Die Höhle der Löwen: „Wir entlasten Chirurgen zu einem Zehntel der Kosten eines OP-Roboters“
Prof. Dr. Bernhard Krämer, Claudia Sodah (M.) und Sabrina Hellstern präsentieren bei der Höhle der Löwen mit „noac“ einen Exoskelett-Roboter zur Entlastung von Chirurgen während der OP
Foto: RTL / Bernd-Michael MaurerChirurgen stehen stundenlang vornübergebeugt am OP-Tisch und müssen freihändig operieren. Die auf Dauer ungesunde Körperhaltung kann Muskel- und Skeletterkrankungen verursachen. Entlastung verspricht Hellstern Medical: Das Start-up aus Wannweil bei Stuttgart hat eine Mischung aus Exoskelett und Roboter entwickelt. Das Noac (kurz für „No ache“ – kein Schmerz) getaufte Gerät soll Bewegungen des Operateurs unterstützten und so Ermüdung vorbeugen.
Bei „Die Höhle der Löwen“ erhofften sich die Gründerinnen Sabrina Hellstern und Claudia Sodha ein Investment von einer Million Euro – und wollten dafür fünf Prozent der Anteile abgeben. Von den Juroren – darunter Ralf Dümmel und Carsten Maschmeyer – gab es viel Lob für das Produkt, investiert hat aber niemand. Im Interview verraten die Gründerinnen, wie es für das Start-up seit der Sendungsaufzeichnung vor einem Jahr weiterging.
WirtschaftsWoche: Frau Hellstern, Frau Sodha, die „Löwen“ haben Ihre Firmenbewertung stark kritisiert. Haben Sie zu hoch gepokert?
Claudia Sodha: Die Bewertung war nicht aus der Luft gegriffen. Wir hatten kurz vor der Aufzeichnung eine Finanzierungsrunde, bei dem der Wert von unseren Investoren angesetzt worden war. Carsten Maschmeyer hat selbst gesagt, dass er in der Sendung noch kein Produkt mit einer so hohen Innovationsstufe gesehen hat. Das hat seinen Preis. Wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits drei Millionen Euro in die Entwicklung, Zulassung und Patentanmeldungen gesteckt.
Hat sich der Ausflug in die Sendung dann überhaupt gelohnt?
Sabrina Hellstern: Es hat durchaus Spaß gemacht, da mitzumachen. Und die positive Resonanz auf unser Produkt hat uns bestärkt. Uns war bewusst, dass bei der „Höhle der Löwen“ Produkte dominieren, die man schnell in den Supermarkt bringen kann. Das ist nicht unbedingt das richtige Format, um einen Investor für ein Medizinprodukte-Start-up zu finden.
Ihren „ExoRoboter“ verkaufen Sie seit September. In wie vielen Kliniken sind Sie damit inzwischen vertreten?
Sabrina Hellstern: Unser erster Kunde war die Universitätsfrauenklinik Tübingen. Aktuell läuft die Einführung an der Berliner Charité, ein konkretes Projekt läuft mit einer weiteren Klinik in Tübingen. Außerdem haben wir von rund 70 Krankenhäusern Anfragen für eine Produktvorstellung vor Ort. Im Bereich der Medizintechnik ist das schon ein riesiger Erfolg.
Mit welchen Argumenten können Sie chronisch unterfinanzierte Kliniken überzeugen, 100.000 Euro für Ihr Gerät auszugeben?
Sabrina Hellstern: Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels müssen Kliniken sich etwas einfallen lassen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es geht auch darum, Arbeitsausfälle zu vermeiden. Drei Viertel aller Chirurginnen und Chirurgen leiden unter Muskel- und Skeletterkrankungen durch die ungesunde Haltung am OP-Tisch. Viele nehmen Schmerzmittel. Und es geht auch um das Wohl der Patienten: Mit Noac können wir die Präzision und Leistungsfähigkeit der Operierenden erhalten und sogar steigern.
Es gibt doch bereits OP-Roboter, mit deren Hilfe Operateure im Sitzen arbeiten können?
Claudia Sodha: Klassische OP-Roboter kosten mehr als eine Million Euro. Wir entlasten Chirurgen zu einem Zehntel der Kosten eines OP-Roboters. Diese können zudem nur bei fünf Prozent aller Operationen überhaupt sinnvoll eingesetzt werden. Noac kann dagegen in 95 Prozent der OP-Settings genutzt werden.
