Homeoffice: Arbeitnehmer, stellt euch nicht so an!

Nun zieht der Proteststurm also auch durch die Türme der Deutschen Bank: Der Konzern hat es sich erlaubt, die Belegschaft an eine Betriebsvereinbarung zur Rückkehr ins Büro zu erinnern – und damit enorme Empörung ausgelöst. 40 Prozent Homeoffice sind demnach vorgesehen, in Absprache mit dem Vorgesetzten sind aber auch 60 Prozent drin. Eine durchaus großzügige Quote, die viele Banker dennoch als Affront werten. Mehr als jeder Zehnte der etwa 10.000 Beschäftigten soll sich inzwischen im Intranet über die strikte Ansage beschwert haben.
Das Jammern der Banker ist ein Jammern auf hohem Niveau. Ausdruck einer irritierenden Anspruchshaltung. Nicht nur, weil sich viele andere, sei es im Mittelstand, sei es in schlechter bezahlten Branchen, über so viel Freiheit freuen würden. Sondern auch, weil die aktuellen Zeiten keine sind, in denen es sich deutsche Unternehmen leisten könnten, dass sich die Belegschaft im Homeoffice zurücklehnt.
Solidarität statt Sauerteig
Natürlich, viele haben es sich seit Beginn der Coronapandemie dort gemütlich gemacht – und niemand tut sich leicht damit, lieb gewonnene Privilegien abzugeben. Doch genau darin liegt das Problem: Die Banker, die sich nun beschweren, denken vor allem an sich – und eben nicht an das Unternehmen, von dem sie bezahlt werden. Sogar ziemlich gut bezahlt werden.
Sie helfen jungen Kollegen nicht mehr bei der Einarbeitung. Sie stärken mit einem Plausch in der Kantine nicht mehr den Teamgeist. Und sie entwickeln auch kein Gespür mehr für neue Prioritäten oder neue Prozesse.
Weitet man den Blick über die Deutsche Bank hinaus, wird deutlich, dass dieser Egoismus sogar noch dreister ist. All diejenigen, die sich nun im Homeoffice verschanzen, verweigern sich nicht nur der Betriebsvereinbarung, sondern auch einem impliziten Gesellschaftsvertrag.
Die Banker nämlich genießen ein Privileg, das es in vielen anderen Berufen gar nicht gibt: Keine Pflegekraft, keine Verkäuferin, kein Erzieher kann seinen Job im Homeoffice erledigen. Sie alle müssen seit Beginn der Pandemie vor Ort sein. Sie haben dafür zu Beginn ein hohes gesundheitliches Risiko mit allen damit verbundenen Sorgen in Kauf genommen, während die Banker parallel zum Zoom-Meeting das Sauerteigbrot ansetzen konnten. Und sie nehmen dafür noch immer die Strapazen der Pendelei auf sich, während die Banker auch mal eine kleine Joggingrunde im Park in ihren Arbeitsalltag legen können.
Es wäre also an der Zeit, etwas zurückzugeben. Gerade in Zeiten, in denen die Wirtschaft ins Stocken gerät, braucht es die großen Konzerne wie die Deutsche Bank – aber auch SAP und VW, wo derzeit ähnliche Kämpfe um die angemessene Homeofficequote ausgefochten werden. Sie alle müssen sich der Aufgabe stellen, die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb zu stärken. Und die lässt sich nicht im Homeoffice bewältigen.
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