Jugendforscher Klaus Hurrelmann "Nesthocker verspielen eine große Chance"

Warum ausziehen, wenn es im Hotel Mama so bequem ist - und so günstig? Viele Studenten zögern den Auszug aus dem Elternhaus hinaus. Experten betrachten die Generation Nesthocker mit Sorge.

Die kreativsten Studentenunterkünfte
Das AltersheimWohnen mit Senioren: In Kiel können Studenten schon seit zwei Jahren ein Zimmer im Altersheim beziehen. Ungefähr 250 Euro bezahlen die Mieter für 25 Quadratmeter im Kurt-Engert-Haus. Doch es geht noch günstiger: Wer bereit ist kleine Aufgaben zu übernehmen, zum Beispiel die Senioren zum Essen zu begleiten, bekommt sogar noch einen Rabatt bei der Miete. Im Hannoveraner Altenheim Eilenriedstift ist das Mitarbeiten Plicht. Jeder Student, der dort sein Quartier bezieht, muss pro Woche ein paar Stunden bei der Betreuung der älteren Mitbewohner helfen. Dafür sind in den 250 Euro Miete die Nutzung von Sauna, Schwimmbad und Kegelbahn enthalten. Quelle: dpa
Der SchlafwagenEigentlich ist das Basecamp in Bonn ein Hotel für Eisenbahn-Liebhaber und Abenteurer. Dort nächtigen die Gäste in historischen Wohnwagen oder Schlafwagen der Deutschen Bahn aus den 70er Jahren. Doch zum Semesterbeginn machte das Hotel den Bonner Studenten ein besonderes Angebot: Für 50 Euro die Woche konnten obdachlose Studenten im Oktober einen der Wagen beziehen.  Quelle: Fotolia
Der ContainerNachdem der Unternehmer Jörg Duske ein Containerdorf für Studenten in den Niederlanden besichtigt hatte, stand für ihn fest: Das wäre auch eine Möglichkeit für Berlins angehende Akademiker. Am Plänterwald im Südosten Berlins baute er deshalb ein Studentendorf aus Schiffscontainern. Etwas über 25 Quadratmeter Platz bieten die kleinen Wohneinheiten, für Paare oder WGs lassen sich auch zwei Container zusammenschieben. Der Preis: ein möblierter Container inklusive Heizung, warmen Wasser und Internet kostet knapp 400 Euro. Quelle: dpa
Das SchaufensterEin Bett, eine Zimmerpflanze, Adiletten: Fabian Sauer hatte es sich im Schaufenster eines Münsteraner Warenhauses richtig gemütlich gemacht. Einen Tag lang und eine Nacht wohnte der 26-jährige Student dort, dann zog er wieder aus. Und warum? Die Aktion sollte die Bewohner der Studentenstadt auf den Wohnungsmangel hinweisen. Mit Erfolg. Danach stellten mehrere private Vermieter ihre leeren Zimmer den Studenten zur Verfügung. Quelle: Fotolia
Die KaserneDie Diskussion gibt es schon lange: Warum nicht Studenten da unterbringen, wo früher die Soldaten stramm standen? Seit der großen Bundeswehrreform und Aufhebung der Wehrpflicht sind viele Kasernen überflüssig geworden. In den Universitätsstädten Heidelberg und Gießen werden bereits ehemalige US-Kasernen für Studentenunterkünfte genutzt. Quelle: Fotolia
Die PolizeiwacheEine ehemalige Polizeiwache in Köln-Kalk soll künftig Studenten statt Verbrecher beheimaten. Mitte September hatte der Landtag dem Verkauf der ehemaligen Polizeiwache an ein städtisches Wohnungsunternehmen zugestimmt. Das Unternehmen will das seit Jahren leerstehende Gebäude nun zu einem Studentenwohnheim umfunktionieren. Die Wache in der Kapellenstraße liegt in der Nähe des Ingenieurwissenschaftlichen Zentrums der Fachhochschule Köln und ist deswegen für Studenten gut geeignet. Bereits im April nächsten Jahres sollen dort die ersten Studenten einziehen. Quelle: dpa
Die KircheWohnen in einem alten Krankenhaus, einer Kirche oder in einer Fabrikhalle – und das für 180 Euro. Das Hauswächter-Unternehmen Camelot vermittelt Bewohner auf Zeit für leer stehende Immobilien, gerade für Studenten ist das eine Alternative für den Übergang. Um Hauswärter zu werden, muss man sich ganz normal bei der Firma Camelot bewerben und anschließend persönlich vorstellen. Doch es gibt auch einen Haken: Finden sich neue Mieter für das leerstehende Objekt, muss der Hauswächter innerhalb von vier Wochen wieder ausziehen. Quelle: dpa
Das KinderzimmerVor allem die vielen Universitätsstädte setzen vermehrt auf private Zimmervermietung. Das leerstehende Gäste- oder Kinderzimmer, der ausgebaute aber ungenutzte Keller – fast jede Familie mit Eigenheim hat freie Räume. Um das zu ändern, wurden in Paderborn zum Beispiel 50.000 Brötchentüten mit dem Aufruf bedruckt, leere Räume an Studenten zu vermieten. In Aachen werden unter extraraum.de freie Räume von privaten Vermietern angeboten. In Köln, Bielefeld, Bonn und vielen weiteren Städten gibt es ähnliche Initiativen. Quelle: AP
Der CampingplatzWenn im Oktober die Universitäten sich füllen, lehren sich für gewöhnlich die Campingplätze. Wer ein wetterfestes Zelt oder gar ein Wohnmobil sein eigen nennt, kann hier unterkommen. Spätestens wenn der erste Schnee fällt, sollte man sich lieber eine stabilere Unterkunft suchen. Quelle: dpa
Die Couch bei FreundenGlücklich, wer sich in der äußersten Not auf gute Freunde verlassen kann. Die Couch im Wohnzimmer ist für die ersten Nächte im neuen Studentenleben ein Notnagel. Wenn es zu lange dauert, leidet nicht nur der Rücken, sondern bald auch die Freundschaft. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms

