Karriereleiter: Habecks „Küchentalks“: Führen Sie diesen Hierarchie-Kurzschluss auch in Ihrer Firma ein!
Wirtschaftsminister Robert Habeck in seinen Wahlkampftagen.
Foto: Kay Nietfeld/dpaRobert Habeck hat sich vorgenommen, bis Ende des Jahres mehrere Termine pro Woche einzurichten, in denen er mit Menschen aus dem Volke talkt. Und zwar an deren Küchentisch zuhause. Wie etwa mit der Erzieherin Isabell.
Ausschnitte aus dem Gespräch hat das Wahlkampfteam auf YouTube gepostet. Und der Clip beginnt nicht chronologisch, sondern mit dem Resümee, dass sie dank Habeck nun wieder Hoffnung habe, dass die Zustände in den Kitas sich doch noch verbessern ließen. Wie gesagt: Wahlkampf.
„Hallo, ich bin Robert. Passt das so für dich?“
Passt.
Und dann erzählt Isabell auf Roberts Nachfragen, warum sie sauer ist: etwa wegen zu großer Kita-Gruppen (zwanzig Kinder auf einen Erwachsenen). Bildung in Deutschland halt.
„Wie kaputt bist du?“
„Ich fahre nicht mehr zum Sport, weil ich nach der Arbeit so geplättet bin.“
Am Ende erklärt Habeck direkt in die Kamera, was er aus dem Gespräch mitgenommen hat. Zum Beispiel, dass die Überlastung in einen Teufelskreis führt. Überlastete Kolleginnen und Kollegen werden schneller krank, was den Druck auf die Gesunden weiter erhöht. Er werde die Erkenntnisse aus dem Gespräch nicht vergessen.
Ich wiederhole: Das ist ein Wahlkampf-Video. ABER: Es war für die Erzieherin Isabell auch die großartige Chance, dem Bundeswirtschaftsminister ihre Meinung zu geigen. Und ihn mit greifbaren Alltagsbeispielen zu überzeugen.
Und wie oft wünschen wir uns doch im Joballtag, dass uns genau die Entscheider in Ruhe zuhören, die unsere Wünsche erfüllen und Missstände beseitigen könnten!
Der Reiz dieser Küchengespräche liegt im Spiel mit der Ad-hoc-Überwindung der Distanz zwischen Führungspersönlichkeiten und denen, die auf gelungene Führung angewiesen sind. Im Beispiel mit dem Vizekanzler symbolisiert und auf die Spitze getrieben durch das von Habeck angebotene Du.
Finden Sie Ihren eigenen Weg zum Hierarchien-Kurzschluss in Ihrer Firma.
1. Der Talk in der Teeküche
Es war einer der Augenöffner-Momente zu Beginn meines Berufslebens. Mein erster Arbeitgeber spendierte jeden Freitag um Punkt 17 Uhr ein Fässchen eiskaltes Kölsch für alle - und zwar in der Lounge, die nichts anderes war als ein gemütlicher Aufenthaltsraum mit Kaffeemaschine und Kühlschrank.
Während von montags neun Uhr bis freitags 17 Uhr alle streng nach Zuständigkeiten, Outlook-Kalender und vereinbarten Prozessen vorgingen, ging es freitags von 17 bis 18:30 Uhr munter durcheinander. Ein bisschen mag dazu der Alkohol beigetragen haben. Der Rest war die Vorfreude aufs Wochenende, die uns allen das Gefühl gab: Eigentlich ist das hier gerade nicht mehr richtig Arbeit.
Was dazu führte, dass über Abteilungsgrenzen und Hierarchien hinweg geklönt wurde. Wie nebenbei wurden Befindlichkeiten offenbar, wie etwa die Parkplatzsituation, die Zumutungen der Raucherei während der Konferenzen (es waren die Nullerjahre), vermeintlicher Kleinkram, der so aber mal eben spontan den Zuständigkeiten der Personalabteilungen nach dem Zuprosten zugerufen werden konnte. Was der erste Schritt zur Problemlösung war. Davon abgesehen, dass hier plötzlich kreative Ideen für das Fernsehprogramm von Seiten derer vorgetragen wurde, die sonst in der restlichen Zeit der Woche dafür gar nicht zuständig waren.
Schaffen Sie also Räume für kunterbuntes Drauflos-Schwadronnieren. Warum nicht als Sprung ins Wochenende?
2. Mut zur fehlenden Agenda
Meiner Beobachtung nach trauen sich Vorgesetzte oftmals nicht, dem Team in Konferenzen ohne Tagesordnung entgegenzutreten.
Mehr Mut! Bieten Sie Ihren Leuten spontane Konzeptlosigkeit, die zu unkonventionellen Gesprächen einlädt.
Wenn auf diesem Weg die Initiative vom Team ausgeht und endlich mal wieder zur Sprache kommt, wofür sonst nie Zeit zu sein scheint. Wie wäre es mit einer offenen Talkrunde mit dem Namen „Freies Schießen“ oder „Einfach mal drauf los“ alle 14 Tage?
3. Machen Sie klar, wohin das alles führt
Wir Menschen haben eine feine Antenne dafür, ob das Ohr unseres Gegenübers wirklich offen ist für Vorschläge, Kritik und Ideen. Ein Team, das sich traut, sich den Vorgesetzten gegenüber ohne Angst vor Konsequenzen zu öffnen, ist ein Schatz. Verspielen Sie den Vorteil nicht, indem Sie Ihre Talkrunden zu einem reinen Auskotzkanal verkommen lassen, in dem die Leute nur mal Druck ablassen können sollen. Dieses geheuchelte Interesse fliegt schnell auf und Ihnen um die Ohren.
Auch wenn die Talkrunden keiner von Ihnen gesetzten Agenda folgen, sind sie ja doch voller Anliegen. Protokollieren Sie, notieren Sie und melden Sie regelmäßig Vollzug.
Und versuchen Sie eine Haltung einzunehmen, die Sie davor bewahrt, Kritik und Verbesserungsvorschläge aus dem Team direkt als Grund zu nehmen, sich zu rechtfertigen. Schalten Sie erst einmal auf Empfang. Immerhin sind Sie gerade dabei, sich für Lösungen zu öffnen.
4. Keine Scheu vor Selbstmarketing
Natürlich dürfen Sie auch als Führungspersönlichkeit davon profitieren, dass die Belegschaft Sie für zugänglich hält. Gerade aus größeren Unternehmen kenne ich regelrechte Talkshow-Formate, in denen sich Abteilungsleiter und Geschäftsführung live den Fragen und der Kritik der Belegschaft stellen - samt gemütlicher Sitzecke und professioneller Beleuchtung im Videostream etwa im Intranet. Nehmen Sie sich dafür aber unbedingt ganz fest vor: Keine abgesprochenen Fake-Fragen, sondern lieber Mut zur Lücke und Mut zum Hinweis: Ich nehme Ihr Anliegen mit und melde mich noch einmal dazu.
Wenn Sie also Ihrem Team das Gefühl geben, sich die Sorgen vom Leib reden zu dürfen, macht dies nicht nur die Anderen zufriedener, sondern Sie werden Optimierungsmöglichkeiten kennenlernen, die Ihnen sonst nie in den Sinn gekommen wären. Und vielleicht vergessen Sie die – wie Robert Habeck – ja auch nie wieder. Ganz ohne Wahlkampftamtam. Ihre Gesprächsrunden sind ungeschminkt und ungeschnitten – und deshalb so authentisch.
Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Kommunikations-Berater für Leute in Führungspositionen.