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Die Höhle der Löwen „Wir lassen uns nicht als Werbeplattform missbrauchen!“

Nils Glagau (links) ist Inhaber und Geschäftsführer des Familienunternehmens Orthomol und seit 2019 Investor bei der Höhle der Löwen. Georg Kofler begann seine Karriere in der Medienindustrie 1985. Vier Jahre später startete Kofler den Fernsehsender ProSieben. Seit 2017 tritt er als Investor in der Höhle der Löwen auf. Quelle: TVNOW/Frank W. Hempel

Am Montag startet die zehnte Staffel der Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“. Die Investoren Georg Kofler, Ralf Dümmel und Nils Glagau über ihren persönlichen Konkurrenzkampf, abgehobene Gründer – und Kritik an der Show.

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Herr Dümmel, Herr Glagau, Herr Kofler, Sie haben noch keinen gemeinsamen Deal in der Höhle der Löwen gemacht. Woran liegt das eigentlich? An Antipathie?
Dümmel: An Antipathie liegt es schon mal nicht (lacht). Es muss einfach passen. Für uns und die Gründer. Zwar können mehrere Löwen unterschiedliche Stärken mitbringen, aber die Entscheidungswege sind dann in der Regel länger.
Glagau: Genau, die Aufteilung, wer als Investor welche Rolle übernimmt, muss stimmen. Das ist bei uns halt bislang noch nicht passiert.
Kofler: Ich mache Deals in der Regel allein. Um bei einem Investment viel bewegen zu können, benötigt man meist einen zweistelligen Prozentsatz der Firmenanteile. Was ich verraten kann: In der neuen Staffel investiere ich tatsächlich mehr mit anderen Löwen zusammen. 

Herr Dümmel, Sie haben in den vergangenen Staffeln die meisten Deals gemacht. Knüpfen Sie in der zehnten Staffel daran an?
Glagau: Oh, Ralf hat leider nachgelassen und wird sogar entthront (lacht).
Dümmel: Naja, es gewinnt ja nicht der Löwe mit den meisten Deals, sondern der- oder diejenige mit den besten Deals. In der neuen Staffel kämpfen die Löwen auf jeden Fall viel härter um die Gründer.

Woran liegt das? Waren die Gründer dieses Mal besser?
Kofler: Ich glaube schon. Wir hatten eine höhere Dichte an interessanten Gründern, spannenden Lebensgeschichten und guten Produkten. 
Dümmel: Ich erkläre mir das so: Mit jeder Staffel haben die Gründer neues Anschauungsmaterial. Deshalb präsentieren sie sich heute viel professioneller als in der ersten Staffel. Wir haben in dieser Staffel auch die höchste Unternehmensbewertung seit Beginn der Sendung: 50 Millionen Euro.
Glagau: Wir haben die neuen Folgen mitten in der Pandemie aufgezeichnet. Womöglich dachten sich viele Gründer, die draußen zeitweise schwieriger an Kapital gekommen sind: Jetzt mache ich erst recht mit.

Bevor Gründer jetzt neun Staffeln am Stück als Vorbereitung anschauen: Womit überzeugt man Sie im Pitch? Und was geht gar nicht?
Glagau: Auch wenn das jetzt sehr platt klingt: Mich holen Gründer schnell ab, wenn sie für ihr Produkt brennen. Leider gibt es auch immer Gründer, die Nachfragen nicht beantworten können, obwohl sie ja oft seit Jahren so tief im Thema sind. Das ist für mich ein No-Go.
Dümmel: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir ein Unternehmen nur groß machen, wenn sich Investor und Gründer mögen. Abgehobene Gründer gehen für mich persönlich gar nicht, denn der Respekt darf auf beiden Seiten niemals fehlen.
Kofler: Ich stelle mir immer die Frage, ob die Gründer intellektuell und sozial das Potenzial haben, eines Tages fünfzig oder noch mehr Mitarbeiter zu führen, wenn das Unternehmen wächst. Hier unterscheiden sich die Unternehmer von den Tüftlern.