Das erste Semester ist ein einziges großes Versprechen: Auszug von Zuhause, Ablösung von den Eltern, die große Freiheit. Doch viele Studenten entscheiden sich anders - und wohnen so lange wie möglich bei ihren Eltern. „Der Hauptgrund ist das Geld und zugleich ist es Bequemlichkeit“, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Die Miete fällt weg, die Wäsche wird gewaschen, der Einkauf erledigt: Möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben, hat auf den ersten Blick viele Vorteile.

Doch für die Entwicklung der jungen Menschen überwiegen aus Hurrelmanns Sicht die Nachteile. Sie verspielten eine große Chance, wenn sie die Ablösung von den Eltern hinauszögerten. „Man bleibt Kind.“ Das blockiere viele wichtige Entwicklungsschritte in diesen prägenden Jahren. „Das Studium ist eigentlich der Schritt ins selbstständige Leben.“ Die starke auch räumliche Nähe zu den Eltern führe dazu, dass die jungen Menschen immer später selbstständig würden. „Sie lernen nicht, auf eigenen Füßen zu stehen.“

Abiturient Christian Stärk kennt die Tendenz zum „Hotel Mama“. „Fast alle meine Freunde, die angefangen haben zu studieren, wohnen noch zu Hause“, sagt der Vorsitzende des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg. Einerseits verstehe er seine Altersgenossen: Viele seien - nicht zuletzt wegen des verkürzten Abiturs - beim Studienbeginn noch sehr jung. Neben der Kostenersparnis locke außerdem die Aussicht, bekocht zu werden und weder waschen noch putzen zu müssen - „das ist dann natürlich ultrakomfortabel.“

