1. Startseite
  2. Management
  3. Hochschule
  4. Wissenschaft: Die BWL hat ein Grundsatzproblem

WissenschaftDie BWL hat ein Grundsatzproblem

Zu mathematisch, zu realitätsfern, nicht zukunftstauglich: Volkswirte kennen diese Vorwürfe schon lange. Auch im Schwesterfach BWL gibt es jetzt einen Methodenstreit zwischen Theoretikern und Traditionalisten.Bert Losse 13.10.2017 - 10:00 Uhr

Thyssenkrupp
„Schnittstellen-Positionen – zum Beispiel zwischen Produktion und IT oder zwischen Entwicklung und Vertrieb – werden immer wichtiger. Hier wird sich zeigen, ob dies für BWLer interessant ist und sie die notwendige Flexibilität mitbringen oder ob diese Felder dann etwa durch Absolventen der Wirtschaftsinformatik und des Wirtschaftsingenieurwesens besetzt werden.“

Foto: REUTERS

Deutsche Bank
„Das Bankgeschäft ist im Wandel und die digitale Neuausrichtung zieht sich quer durch alle Aufgabenfelder und Bereiche. IT-Fähigkeiten sind uns deshalb sehr wichtig. Ein Drittel unserer weltweiten Einstellungen auf Traineelevel sind im Technology-Bereich. Insgesamt sind für 2018 knapp 140 Trainee-Einstellungen geplant. Betriebswirte und Wirtschaftswissenschaftler werden aus unserer Sicht weiterhin unverändert wichtig bleiben. Informatiker und artverwandte Studiengänge werden zukünftig immer wichtiger.“

Foto: dpa

Deutsche Post
„In unserem Unternehmen sehen wir aufgrund sich verändernder Prozesse einen steigenden Bedarf an Mitarbeitern, die sowohl ein wirtschaftliches Verständnis, als auch eine Affinität im Bereich Informationstechnologie mitbringen. Diese Voraussetzungen werden auch in der Zukunft wichtig für uns sein.“

Foto: WirtschaftsWoche

Merck
„Die Welt wird zunehmend globaler und digitaler – daher haben sich in den vergangenen fünf Jahren auch die Erwartungen an Absolventen in Bezug auf deren internationale Erfahrung oder digitale Denkweise erhöht. Durch die Bologna-Reform besteht für Betriebswirte zum Beispiel die Chance, sich auf Basis eines generellen Bachelor-Studiums im nachfolgenden Master zu spezialisieren und somit Experten im weiten Feld der Betriebswirtschaftslehre zu werden. Betriebswirte sind und bleiben als Allrounder eine wichtige Zielgruppe für unser Unternehmen. Aber auch einige neue Fachrichtungen – insbesondere mit Digitalisierungsschwerpunkt – gewinnen in der Zukunft zunehmend an Bedeutung für uns.“

Foto: dpa

Commerzbank
„Als Bank benötigen wir zunehmend breitere Kompetenzen, deshalb sind uns alle Fachrichtungen wichtig. Angesichts der umfassenden Digitalisierung benötigen wir etwa zunehmend IT-Spezialisten, Softwareentwickler und Medienwissenschaftler.“

Foto: dpa

Henkel
„Die Digitalisierung hat nicht nur große Auswirkungen auf unsere Geschäfte, sondern führt auch zu Veränderungen innerhalb des Unternehmens – zum Beispiel in der Art und Weise, wie wir als globales Team weltweit zusammenarbeiten. Wir legen viel Wert auf die Vielfalt unserer Mitarbeiter und sind davon überzeugt, dass diese Vielfalt entscheidend für unseren Erfolg ist. Dies bedeutet konkret, dass es keine offenen Positionen gibt, für die ein BWL-Studium zwingend erforderlich ist.“

Foto: Henkel AG & Co. KGaA

Beiersdorf
„Megatrends wie die Digitalisierung beeinflussen unsere Geschäftsmodelle und somit auch die Jobprofile und Anforderungen an die Qualifikationen der Bewerber. Vor dem Hintergrund ist es wichtig, ein Interesse für digitale Themen mitzubringen und keine Scheu vor IT-Fragestellungen zu haben. In einzelnen Bereichen wie etwa der Supply Chain werden allerdings in jüngster Zeit neben Betriebswirten vermehrt Wirtschaftsingenieure und Ingenieure eingestellt. Und für unsere Forschung und Entwicklung natürlich Naturwissenschaftler.“

Foto: Beiersdorf AG

ProSiebenSat.1
„Von BWL-Absolventen erwarten wir ausgezeichnete Fähigkeiten im Bereich Projektmanagement. Wir legen verstärkt Wert auf eine strategische Denkweise und Unternehmergeist unserer Mitarbeiter. Neben Betriebswirten suchen wir verstärkt Wirtschaftsinformatiker sowie IT-, Tech- und Data-Experten, die zusätzlich zu ihren IT-Kenntnissen kommunikativ stark sind und ein ausgeprägtes Business-Verständnis mitbringen.“

