Wissenschaft Die BWL hat ein Grundsatzproblem

Zu mathematisch, zu realitätsfern, nicht zukunftstauglich: Volkswirte kennen diese Vorwürfe schon lange. Auch im Schwesterfach BWL gibt es jetzt einen Methodenstreit zwischen Theoretikern und Traditionalisten.

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Lautstarke Kritik am Zustand der Wirtschaftswissenschaften gibt es schon länger – nur traf sie bisher zumeist die Volkswirtschaftslehre (VWL). Nach der Finanzkrise musste sich die Zunft vorhalten lassen, die Krise nicht kommen gesehen zu haben und den Finanzsektor in ihren Modellen sträflich zu vernachlässigen.

Gleichzeitig wehrt sich eine wachsende Bewegung „pluraler Ökonomen“ gegen eine ihrer Ansicht nach zu starke mathematische Ausrichtung der VWL und eine von ihnen konstatierte Dominanz des neoklassischen Denkmodells an den volkswirtschaftlichen Lehrstühlen. Die Pluralen fordern eine Renaissance der Wirtschafts- und Dogmengeschichte, weniger Mainstreamdenken und mehr Praxisbezug in der Lehre.

Exklusiv haben die VWL-Rebellen diese Forderungen allerdings nicht mehr: In der Debatte rückt nun immer stärker auch das Schwesterfach in den Mittelpunkt. „Die Kritik hat die Betriebswirtschaftslehre erreicht“, registriert Jörg Rocholl, Präsident der privaten Business School ESMT in Berlin. Die Debatte um Zustand und Zukunft der BWL entzündet sich dabei nicht nur an der Art der Wissensvermittlung. In der Profession ist ein Grundsatzstreit darüber entbrannt, wie sich die BWL methodisch aufstellen sollte.

Bereits 2013 warnte ein Gruppe von Wissenschaftlern in einem „Saarbrücker Plädoyer“ davor, die deutsche Tradition einer „normativen“, also empfehlenden und beratenden BWL aufzugeben und sich nach angelsächsischem Vorbild einer neutralen Empirie zu verschreiben. Vor wenigen Wochen nun starteten zehn aktive und ehemalige Professoren der Universität des Saarlands eine neuerliche Attacke: In einem gemeinsamen Beitrag für die Fachzeitschrift „Der Betrieb“ kritisierten die Wissenschaftler „die zunehmende Ausrichtung vieler Fachvertreter am empirischen Forschungsansatz “, etwa in den Disziplinen Betriebliche Steuerlehre, Externes Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung.

Die Gruppe der Traditionalisten um den BWL-Professor Heinz Kußmaul sieht darin einen Bruch mit den Lehren von Günter Wöhe, dem Nestor der deutschen Betriebswirtschaftslehre. Dessen „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ ist das meistverkaufte BWL-Lehrbuch der Welt und seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Bibel für den BWL-Nachwuchs an deutschen Hochschulen.

Dass Grundsatzproblem der BWler gleicht dem der VWL-Kollegen: Wer heute eine wissenschaftliche Karriere machen will, muss in international renommierten Journals publizieren. Die Zahl der Veröffentlichungen spielt eine gewichtige Rolle bei den Berufungsverfahren der Hochschulen. Da aber speziell in amerikanischen Fachzeitschriften mathematisch-empirische Studien dominieren, bleibt anwendungsorientierte Forschung vielfach auf der Strecke. „Im Ergebnis werden betriebswirtschaftliche Professoren in diesem System, das sich vorwiegend mit sich selbst beschäftigt, nicht zu den besten Unternehmer- und Unternehmensverstehern, sondern ihr Fokus ist auf den nächsten Aufsatz und die beste Punktzahl für eine Veröffentlichung, die in der Praxis nicht gelesen wird, gerichtet“, schreiben die Professoren.

Das habe auch Folgen für die nach Nachwuchs suchenden Unternehmen. Denn es sei unwahrscheinlich, dass „jüngere Fachvertreter nach anfänglicher Profilierung in internationalen Top-Journals später den Kontakt zur Praxis suchen.“

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