Teilzeitbeschäftigung: Spart euch die Moralappelle!

Es hat sich eine neue Riege von (Arbeits-)Kulturkritikern gebildet, die in regelmäßigen Abständen an die (Arbeits-)Moral der Deutschen appellieren.
Foto: dpaWir müssen uns von der Teilzeitkultur lösen. Das hat die Personalchefin der Commerzbank, Sabine Mlnarsky, auf LinkedIn geschrieben. „30 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit – das ist einfach zu viel“, schob Mlnarsky nach – und sorgte damit für eine Debatte, die durch das Bekanntwerden von interner Kritik nun richtig Fahrt aufgenommen hat.
Dabei befindet sich Mlnarsky mit ihren Aussagen in bester Gesellschaft: Es hat sich eine neue Riege von (Arbeits-)Kulturkritikern gebildet, die in regelmäßigen Abständen an die (Arbeits-)Moral der Deutschen appellieren. Darunter zum Beispiel Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, der im vergangenen Jahr „mehr Bock auf Arbeit“ forderte. Oder Anna Maria Braun, Chefin des Medizintechnikunternehmens B. Braun., die meint: „Jetzt ist nicht die Zeit, weniger zu arbeiten.“ Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärte den Beschäftigten kürzlich: „Es ist nicht schlimm zu arbeiten.“
Dabei verkennt ausgerechnet diese Riege die ökonomischen Grundprinzipien: Bei der Entscheidung, mehr zu arbeiten oder nicht, verhalten sich Menschen – ausnahmsweise – durchaus rational. Sie maximieren ihren Nutzen und reagieren auf Anreize. Sie fragen sich: Wie viel bringt es mir – und was muss ich dafür aufgeben?
Wer sollte da Bock haben?
Schon im ersten Teil der Gleichung beginnen die Probleme: Denn oft bringt es zu wenig, mehr zu arbeiten. Das liegt zum Teil an den Gehältern – Beschäftigte sehen höhere Löhne als beste Maßnahme gegen den Personalmangel, zeigte eine repräsentative Umfrage im vergangenen Jahr – und zum Teil an den steuerlichen (Fehl-)anreizen. Insbesondere bei verheirateten Teilzeitbeschäftigten bleibt netto nur wenig übrig vom höheren Verdienst. An der generellen Leistungsbereitschaft liegt es nicht.
Hinzukommt: Nicht einmal die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer ist zufrieden. Das zeigte kürzlich eine große Befragung des Analyseunternehmens Gallup. Auch große Teile der Führungskräfte sind offenbar ziemlich desillusioniert. 36 Prozent von ihnen stimmen der erschreckenden Aussage zu: „Ob ich da bin oder nicht, macht bei der Arbeit sowieso wenig Unterschied.“
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Wer sollte da Bock auf Arbeit haben? Zumal im zweiten Teil der Gleichung oft gewichtige Gründe gegen eine Ausdehnung der Arbeitszeit zu Buche schlagen: Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Ehrenämter – meist unbezahlt, aber trotzdem wertvoll.
Und ja, manchmal ist es auch einfach der Wunsch nach Freizeit, der Beschäftigte in der Teilzeit hält. Auch das ist eine rationale Entscheidung, die durchaus anders ausfallen könnte, wenn sich die Arbeit finanziell und persönlich stärker auszahlen würde.
Was in den Überlegungen einzelner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sicher keine Rolle spielt, ist der gesellschaftliche Wohlstand oder die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Also, liebe Moralapostel: Wenn ihr wollt, dass mehr gearbeitet wird, dann schafft bessere Bedingungen, zahlt höhere Löhne und motiviert die Beschäftigten – nicht mit Appellen über LinkedIn, sondern im Büro.
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