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Sitzenbleiben wird abgeschafft Lernen statt gehorchen

In drei Bundesländern soll das Sitzenbleiben abgeschafft werden - die Debatte darum ist voll entbrannt. Unser Redakteur Konrad Fischer meint: Wer das Sitzenbleiben erhalten will, macht die Schule zum Kasernenhof.

Vielleicht wird bald schon das

Die nächste Horrorvorstellung für eingefleischte Konservative scheint wahr zu werden: Das Sitzenbleiben wird abgeschafft. Bisher nur in Bremen, bald  vielleicht auch in NRW, Niedersachsen und dann in Baden-Württemberg.  Doch das könnte nur der Anfang sein. Am Ende könnte bundesweit das letzte Relikt der guten alten Zeit fallen, als in der Schule noch Disziplin herrschte und am Ende jeder vor allem eines wusste: Wem er zu gehorchen hat.

Doch die Bewahrer sollten sich nichts vormachen, sie sind längst abgehängt. All die Länder, die heutzutage die Rankings und Vergleichsstudien im Bildungsbereich dominieren, kennen das Sitzenbleiben nicht. Weder Finnland, Schweden Großbritannien oder die USA, ja noch nicht einmal die so auf Disziplin bedachten Südkoreaner und Chinesen.

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

"Pädagogischer Wahnsinn"

Und eigentlich wird die Absurdität ja auch unmittelbar offensichtlich, wenn man sich vor Augen führt, was da geschieht: Ein Schüler ist dem Stoff in einzelnen Fächern, sagen wir Mathematik und Physik, nicht gewachsen. Deshalb muss er „sitzenbleiben“ während alle anderen Schüler „die Versetzung schaffen“. Was jetzt passiert, ist pädagogischer Wahnsinn, nichts weiter. Unser Schüler muss nicht nur den Unterricht in Mathe und Physik ein zweites Mal hören, sondern in allen anderen Fächern auch. Zudem wird er in ein völlig anderes soziales Umfeld befördert, wo er seinen Ruf mit dem ersten Schritt ins Klassenzimmer weg hat: der Sitzenbleiber. Die zwangsläufige Folge ist, dass der Schüler aussteigt, sowohl im Unterricht – der ihn größtenteils langweilt – als auch in der Klasse, die ihn ignoriert. Er sucht sich seine Bezugspunkte anderswo, im besseren Falle im Sportverein, im schlechteren auf der Straße.

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