Kind und Karriere: „Mir wurde klargemacht, dass ich mir besser einen anderen Job suche“
Mehr als jede dritte Frau wechselt nach der Elternzeit den Arbeitgeber.
Foto: imago imagesAls Silvia Bentzinger zum ersten Mal schwanger war, signalisierte ihr damaliger Chef, dass es im Unternehmen keine Perspektive mehr für sie geben würde. „Ich habe auf internationaler Ebene gearbeitet und es hieß, dass es utopisch wäre, als Mutter weiterzumachen“, erinnert sie sich. „Mir wurde schnell und deutlich klargemacht, dass ich mir besser einen anderen Job suche“.
Was Bentzinger in einem Unternehmen in Detmold erlebt hat, ist kein Einzelfall. Eine Stepstone-Umfrage aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass mehr als jede dritte Frau nach der Elternzeit den Arbeitgeber wechselt. Nur 48 Prozent der Befragten kehrten zu ihrer alten Stelle im gleichen Unternehmen zurück. Und das, obwohl es (theoretisch) als längst überholt gilt, dass Frauen sich zwischen einer Karriere und Kindern entscheiden müssen. Immerhin arbeiteten laut Statistischem Bundesamt laut jüngsten Daten aus dem Jahr 2022 69 Prozent der Mütter minderjähriger Kinder; 2005 waren es lediglich 60 Prozent.
Wie wichtig Familienfreundlichkeit in Unternehmen ist, zeigen Umfragen: Laut einer Stepstone-Untersuchung sind zwei Drittel der Befragten zu finanziellen Abstrichen bereit, wenn ein Arbeitgeber besonders viele familienfreundliche Maßnahmen anbietet. Als besonders wichtige Maßnahmen gelten ein flexibler Arbeitsort und flexible Arbeitszeiten, aber auch die finanzielle Unterstützung für die Kinderbetreuung sowie Langzeitkonten zur Freistellung für Familienzeit. Zugleich gaben 41 Prozent der befragten Eltern an, dass sie ihren Arbeitgeber in Sachen Familienfreundlichkeit nicht weiterempfehlen würden – ein heikles Ergebnis angesichts des Fachkräftemangels.
Silvia Bentzinger hat inzwischen den Chefposten des Familienunternehmens Seidensticker inne – und zeigt, wie Frauen Familie und Karriere eben doch vereinbaren können. „Ich habe ein Unternehmen gefunden, das mich unterstützt“, erzählt sie im aktuellen Chefgespräch, einem Podcast der WirtschaftsWoche.
„Die Unternehmenskultur bei Seidensticker ermöglicht es mir, sowohl Karriere als auch Familie zu vereinbaren.“ Hier könne sie flexibel und frei arbeiten und ihren Alltag so organisieren, dass beides machbar sei. „Ich habe mit den Gesellschaftern von Seidensticker großartige Chefs, die selbst sehr familienbewusst sind und viel Verständnis an den Tag legen“. Das sei für sie ein sehr wichtiger Faktor. „Wenn man spürt, dass man in seinem Unternehmen nicht weiterkommt, kann ich nur sagen: Land gewinnen und suchen, wo es geht“.
„Mein Wunsch war es, finanziell unabhängig zu sein“
Wegweisend war für Bentzinger ihre Mutter – die war Hausfrau und kümmerte sich um drei Kinder und den Haushalt. Die Seidensticker-Chefin erinnert sich, ihr sei schon früh klar gewesen, dass sie nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, sondern berufstätig sein will. „Mein Wunsch war es, finanziell unabhängig zu sein und für mich einzustehen“.
Damit das gelingen könne, sei nicht nur das berufliche Umfeld wichtig, sondern auch das private: „Meine erste große Säule ist mein Ehemann, der mich innerlich unterstützt und hinter mir steht“. Die Unterstützung durch Partnerschaften habe sich gesellschaftlich in den letzten Jahren stark verändert, unterstreicht die Seidensticker-Chefin im Podcast. „Viele Männer haben mittlerweile eine andere Einstellung, sind engagiert und unterstützen ihre Frauen und Familien.“
So eine Unterstützung ist längst nicht selbstverständlich. Viele Frauen geben an, sowohl bei der Kinderbetreuung als auch im Haushalt den überwiegenden Teil der sogenannten Care-Arbeit zu übernehmen. Laut Statistischem Bundesamt bringen Frauen täglich 44,3 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Umgerechnet sind das 79 Minuten Unterschied pro Tag. Bettina Kohlrausch von der Hans-Böckler-Stiftung erläuterte anlässlich des Equal-Care-Days im Februar im Gespräch mit der WirtschaftsWoche, dass Familien immer noch zur klassischen Rollenverteilung neigten. „Das liegt zum Teil daran, dass Frauen immer noch weniger verdienen, da sie häufiger in schlecht bezahlten Branchen arbeiten“, so Kohlrausch, „da macht es mehr Sinn, auf das Gehalt der Frau zu verzichten“.
Für Betzinger sind aber auch ihre Kinder selbst eine wichtige Säule, damit sie ihrer Karriere nachgehen kann: „Meine Kinder funktionieren ganz toll und machen mir nicht so große Sorgen, sie sind sehr ausgeglichen und kennen die Situation“, erzählt sie im Podcast.
Betzingers letzter Tipp: weniger Perfektionismus. „Ich musste mir abgewöhnen, in allen Dingen perfekt sein zu wollen“, berichtet sie, „sonst würde ich wahrscheinlich untergehen – ich lebe ganz gut mit den restlichen 80 Prozent, die funktionieren.“
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