Karriereleiter: Drei Tipps für die ersten 30 Sekunden Ihres Auftritts
Jetzt lernen Sie den total souveränen, überzeugenden Bühnenauftritt. Und damit meine ich tatsächlich den ersten Moment, in dem das Publikum Sie kennenlernt. Oder aus Ihrer Perspektive gesprochen: den ersten Moment, in dem Sie von den Blicken des Publikums zerschossen werden. Aufgefressen. Vernichtet!
Erkennen Sie das wieder? Fühlen Sie sich in den Moment hinein, in dem Ihnen die Bühne freigemacht wird, die Zuschauer für Sie klatschen und mehr oder weniger gespannt sind, wer und was sie jetzt erwartet. Und dann gehen Sie nach vorne. Vielleicht sind da noch ein paar Treppenstufen nach oben, Sie spüren die Scheinwerfer, Sie im Rampenlicht. Die Leute im Publikum versinken im anonymen Halbdunkeln, nur auf Sie kommt es jetzt an. Die Welt steht still. Sie haben das Wort.
Ich würde es nicht so dramatisch schildern, wenn ich es nicht selber immer wieder so und so ähnlich geschildert bekäme. Gestandene Führungskräfte können nicht einschlafen, wenn sie an die ersten Sekunden ihres Auftritts am nächsten Tag denken. Es hat sich einst eine Landtagsabgeordnete bei mir gemeldet und gesagt: „Ich muss gleich vors Parlament treten. Schnell! Wie krieg ich die Auftritts-Panik weg?“
Und dann diese Symptome:
- Der trockene Mund lässt Sie vor Publikum schmatzen, der Hals brennt, die Zunge schmeckt nach Eisen.
- Der Puls rast, lässt Ihre Stimme zittern und gepresst klingen.
- Die Achseln nässen und das zehrt zusätzlich am Selbstvertrauen.
- Wenn dann noch die Gesichtsröte zuschlägt, können es alle sehen: Sie! Sind! So! Nervös!
Und es wird nicht besser, wenn wir uns dann noch klarmachen: In den ersten Sekunden des Auftritts bildet sich das Publikum seine Meinung über uns. Toll! Und jetzt?
Hier meine drei Tipps:
1. Besiegen Sie die Nervosität mit einer neuen Haltung
2. Überzeugen Sie ab Sekunde 1 mit unschlagbaren Einstiegsworten
3. Meistern Sie die physischen Stress-Symptome
Tipp 1: Besiegen Sie die Nervosität mit einer neuen Haltung
Wir wissen ja: Es ist immer gut, sich ins Publikum hineinzuversetzen. Denn das wollen wir ja überzeugen. In diesem Fall dient der Perspektivwechsel zusätzlich dem Ziel, Sie aus der selbst erdachten Schlusslinie zu ziehen. Es geht um das Publikum. Das denkt nicht: „Jetzt zählt's. Toi toi toi. Hoffentlich geht alles gut“. Das denkt meist eher: „Och, mal sehen, was jetzt kommt.“
Es ist nicht da, um Sie zu testen, es denkt nicht in erster Linie an Ihren Stress. Es ist in einer aufgeschlossenen Konsumhaltung. Für das Publikum wird Ihre Auftrittsnervosität erst zum Thema, wenn es sie körperlich feststellt. Und das kann dauern. Dazu später.
Stellen Sie sich also nicht eine anonyme Masse von Leuten vor, die sich kollektiv denkt: „Dann wollen wir ja mal sehen, ob es peinlich wird“, sondern einen einzelnen, interessieren, Ihnen zugewandten Menschen, der es gut mit Ihnen meint: „Ich freue mich auf das, was ich jetzt erfahren werde.“ Das wirkt beruhigend. Also: Betrachten Sie Ihren Auftritt so locker, wie es das Publikum tut. Punkt A.
Punkt B: Sehen Sie Ihren Auftritt als Teil eines Spiels. Sie gehen nicht auf die Bühne, weil eine böse Macht Ihr Leben fremdsteuert. Sondern Sie haben es selber so gewollt. Es gehört zum Spiel, das wir Leben nennen. Oder zumindest: Berufsleben. Und in diesem Spiel gibt es entspannte Spielzüge und eben auch diese Herausforderungen. Ohne die wäre das Spiel des Lebens langweilig. Lächeln Sie also in sich hinein und zucken Sie mit den Schultern. Es gehört dazu.
Spüren Sie, wie eine andere Betrachtung des Ganzen - weg von der persönlichen Prüfung als Zumutung hin zum „Einfach mal sehen, denn ich habe es ja selber so gewollt“ – Sie leichter durchatmen lässt? Probieren Sie es mal aus. Sicher fallen Ihnen noch andere, ganz eigene Perspektivwechsel ein, die Sie entspannter machen.
