Herolds Haltung: Schluss mit der Gängelei
Neulich hatten wir Besuch von einem der größten Autozulieferer der Welt. Vier Mitarbeiter, hoch qualifiziert, sympathisch, engagiert. Ich wollte sie zum Mittagessen einladen. Doch sie lehnten freundlich ab – nicht, weil sie keine Lust hatten, sondern um abends pünktlich zurückzukommen. Sonst drohte Ärger wegen der in ihrem Haus streng geregelten Arbeits- und Reisezeiten, im schlimmsten Fall sogar eine Abmahnung, der Betriebsrat sei da sehr streng. Ein gutes Beispiel dafür, dass gut gemeinte Regeln nichts Gutes bewirken, wenn sie die Realität aus den Augen verlieren.
Viele unserer Vorschriften stammen aus einer Zeit, da Arbeit noch körperlich zermürbend und ihr Ablauf minutengenau vorgegeben war. Arbeitsschutz bleibt wichtig, aber optimaler Schutz lässt sich nicht mehr pauschal regeln. In den USA etwa genießen Fabrikarbeiter strikten Schutz, Wissensarbeiter mehr Selbstverantwortung. Auch wir ermöglichen im Büro flexible Arbeitszeiten zwischen 6 und 22 Uhr.
Streng genommen müsste ich wegen der gesetzlich vorgeschriebenen elfstündigen Ruhezeit jemanden abmahnen, der frühmorgens arbeitet, nachmittags die Kinder betreut und sich abends noch mal eine Stunde an den Schreibtisch setzt. Das widerstrebt mir – und vielen in der Belegschaft auch. Ähnlich absurd ist die starre Grenze von maximal zehn Arbeitsstunden am Tag: in der Produktion richtig, beim Programmierer, der gerade im Flow ist, schlicht hinderlich. Das Gesetz zwingt zur Unterbrechung – angeblich zum Schutz des Menschen. Ich habe da Fragezeichen.
Dazu kommt eine irritierende Doppelmoral: In der Industrie halten wir alles penibel ein, während in Krankenhäusern unmenschliche Schichten geduldet werden, Kanzleien und Beratungen das Gesetz beugen und in Bundestag und Ministerien viele nach acht Stunden ausstempeln – um dann weiterzuarbeiten. Wir sollten Regeln finden, die allen die nötige Flexibilität geben.
Wir konkurrieren mit Ländern, in denen Schnelligkeit und Gestaltungsfreiheit selbstverständlich sind. Und wir kooperieren mit ihnen: Für Kunden und Zulieferer in den USA oder Asien müssen wir vor neun und nach fünf erreichbar sein. Wir sollten den Mut haben, Schutz und Selbstbestimmung differenzierter zu denken. Warum sollten mündige Mitarbeiter nicht selbst entscheiden können, wie sie ihre Wochenarbeitszeit sinnvoll aufteilen?
Sabine Herold weiß, was die Welt zusammenhält: Mit ihrem Mann übernahm sie 1997 den Klebstoffspezialisten Delo per Management-Buy-out. Heute ist die studierte Chemieingenieurin in der Geschäftsführung für Engineering, Marketing und Personal verantwortlich.
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