Häufig scheitert ein Deal in der Show an der Bewertung des Unternehmens. 
Dümmel: Genau, manche Gründer müssen einfach realistischer mit ihren Zahlen sein. Die Höhle der Löwen ist keine Wohltätigkeitsgala. Wir Investoren möchten auch Geld verdienen. 
Kofler: Ich reagiere immer allergisch, wenn Gründer Mondpreise aufrufen, die mit einer Umsatz- oder gar Gewinnplanung niemals zu rechtfertigen sind. Da fühlt man sich veralbert.
Glagau: Manchmal nutzen es Gründer auch als Strategie, um ohne Investor nach Hause zu fahren. Die wollen sich nur gut verkaufen, die Sendung als Werbeplattform nutzen. Bei manchen Pitches dachten wir uns wirklich: „Hör mal, willst Du überhaupt einen Investor?“ 

Das Kalkül ist allerdings nachvollziehbar: Wann erhält ein Unternehmen in dieser frühen Phase schon so viel Aufmerksamkeit?
Glagau: Na klar, Georg kann ja mal vorrechnen, was neun Minuten bester Produktvorstellung im Fernsehen kosten (Anm. d. Red.: Kofler war Vorstandsvorsitzender bei den Fernsehsender ProSiebenSat1 und Premiere sowie bei dem Teleshoppingunternehmen HSE). Gründern, die mit einem Deal raus wollen, gönne ich die Aufmerksamkeit auch.
Kofler: Eben. Wenn jemand einen Deal will und gleichzeitig von der Popularität profitieren möchte, ist das fair. Aber wir lassen uns nicht als Werbeplattform missbrauchen! Wer keinen Deal will, muss sich darauf einstellen, dass wir ihn auseinandernehmen.
Dümmel: Und was viele Zuschauer nicht wissen: Wir dürfen zwar die Prozente anpassen, die wir übernehmen wollen, aber die Geldbeträge können wir nicht nach unten verändern. Wir können also nicht die geforderten zehn Prozent statt für 500.000 Euro mal eben für 200.000 mitnehmen. Es ist ohnehin nicht besonders clever, nur die Aufmerksamkeit abgreifen zu wollen. Es gibt nämlich keine Garantie auf eine Ausstrahlung.

Ralf Dümmel startete seine Karriere bei DS Produkte vor über 30 Jahren als Verkaufsassistent des Geschäftsführers und Gründers Dieter Schwarz. Seit 2016 ist Ralf Dümmel Investor in der Höhle der Löwen. Quelle: imago images

Sie entscheiden, dass Gründer nicht gezeigt werden, wenn Sie nur Aufmerksamkeit wollen?
Dümmel: Nein, wir haben kein Mitspracherecht, was ausgestrahlt wird. Da ist die Redaktion der Produktionsfirma erfahren genug.
Glagau: Selbst nach dem Deal in der Sendung kann das Investment ja noch scheitern. Das ist mir jetzt erst wieder passiert. Ich hatte Lust auf den Deal, den wir an den Drehtagen mit einer Absichtserklärung bestätigen. Die Gründer brauchten mich als Investor dann im Nachhinein jedoch gar nicht, so nach dem Motto: „Ziel erreicht, das wars jetzt auch, Nils.“ Da fühlt man sich doch ausgenutzt. Mein Team und ich hatten immerhin Zeit und Energie in die Gründer gesteckt.
Kofler: Auch Gründer sind eben keine ausschließlich edle und gute Spezies. Und manche sind halt wankelmütig. Von einem Deal war ich zum Beispiel wirklich begeistert, aber die Gründerin hatte Sorge, dass ihr alles über den Kopf wächst. Dass mit dem Investment zu viele Anforderungen verbunden sind, wenn sich der Umsatz mal vervielfachen sollte. Wieso geht man dann in die Show?
Dümmel: Wir reden hier allerdings über wenige Ausnahmen, um das klarzustellen.