Tipp 2: Überzeugen Sie ab Sekunde 1 mit unschlagbaren Einstiegsworten
Es ist zu verführerisch, aber lassen Sie es unbedingt sein: Versuchen Sie nicht, sich zu beruhigen, indem Sie Ihren Auftritt vor Publikum bagatellisieren.
Kennen Sie so etwas? „Ja, guten Abend, ich würde sagen, wir fangen mal an. Wie gesagt, mein Name ist Leonie Meyer. Ja, und ich freue mich, hier zu sein.“
Oder: „Test, Test. Ah, können Sie mich hören? Ja? Hinten auch? Super. Ok. Also, ja, legen wir los. Guten Morgen erstmal natürlich.“
Mit solchen Worten soll dem Auftritt die Dramatik genommen werden. Motto: Ich bin ganz knuffelig und alles ist halb so wild. Ihnen mag das seelisch gut tun. Doch für das Publikum ist das ein Stimmungskiller. Es ist langweilig. Überlegen Sie sich stattdessen einen knalligen Einstieg, der aufhorchen lässt. So geht’s:
Statt einführender Laberei lieber sofort rein ins Thema: Steigen Sie direkt mit einer Anekdote ein, einem Erlebnis, das zum Thema passt oder knallen Sie den Leuten sofort eine Zahl um die Ohren, die diese schlackern lässt. Ohne Firlefanz.
„Guten Abend, ich bin heute hier mit der Bahn angereist und jetzt kommt’s: Der Zug war vier Minuten zu früh am Ziel. Und wissen Sie, warum?“
„Die Kriminalität ist an den Brennpunkten unserer Stadt deutlich zurückgegangen. Es geht also. Ich sage Ihnen, was wir alle davon lernen können. Guten Tag zusammen.“
Und verzichten Sie im Idealfall auf eine eigene Vorstellung. Haben Sie keine Hemmungen, den Moderator oder die Moderatorin vorab darum zu bitten, einleitende Worte über Sie zu sagen. Das ist ohnehin eleganter und dann müssen Sie nicht zuallererst um sich selbst kreisen. Sie können sich voll um den Inhalt Ihrer Rede kümmern. Das entspannt. Gibt es keine Moderation, können Sie wichtige Daten über Ihre Person vorab versenden oder sogar auf eine Pausenfolie notieren, die vor Ihrem Auftritt eine Weile eingeblendet wird und verschwindet, sobald Sie auftreten.
Der hemmungslose Einstieg direkt zum Thema mag ungewohnt erscheinen, reißt das Publikum aber sofort mit und lässt Sie enorm selbstbewusst und souverän wirken.
Nebeneffekt: Wenn Sie wissen, dass Sie sich das irgendwie Improvisieren zum Warmwerden sparen werden, sinkt die Nervosität vorab. Denn Sie haben einen klaren, genialen Plan, der die anderen von Ihnen überzeugen wird und den Sie vorab üben können.
Tipp 3: Meistern Sie die physischen Stress-Symptome
Ihr Gefühlschaos, die innere Unsicherheit, Ihr Gedankengewirr in den ersten Sekunden - von all dem bemerkt das Publikum meist nichts. Es sei denn, Ihr Stress lässt sich hören oder sehen.
Gehen Sie es ganz pragmatisch an.
- Neigen Sie zu Schweißausbrüchen, tragen Sie ein Oberteil über Hemd oder Bluse.
- Bemerken Sie ein Zittern in Ihrer Stimme, reden Sie lauter.
- Wird der Mund trocken, gibt es einen erstaunlichen Trick, der mich bei meinem ersten Auftritt als Fernsehmoderator gerettet hat. Beißen Sie links und rechts sanft auf Ihre Zunge. Dann schießt praktisch immer Speichel aus der Drüse unter der Zunge ein, den Sie dann verteilen können.
- Befürchten Sie, dass gerade Ihr Gesicht rot glüht, ignorieren Sie dies oder gehen Sie charmant in die Offensive: Legen Sie die Handrücken an Ihre Wangen und fragen Sie mit einem Lächeln etwa: „Ist nur mir so heiß? Ja?“, um dann zu sagen: „Da sehen Sie mal, wie engagiert ich bin.“
Aber wahrscheinlich werden Sie mit deutlich weniger Schweiß, Blut und Tränen zu kämpfen haben, wenn Sie an Ihrer Haltung arbeiten und ab Sekunde 1 ins Thema einsteigen, um Ihr Publikum inhaltlich so mitzureißen, dass weder für Sie noch für die Zuschauenden Zeit bleibt, sich über Sie und Ihre innere Unruhe Gedanken zu machen.
Und nach dreißig Sekunden sind Sie eh im Flow. Spätestens nach einer Minute. Viel Erfolg!
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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Kommunikations-Berater für Leute in Führungspositionen. Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.