Wo Studenten am teuersten wohnen
Platz 10: MannheimDank doppeltem Abiturjahrgang drängen so viele Erstsemester wie nie in Deutschlands Studentenstädte – und konkurrieren um Wohnungen. Bei der hohen Nachfrage, können Vermieter auch hohe Preise verlangen. In Mannheim zahlen Studenten beispielsweise monatlich 315 Euro Miete.  Das hat eine Studie der Universität Maastricht ergeben. Im Auftrag der Kölner Zeitarbeitsfirma Studitemps hat sie deutsche Studenten zu ihrer Lebenssituation befragt. Laut der Umfrage landet Mannheim damit auf Platz 17 der höchsten Studentenmieten Deutschlands. Allerdings empfinden Mannheimer Studenten ihre Stadt deutlich teurer, da sie in dort einen unterdurchschnittlichen Stundenlohn von 8,78 Euro verdienen. Die Studie hat jeweils  Studentenmieten und Studentenlöhne ins Verhältnis gesetzt – und zusammen getragen, wie lange Studenten für ihre Miete arbeiten müssen. In Mannheim sind das durchschnittlich 35,88 Stunden. Damit ist die Stadt der zehntteuerste Universitätssitz für Studenten in Deutschland. Quelle: dpa
Platz 9: TübingenMinimal länger müssen Studenten in Tübingen für ihre Mieten arbeiten. Hier sind es 35,91 Stunden – womit die Stadt für Studenten teurer wirkt. Sie zahlen im Schnitt eine Monatsmiete von 316 Euro – also einen Euro mehr als in Mannheim – verdienen jedoch durchschnittlich nur zwei Cent mehr als in der Quadrate-Stadt. Der Stundenlohn beträgt 8,80 Euro. Quelle: dpa
Platz 8: DüsseldorfDeutschlands vierthöchste Monatsmiete zahlen Studenten in Düsseldorf mit 341 Euro. Doch entschädigt sie die Rheinmetropole mit dem überdurchschnittlichen Stundenlohn von 9,36 Euro. Somit ist Düsseldorf trotz der hohen Mieten relativ gesehen nicht ganz so teuer: Mit einer Arbeitszeit von rund 36,43 Stunden, um die Monatsmiete wieder reinzubekommen, landet Düsseldorf schließlich „nur“ auf Platz 8 der teuersten Studentenstädte Deutschlands. Quelle: dpa
Platz 7: RegensburgTrotz der mit 317 Euro deutlich niedrigeren Monatsmiete als in Düsseldorf, empfinden Studenten Regensburg ein wenig teurer. Durch den niedrigeren Stundenlohn von 8,69 Euro müssen sie mit 36,48 Stunden schließlich minimal länger für ihre Unterkunft arbeiten. Quelle: dpa
Platz 6: KölnIn Köln müssen Studenten 36,96 Stunden arbeiten, um die mit 357 Euro monatlich dritthöchsten Mieten Deutschlands zu finanzieren. Durch den relativ hohen Stundenlohn von 9,66 Euro landet die Domstadt jedoch auf Platz 6 der teuersten Studentenstädte. Quelle: dpa
Platz 5: HeidelbergBei einem Stundenlohn von 8,92 Euro im Schnitt müssen Heidelberger Studenten rund 37 Stunden arbeiten, um ihre durchschnittliche Monatsmiete von 330 Euro bezahlen zu können. Quelle: AP
Platz 4: MünchenBei der Studentenmiete ist München deutscher Spitzenreiter. Mit durchschnittlich 388 Euro Monatsmiete zahlen Studenten zwar nirgends sonst so viel, allerdings verdienen sie auch in keiner anderen deutschen Stadt so viel. Der Spitzenverdienst von stündlich 10,34 Euro gleicht die hohen Mieten wieder aus. Mit 37,52 Stunden, um die Mieten zu finanzieren, ist München die viertteuerste Stadt für Studenten. Quelle: dpa
Platz 3: RostockRostock bildet bei den Studentenlöhnen das Schlusslicht. Bei dem Durchschnittsverdienst von 7,34 Euro pro Stunde kommt Rostocker Studenten die vergleichsweise niedrige Miete von 299 Euro teuer zu stehen. Entsprechend viel müssen sie für ihre Unterkunft arbeiten: 38,14 Stunden. Quelle: dpa
Platz 2: BambergBei einem Stundenlohn von 8,43 Euro im Schnitt müssen Bamberger Studenten rund 38,32 Stunden arbeiten, um ihre durchschnittliche Monatsmiete von 323 Euro bezahlen zu können. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz 1: HamburgDie zweithöchsten Studentenmieten Deutschlands ( 371 Euro monatlich), allerdings nur der zwölfthöchste Studentenlohn der Republik ( 9,62 Euro stündlich): Diese Kombination macht Hamburg zur teuersten Studentenstadt Deutschlands. 38,57 Stunden müssen Studenten in der Hansestadt  für ihre Miete arbeiten – Zeit für Universitätsbesuch und Lernen müssen sie auch noch finden. Und mit den 38,57 Stunden sind noch keine Lebensmittel, Handyrechnung oder Bücher bezahlt. Das macht Hamburg zur teuersten Studentenstadt Deutschlands. Quelle: dpa