Gibt es eigentlich auch Gründer, die gar nicht in der Sendung mitmachen wollen, aber Sie trotzdem als Investor gewinnen wollen und sich per Mail melden?
Dümmel: Wir würden allen empfehlen, dass es einen großen Mehrwert hat, in die Sendung zu kommen. Wenn Gründer aber partout nicht in die Öffentlichkeit wollen, schreiben sie uns an, genau.
Kofler: Ich vermute, wir drei bekommen mehrere Anfragen pro Woche. Das ein oder andere Pitchdeck schauen wir uns dann auch an. Gut, manche Sachen sind Nonsens. Oder passen nichts ins Portfolio. Etwa wenn Gründer mit einem neuartigen Schiff Energie aus Wasser gewinnen wollen. Da sage ich gleich: „Freunde, viel Erfolg, das ist überhaupt nicht mein Themengebiet.“ 

In der Start-up-Szene sieht sich die Höhle der Löwen der Kritik ausgesetzt, dass die Show wenig mit der Investmentrealität zu tun habe. Wo sich Gründer eben nicht fünf Investoren gleichzeitig anbieten. Und wo die Investoren andersherum viel stärker auf der Suche nach Gründern sind. Ihre Investmententscheidungen treffen Sie innerhalb von Minuten, während Risikokapitalgeber viel mehr Bedenkzeit haben. Was sagen Sie dazu?
Dümmel: Die Sendung könnte realer nicht sein. Wir Löwen wissen vorher nichts – rein gar nichts! Klar, es ist vielleicht nicht ganz normal, dass wir nach einer Stunde schon eine Absichtserklärung für einen Einstieg unterzeichnen. Aber die spätere Prüfung des Unternehmens ist in der Start-up-Welt Standard und gehört nach der Sendung auch bei uns dazu. Da liegt die Quote der Deals, die auch wirklich zustande kommen, über alle Löwen hinweg bei gut 70 Prozent. Da kann mir keiner kommen und sagen, das sei realitätsfern. Natürlich ist es Fernsehen und hoffentlich unterhält es die Leute auch. 
Kofler: Diesen Gesichtspunkt kann ich überhaupt nicht teilen. In der Show sehen die Zuschauer nur die Spitze des Eisbergs. Von den späteren, profesionellen Investorengesprächen, bekommen sie nichts mit. Und schließlich setzen wir unser eigenes Geld ein, während andere Fonds nur mit dem Geld anderer arbeiten.
Glagau: Wir sind keine geskriptete Show mit „kleinen, süßen Gründern“ und „bösen Investoren“. Das steckt viel mehr hinter. Das sieht man doch an den erfolgreichen Start-ups, die aus der Höhle entstanden sind. Das sind keine Eintagsfliegen. Wir veranschaulichen außerdem in der Breite, was Unternehmertum ausmacht.

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Aber für Sie als Investoren muss es doch eine komplett andere Situation sein, vor Kameras schnell zu entscheiden, ob Sie ihr eigenes Geld in unbekannte Gründer stecken. Hatten Sie nicht Bedenken?
Dümmel: Ich investiere seit über 33 Jahren in Produkte und ob die schlussendlich vom Markt angenommen werden, weiß ich nie. Das ist mein Berufsrisiko. Jetzt werde ich dafür nach Köln in die Studios eingeladen, habe einen schönen Sitzplatz und ein Glas Wasser. So viel hat sich in meinem beruflichen Alltag nicht geändert.
Kofler: Ich bin ein Bauchmensch und entscheide ohnehin viel spontan. Selbst bei der Gründung von ProSieben habe ich nicht lange gezaudert. Ich stelle in der Show ähnliche Fragen wie auch im normalen Business, und verhalte mich mit und ohne Kamera gleich.
Glagau: Mich würden Sie im Konferenzraum genau so erleben wie in der Show. Spannend wird es ja gerade dann, wenn ich versuche, die anderen Löwen zu lesen und eine Strategie entwickle, wie ich ihre Angebote übertreffe. Diesen Reiz haben Investorengespräche außerhalb der Sendung sehr oft nicht.

Mehr zum Thema: Vor dem Start der zehnten Staffel geben vier Investorinnen und Investoren der Gründershow einen Ausblick auf die neuen Folgen und sprechen von den besten Investments. Und von Produkten, die völlig gefloppt sind.

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