding-Buddy“, also einer Art Mentorenfigur für neue Mitarbeiter.

Eine andere Technik, die vor allem in den USA schon genutzt wird, um das Wohlbefinden der Mitarbeiter regelmäßig zu überprüfen, sind sogenannte „Pulsberichte“. Dabei handelt es sich um kurze Umfragen zur Zufriedenheit, Kommunikation oder den Beziehungen am Arbeitsplatz. So können Führungskräfte das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter etwa im Wochen- oder Monatsrhythmus überprüfen, Trends und Dynamiken rechtzeitig erkennen und zur Not gegensteuern.

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Dass solche Techniken den persönlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen können, darin sind sich Experten einig. Aber vielleicht findet sich ja auch in der neuen hybriden Arbeitswelt ab und an mal die Zeit für den schnellen Schnack an der Kaffeemaschine.

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