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Das gute Leben Lest Philosophen statt Managementratgeber

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Blaise Pascal oder Von der Unrast

Blaise Pascal (1632 – 1662), Spross einer alteingesessenen Familie aus der Auvergne, ist gerade 16 Jahre alt, als er die gelehrte Welt mit mathematischen Studien über Kegelschnitte in Erstaunen versetzt. Noch nicht 20-jährig erfindet er für seinen Vater, der es zum obersten Steuereinnehmer der Normandie gebracht hat, eine Rechenmaschinen und versucht durch physikalische Experimente die Existenz des Vakuums nachzuweisen. In diese Zeit fällt auch seine religiöse Wende, der die Nachwelt seine berühmtestes, nicht naturwissenschaftliches, sondern philosophisches Werk verdankt: die 1669 posthum veröffentlichten „Pensées“, „Gedanken“.

Eine Sammlung von Fragmenten, in denen sich ein Satz findet, der die prekäre Stellung des Menschen in der Welt mit unüberbietbarer Lakonie festhält: „Das ganze Unglück des Menschen (kommt) aus einer einzigen Ursache: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können.“

Das ist zunächst ein psychologischer Befund: Der Mensch braucht Bewegung, will Befriedigung seiner Antriebsbedürfnisse. Sein Reizhunger erzeugt den klaustrophobischen Effekt, weshalb er „draußen“ nach Betätigung sucht. Doch diese aus der Selbstbeobachtung gewonnene Erkenntnis erweitert Pascal zu einer Kulturdiagnose: Den allgegenwärtigen Wunsch nach Zerstreuung, wie er vor allem beim Adel zu Hause ist, deutet er als Ausdruck einer „gefallenen“ menschlichen Natur, einer inneren Not, eines Getrieben-Seins, das unter dem Druck von Einsamkeitsangst und Langeweile nach Ablenkung sucht. Weil sie mit sich nichts anzufangen wissen, flüchten die Menschen in den Tumult, der sie ihr „Elend“ vergessen lässt.

Eine Täuschung, die den Menschen freilich nicht bewusst ist.

Pascals Paradebeispiel ist die Jagd, die den Jägern vorspiegelt, es gehe um das Glück des Beutemachens, wo es in Wahrheit doch um Zerstreuung geht, um den Thrill des Jagens – was man schon daran erkennt, dass kein Jäger einen Hasen „haben wollte, wenn er ihm geschenkt würde“. Das Mittel wird hier also zum eigentlichen Zweck. Eine Verkehrung, die unsere gesamte Kultur prägt: Sie ist ein einziges großes Ablenkungsmanöver, ein System von Ersatzhandlungen, die den Menschen von der „Unrast zur Ruhe“ führen sollen, die ihm doch unerträglich ist. Warum? Weil sie ihn die „lästige“ Gegenwart spüren lässt. Weil er in ihr „sein Nichts fühlt, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere“, so dass er sich immer wieder an neuen Hindernissen abkämpft.

Gibt es eine Befreiung aus diesem Teufelskreis? Ja, sagt der tief gläubige Christ Pascal: durch Einsicht in die Hinfälligkeit des Menschen und durch die „Erkenntnis Gottes“, durch den Glauben an die „Erlösung durch Jesus Christus“.

Blaise Pascal: Gedanken, 13,80 Euro

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