Foto: dpa

RWE
„Die Zahl der Einstellungen von Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge ist in den letzten fünf Jahren in etwa auf einem Niveau geblieben. In der Regel geht es bei den Einstellungen um Ersatz für abgehende Mitarbeiter. Daher wird es voraussichtlich auch in 2018 bei uns keine großen Einstiegswellen für Betriebswirte geben. Neben der klassischen betriebswirtschaftlichen Ausbildung sind auch für RWE Studiengänge in Richtung Digitalisierung von großem Interesse. In diesen Bereichen wird es zukünftig ganz neue Jobs geben.“

Foto: dpa

Lautstarke Kritik am Zustand der Wirtschaftswissenschaften gibt es schon länger – nur traf sie bisher zumeist die Volkswirtschaftslehre (VWL). Nach der Finanzkrise musste sich die Zunft vorhalten lassen, die Krise nicht kommen gesehen zu haben und den Finanzsektor in ihren Modellen sträflich zu vernachlässigen.

Gleichzeitig wehrt sich eine wachsende Bewegung „pluraler Ökonomen“ gegen eine ihrer Ansicht nach zu starke mathematische Ausrichtung der VWL und eine von ihnen konstatierte Dominanz des neoklassischen Denkmodells an den volkswirtschaftlichen Lehrstühlen. Die Pluralen fordern eine Renaissance der Wirtschafts- und Dogmengeschichte, weniger Mainstreamdenken und mehr Praxisbezug in der Lehre.

Exklusiv haben die VWL-Rebellen diese Forderungen allerdings nicht mehr: In der Debatte rückt nun immer stärker auch das Schwesterfach in den Mittelpunkt. „Die Kritik hat die Betriebswirtschaftslehre erreicht“, registriert Jörg Rocholl, Präsident der privaten Business School ESMT in Berlin. Die Debatte um Zustand und Zukunft der BWL entzündet sich dabei nicht nur an der Art der Wissensvermittlung. In der Profession ist ein Grundsatzstreit darüber entbrannt, wie sich die BWL methodisch aufstellen sollte.

Lehre

Wer braucht noch BWLer?

von Jan Guldner, Bert Losse und Kristin Rau

Bereits 2013 warnte ein Gruppe von Wissenschaftlern in einem „Saarbrücker Plädoyer“ davor, die deutsche Tradition einer „normativen“, also empfehlenden und beratenden BWL aufzugeben und sich nach angelsächsischem Vorbild einer neutralen Empirie zu verschreiben. Vor wenigen Wochen nun starteten zehn aktive und ehemalige Professoren der Universität des Saarlands eine neuerliche Attacke: In einem gemeinsamen Beitrag für die Fachzeitschrift „Der Betrieb“ kritisierten die Wissenschaftler „die zunehmende Ausrichtung vieler Fachvertreter am empirischen Forschungsansatz “, etwa in den Disziplinen Betriebliche Steuerlehre, Externes Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung.

Die Gruppe der Traditionalisten um den BWL-Professor Heinz Kußmaul sieht darin einen Bruch mit den Lehren von Günter Wöhe, dem Nestor der deutschen Betriebswirtschaftslehre. Dessen „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ ist das meistverkaufte BWL-Lehrbuch der Welt und seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Bibel für den BWL-Nachwuchs an deutschen Hochschulen.

Dass Grundsatzproblem der BWler gleicht dem der VWL-Kollegen: Wer heute eine wissenschaftliche Karriere machen will, muss in international renommierten Journals publizieren. Die Zahl der Veröffentlichungen spielt eine gewichtige Rolle bei den Berufungsverfahren der Hochschulen. Da aber speziell in amerikanischen Fachzeitschriften mathematisch-empirische Studien dominieren, bleibt anwendungsorientierte Forschung vielfach auf der Strecke. „Im Ergebnis werden betriebswirtschaftliche Professoren in diesem System, das sich vorwiegend mit sich selbst beschäftigt, nicht zu den besten Unternehmer- und Unternehmensverstehern, sondern ihr Fokus ist auf den nächsten Aufsatz und die beste Punktzahl für eine Veröffentlichung, die in der Praxis nicht gelesen wird, gerichtet“, schreiben die Professoren.

Das habe auch Folgen für die nach Nachwuchs suchenden Unternehmen. Denn es sei unwahrscheinlich, dass „jüngere Fachvertreter nach anfänglicher Profilierung in internationalen Top-Journals später den Kontakt zur Praxis suchen.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick