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Tipps von einer Pokerspielerin So treffen Sie bessere Entscheidungen

Wer keine Glaskugel zur Hand hat, braucht andere Hilfsmittel, um bessere Entscheidungen zu treffen - zum Beispiel die Ratschläge von Annie Duke.  Quelle: dpa

Die Pokerspielerin und Psychologin Annie Duke hilft Menschen, bessere Entscheidungen zu treffen. In ihrem neuen Buch erklärt sie, warum Schnellschüsse nicht schaden müssen und wie nützlich negative Gedanken sein können.

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Jedes neue Jahr wirft neue Fragen auf, vom Trivialen bis zum Grundsätzlichen, von „Soll ich öfter ins Fitnessstudio gehen?“ bis „Soll ich meinen Job kündigen?“. Und jeder Mensch entscheidet darüber auf eine andere Art und Weise. Es gibt diejenigen, die stets nach ihrem Bauchgefühl gehen. Andere schreiben seitenlange Pro-Contra-Listen. Und manch einer sieht sich derart überwältigt angesichts der vielen Optionen, dass er einfach den Zufall entscheiden lässt. Fragt man Annie Duke, ist nichts davon optimal. 

Am Pokertisch hätte die frühere Profi-Spielerin derart unüberlegten Entscheidern das Geld aus der Tasche gezogen – heute verkauft sie ihnen immerhin ihren Rat bei der Entscheidungsfindung. Duke schulte nach ihrer Pokerkarriere zur gefragten Beraterin und Buchautorin um. In ihrem aktuellen Werk „How to decide“ schreibt sie: „Der einzige Weg, seine Lebensqualität zu erhöhen, ist seine Entscheidungsprozesse zu verbessern.“ Das ideale Werkzeug, um stetig gute Entscheidungen zu treffen, wäre eine Kristallkugel, schreibt Duke. Da solche magischen Hilfsmittel aber nur im Märchen funktionieren, gibt sie in ihrem Buch Tipps, wie man ganz real und zuverlässig bessere Entscheidungen treffen kann. Eine Auswahl der vielversprechendsten.

Gutes Resultat heißt nicht gute Entscheidung

Man wählt eine Aktie, weil man das Produkt liebt – und man macht schnelle Rendite. Man beginnt ein Studium an einer bestimmten Universität, weil man dort schon Freunde hat – und daraus entsteht eine erfüllende wissenschaftliche Karriere. In beiden Fällen haben die Entscheidungen ein positives Ergebnis. Viele Menschen würden deshalb dazu neigen, auch die Entscheidung gut zu nennen. Annie Duke sieht das anders. Eine Investition nur auf einer einzigen Beobachtung, nämlich der eigenen Erfahrung, zu tätigen, ist höchst riskant. Bei der Wahl der Hochschule Faktoren wie die dortigen Fächer und die Qualität der Lehre zu unterschlagen, ist mindestens fahrlässig.

Dabei gibt es viele Möglichkeiten, wie sich eine Situation entwickeln kann. Die Aktie kann prompt fallen, das Studium über- oder unterfordern. Duke plädiert deshalb dafür, die Entscheidungsqualität nicht von der Ergebnisqualität abhängig zu machen. Denn auch schlechte Entscheidungen können gute Ergebnisse zeitigen – und gute Entscheidungen negative Folgen haben. Bei grün über die Ampel zu fahren ist eine gute Entscheidung. Ein Unfall kann trotzdem passieren. Bei der Analyse vergangener Beschlüsse, sollte man deshalb auch den Zufall nicht außer acht lassen. Es sei leichter, so Duke, den Zufall bei schlechten Ergebnissen zu beschuldigen, als ihm bei guten Ergebnissen Anerkennung zu zollen. Wem aber die Trennung von Entscheidung und Ergebnis gelinge, finde eher heraus, welche Entscheidungen man noch mal genauso treffen sollte – und welche nicht.

Von der Vergangenheit lernen – aber richtig

Fast jeder kennt diesen Gedanken: „Ich wusste, dass das schief gehen wird.“ Fraglich ist dabei stets, warum ihn hellsichtige Beobachter nicht rechtzeitig als Warnung ausgesprochen haben. Dieses Hinterher-ist-man-immer-schlauer-Gefühl nennen Psychologen „hindsight bias“ – im Rückspiegel sehen die Dinge immer anders aus. 

Während man über der Wahl aus einer Vielzahl von Optionen grübelt, weiß man natürlich nicht, welche genauen Konsequenzen sie haben werden – sonst könnte man sich das Grübeln sparen. Wenn die Folgen nach der Entscheidung klar werden, neigt das Gedächtnis aber dazu, zu vermischen, was man vorher wusste und was nicht. Das erschwert es, die Qualität der Wahl tatsächlich zu bewerten. Annie Duke empfiehlt daher, zu rekonstruieren, welche Informationen man zur Zeit der Entscheidung wirklich hatte: Wann wusste man was? Wann fiel welche Entscheidung? Was wusste man danach? Diese Aufzeichnung könne man auch schon während der Entscheidung beginnen.

Die Kraft des negativen Denkens

Große Teile der Entscheidungshilfe-Literatur setzt auf das Prinzip positiver Gedanken: Man müsse sich nur vorstellen, dass etwas gelingt, dann trete das gewünschte Ereignis auch ein. Annie Duke setzt diesem Wunschdenken eine Portion Realismus entgegen: Sie rät, auch die negativen Seiten einer Entscheidung zu bedenken. Nicht, um das Scheitern zu beschwören. Sondern um sich vorzustellen, was passieren müsste, damit ein Traum platzt. Um für eben diese Eventualitäten zu planen.

Als Beleg zitiert sie die Forschung von Gabriele Oettingen von der New York University: In einer ihrer Studien legte die Psychologin Menschen, die abnehmen wollten, nahe, sich regelmäßig vorzustellen, wie ihr Vorhaben scheitern könnte. Das Ergebnis: Die negativ Denkenden nahmen mehr ab, als diejenigen, die sich nur ihren Triumph vorstellen. Für Entscheidungen gelte das auch, schreibt Duke: Wer sich vorstellt, wo Pech zuschlagen könnte, ist davon weniger überrascht und kann einen Plan entwickeln, damit umzugehen.

Dieses Instrument kann man auch nach einer Entscheidung einsetzen, um deren Qualität zu beurteilen. Das hilft nachzuvollziehen, an welcher Stelle des Entscheidungsprozesses welcher Faktor mitgespielt hat, um den aktuellen Zustand herbeizuführen. So erkennt man, wie viel Glück man hatte, und schafft es, das Gefühl der Unvermeidlichkeit abzulegen, das bei einmal gefällten Entscheidungen leicht entsteht. Hat man ein positives Ergebnis einmal verbucht, schmälert dieses Gedankenspiel den Erfolg nicht – aber es steigert den Erkenntnisgewinn. 

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