Unternehmen wie Ottobock und German Bionic bieten leichtere Exoskelette zum Umschnallen an. Ist das nicht eine riesige Konkurrenz für Sie?
Sabrina Hellstern: Bei genauem Hinsehen sind herkömmliche Exoskelette für den Einsatz im OP nicht geeignet. Die sind für die Logistik oder Montage entwickelt worden. Ein Alleinstellungsmerkmal von Noac ist, dass Chirurgen auch in der nach vorne gebeugten Position entlastet werden, außerdem gibt es eine Seitabstützung für die Arme. Gleichzeitig ist das Gerät im „Schwebemodus“, den man mit dem Fuß aktivieren kann, hochdynamisch und intelligent: Der Operateur kann sich damit frei bewegen, Noac fühlt seine Bewegung und entlastet den Operateur.
Frau Hellstern, Sie haben vorher im Außendienst einer Medizintechnikfirma gearbeitet. Für die Gründung haben Sie Ihren Job geschmissen, das Auto verkauft und eine Hypothek aufs Haus aufgenommen. Was gab Ihnen die Zuversicht, ein neues Medizinprodukt entwickeln zu können?
Sabrina Hellstern: Chirurgen haben mir immer wieder signalisiert, dass sie sich nach einer körperlichen Entlastung sehen. Entwicklung und Produktion hat mich schon immer fasziniert. Unseren Erfolg macht aus, dass wir uns zur richtigen Zeit die nötige Expertise aneignen oder zu uns ins Team holen. Ich habe zum Beispiel nächtelang BWL gebüffelt, als es darum ging, einen Business-Plan aufzustellen.
Und dann haben Sie und Ihre fünf Mitgründer in der Garage die ersten Prototypen zusammengeschraubt?
Sabrina Hellstern: Im Keller. Wir sind bei null und ohne Masterplan gestartet. Wir haben uns Schritt für Schritt dem finalen Design angenähert – und alles erst einmal mit einfachen Mitteln getestet. Bei den ersten Prototypen haben wir die Seitenabstützung zum Beispiel noch mit dem Akkuschrauber verschoben und elektrische Rollladengurte genutzt.
Was war die größte Herausforderung?
Claudia Sodha: Wir haben lange daran getüftelt, wie man den Oberkörper am besten abstützt. Bewährt hat sich letztlich ein System mit Gurten, das man wie einen Rucksack anlegt. Ausgebremst wurden wir immer wieder durch Lieferschwierigkeiten von Komponentenherstellern – die Entwicklung fiel ja mitten in die Coronapandemie.
Sabrina Hellstern: Aus meiner Sicht die größte Hürde war der Zulassungsprozess nach der Medizingeräterichtlinie. Das hat etwa die Hälfte unseres Entwicklungsbudgets verschlungen. Und wir mussten unfassbar viele Dokumente erstellen.
Wo werden die Geräte jetzt gefertigt?
Sabrina Hellstern: Wir stellen Noac in Süddeutschland her, auch fast alle der 1500 Einzelteile beziehen wir von Lieferanten vor Ort. Uns sind kurze Wege wichtig. Das Jacket, also die Gurtweste, haben wir zum Beispiel zusammen mit dem Rucksackhersteller Deuter entwickelt.
In welche Richtung wollen Sie das Produkt weiterentwickeln?
Claudia Sodha: Wir wollen zum Beispiel Fußschalter, mit denen verschiedene Geräte gesteuert werden, ins Gerät integrieren. In OP-Sälen liegen viele Kabel auf dem Boden, die immer auch Stolperfallen sind. In Planung sind außerdem Cobots. Solche Roboterarme könnten zum Beispiel Instrumente und Kameras halten. Wir werden das Produkt deswegen auch in „RoboCockpit Noac“ umbenennen – es soll ein Cockpit für Operateure werden. Außerdem wollen wir Kliniken helfen, mit visuellen Sensoren Daten von Operationen zu erfassen – etwa dazu, welche Instrumente und welches Material eingesetzt wird.
Brauchen Sie auf dem Weg dahin weitere Investoren?
Sabrina Hellstern: Ja, wir starten gerade eine neue Finanzierungsrunde. Es dauert in der Medizintechnikbranche nun einmal oft länger, bis sich Unternehmen aus ihren Einnahmen finanzieren können. Mit dem frischen Kapital wollen wir vor allem auch den Vertrieb stärken. In Gründung ist gerade ein Tochterunternehmen in den USA.
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