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Miese Allgemeinbildung "Weder Ahnung von Zeitgeschichte noch von Wirtschaft"

Demokratie oder Diktatur? 40 Prozent der jungen Deutschen kennen den Unterschied nicht. Selbst Studenten glänzen mit schlechter Allgemeinbildung. Drei Wissenschaftler versuchen zu erklären, warum wir verblöden.

Selbst von der jüngsten deutschen Geschichte haben wir keine Ahnung. Quelle: AP

"Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben", hat Goethe einmal geschrieben. Wenn er Recht hat, leben viele Deutsche in völliger Dunkelheit. Denn bei dem Geschichtswissen der Deutschen hapert es schon, was die letzten fünfzig Jahre anbelangt.

So zeigt eine Umfrage des Forschungsverbund SED-Staat von der Freien Universität Berlin, dass 19 Prozent der Deutschen keine Ahnung haben, wann die Berliner Mauer gebaut wurde. Jeder dritte Ostdeutsche hält die ehemalige DDR für eine Demokratie und 40 Prozent der Befragten kennen die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur nicht.

Was junge Deutsche über unsere Geschichte zu wissen glauben

Für Professor Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes, ist die Schule an dieser Bildungsmisere schuld. "Im Elternhaus wird wenig über Zeitgeschichte gesprochen - und wenn, dann beschönigend", sagt er. Wer erzähle seinen Kindern schon, dass er mit Steinen auf die amerikanische Botschaft geworfen habe. "Die Eltern rücken ihre eigene Geschichte ins Licht, deshalb muss die Schule Zeitgeschichte thematisieren." Doch davon sei nichts zu spüren. Entweder findet Geschichte nach 1945 in der Schule nicht statt, oder es bleibe nichts davon hängen.

Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

"Auf ein unzureichendes Geschichts- und Politikverständnis in Deutschland haben schon mehrere Studien hingewiesen", bestätigt auch Manfred Prenzel, Bildungsforscher und Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Es gebe in Deutschland nicht nur die von Pisa aufgezeigten Probleme beim mathematischen und naturwissenschaftlichen Verständnis. "Erschüttert kann man über die Befunde schon sein, wenn man weiter von der Idee ausgeht, Deutschland würde sich durch eine starke Allgemeinbildung auszeichnen. Mit dieser gerne gepflegten bildungsbürgerlichen Vorstellung hat die empirische Bildungsforschung aufgeräumt", sagt er. Auch er gibt der Schule zumindest eine Teilschuld an der Misere.

Uns fehlt das Demokratieverständnis

Dabei gehe es gar nicht darum, zu vermitteln, ob die Mauer nun am 13. oder am 18. August gebaut worden ist, wie Schroeder betont. Viel wichtiger sei es, Hintergründe und Zusammenhänge zu kennen. Doch die fehlten den meisten Schülern völlig. Deshalb können viele Umfrageteilnehmer den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht erklären. "Das sind abstrakte Begriffe, die im Unterricht mit Leben gefüllt werden müssen", sagt er. Man müsse erklären, dass es verschiedene Arten der Diktatur gibt und wie eine Demokratie funktioniert. "Die Demokratieerziehung funktioniert hier nicht", sagt er.

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Die Unkenntnis erstrecke sich aber nicht nur auf die DDR-Geschichte und komme längst nicht nur bei Hauptschülern vor: Schroeder berichtet von Studenten der Politikwissenschaft, die nicht wissen, wer Herbert Wehner war oder das Ludwig Erhard als Vater des Wirtschaftswunders galt. "Die haben einen Numerus Clausus von 1,5 oder 1,6 und kommen voraussetzungslos an die Uni." Es sei erstaunlich, wie wenig die Studenten wüssten. "Die haben keine Ahnung von Zeitgeschichte und keine Ahnung von Wirtschaft."

Schuld daran sei aber nicht nur die ungenügenden Vermittlung von Wissen an den Schulen. Komplexe Themen wie beispielsweise der Nahost-Konflikt, überfordern uns seiner Meinung nach. Und was wir nicht verstehen, ignorieren wir lieber, so Schroeder. Hinzu komme, dass junge Menschen nichts Hintergründiges mehr lesen, die wenigsten läsen überhaupt noch ganze Bücher, von Tageszeitungen ganz zu schweigen. "Es gibt leider einen immer noch großen Anteil von Menschen, die kaum etwas lesen und für die Nachrichten und Politik nicht wirklich interessant sind", bestätigt auch Manfred Prenzel. Für ihn ist es deshalb nicht nur die Aufgabe der Schule, sondern auch der Medien, dazu beizutragen, dass Menschen von Zeitungen und Nachrichten so angesprochen werden, dass sie sich darauf einlassen.

Wir waren früher auch nicht klüger

Heißt das, wir verblöden zusehends? Mitnichten, sagt Professor Heiner Barz von der Universität Düsseldorf. "Wenn man Allgemeinbildung daran misst, ob jemand die fünf wichtigsten Werke von Goethe oder Mozart nennen kann, dann ist die Allgemeinbildung heute wirklich schlecht", räumt er ein. Dafür sei das Wissen um alltagsnahe Dinge deutlich größer und das Bildungsniveau über alle Schichten hinweg deutlich höher. Es habe eine Expansion der Bildung gegeben: Wir fangen immer früher an zu lernen und müssen immer mehr wissen. Dinge, die unseren Alltag nicht berühren, fallen deshalb bei einigen durch das Raster. Trotzdem: "Früher war es nicht besser. Weder bei Bildung, Gesundheit oder Gewalt", sagt er. Dennoch höre man überall von den Verfallszenarien: immer mehr Menschen stürben an Herzinfarkten, immer mehr Menschen seien gewalttätig, immer mehr wissen immer weniger.

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Dabei seien junge Deutsche im internationalen Vergleich heute sogar besser gebildet als früher, sagt Prenzel. Das bestätigen auch die im letzten Jahr veröffentlichten Ergebnisse der PIACC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies). Laut der Studie ist es eher um die Bildung der Älteren schlecht bestellt: Deren Lesefähigkeit und das mathematische Wissen ließen besonders zu wünschen übrig. In den letzten Jahren werde außerdem zunehmend darauf geachtet, dass nicht nur irgendwelche Fakten auswendig gelernt werden, sondern dass Zusammenhänge verstanden werden, so Prenzel. "Das weist darauf hin, dass die Schule im letzten Jahrzehnt durchaus einen wichtigen Beitrag geleistet hat." Doch Bildung und Lesen stünden für viele Eltern nicht im Zentrum. Und was die Eltern nicht vorleben, machen die Kinder nun mal nicht nach. Da hilft dann auch der beste Lehrer nichts.

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