Der richtige Weg sei es trotzdem nicht unbedingt, sagt Stärk. „Es ist natürlich schon gut, rauszugehen. Da lernt man ja, eigenständig zu leben.“ Er beobachtet, dass auch die Eltern die Ablösung gern hinauszögern. „Gerade bei Gymnasiasten ist das Verhältnis zwischen Eltern und Schülern sehr gut. Dieser Abschied, diese Trennung ist für viele schon hart, für Eltern und Kinder.“ Für Paare ist es ein großer Einschnitt, wenn das Nest plötzlich leer ist. „Das Trennungsrisiko der Eltern steigt, nachdem die Kinder ausgezogen sind, vor allem in den ersten zwei Jahren“, sagt Soziologe Ingmar Rapp von der Uni Heidelberg. „Danach pendelt es sich dann auf dem Niveau von kinderlosen Paaren ein.“ Der Auszug sei vor allem dann ein Risiko, wenn die Kinder relativ jung auszögen.

So schmerzhaft das Loslassen ist - einen Gefallen tun sich Eltern nicht damit, ihre Kinder zu umklammern und ihnen den Auszug auszureden, wie Jugendforscher Hurrelmann sagt. Sich räumlich von den Kindern zu trennen, sei auch für Mütter und Väter wichtig. Sie müssten nun erst einmal ihre Beziehung generalüberholen. Wohnen die Eltern in der Nähe des Studienorts und ihr Kind möchte trotzdem ausziehen, ist manchmal harte Überzeugungsarbeit nötig.

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Die jungen Menschen plagen oft große Schuldgefühle, weil sie das Gefühl haben, nicht so einfach gehen zu dürfen, wie Inge Rehling von der Heidelberger Psychosozialen Beratung für Studierende beobachtet hat. Studenten seien heute stärker finanziell von ihren Eltern abhängig als noch vor zehn Jahren - daraus erwachse auch eine moralische Verpflichtung. Der Bafög-Höchstsatz allein reiche bei weitem nicht aus, um Zimmer, Semesterbeitrag und Lebenshaltungskosten zu stemmen. Die Wohnungsknappheit erschwert die Lage.

Obgleich auch viele Studentinnen spät das elterliche Nest verlassen, sind sie aus Expertensicht unterm Strich selbstständiger als ihre männlichen Kommilitonen. „Insbesondere junge Männer lassen sich gern mit dem "Rundum-Sorglos-Paket" von Müttern, wenn sie denn dazu bereit sind, verwöhnen“, erklärt Soziotherapeutin Rehling. Experte Hurrelmann betrachtet die Generation Nesthocker zwar mit Sorge, setzt aber auf die Zeit: „Es gibt immer noch den Hoffnungsschimmer, dass das Ganze nur eine gewisse Aufschiebung im Lebenslauf ist.“

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